Bechtle übernimmt größten Mitbewerber im deutschen HP-Markt für 3D-Druck
Fachkräfte, Kunden, Hersteller- und Partnerverträge mit HP übernimmt Bechtle Additive Manufacturing Deutschland von Kaut-Bullinger. Während dieses Systemhaus 3D-Druck für Geschäftskunden aufgibt, baut Bechtle es aus. Was die Schwaben besser machen als der Münchner Wettbewerber.
Die traditionsreiche Kaut-Bullinger-Gruppe hat vor 2 Jahren eine Sanierung in Eigenregie eingeleitet und Insolvenz angemeldet. Das sichtbarste Zeichen einer Schieflage des Schreib- und Bürowarenfachhändlers hatten die Münchener und Münchnerinnen schon zwei Jahre zuvor gesehen: Im Februar hatte Kaut-Bullinger seine Einzelhandelsfiliale in der Fußgängerzone der Landeshauptstadt für immer geschlossen. 44 Jahre nach Eröffnung dieses einzigartigen Fachgeschäfts für Privatkunden und Gewerbetreibende (5 Stockwerke, 2.000 m² Verkaufsfläche, äußerst kompetentes Personal) hatte die Corona-Pandemie alles verändert. Kaut-Bullinger verlegte sich auf Online-Handel und B2B, wozu strategisch auch 3D-Druck mit Hersteller HP zählte. Nun geht diese BU mit kleiner Mannschaft per Asset Deal über zu Bechtle. Zahlen zur Transaktion nennen die Beteiligten keine.
Nur so viel: "Bechtle übernimmt den größten Mitbewerber im deutschen HP 3D-Druck-Markt und baut nun auch eine Präsenz im österreichischen Markt auf. Das etablierte Familienunternehmen Kaut-Bullinger zieht sich mit dem Verkauf des Geschäftsbereichs vollständig aus dem 3D-Druck-Business zurück".
Georg Nusser, Geschäftsführer von Kaut-Bullinger, sieht in Bechtle einen starken und im Markt hervorragend positionierten Partner", der das 3D-Druck-Geschäft langfristig erfolgreich weiterentwickeln könne. Die Übertragung der Business Unit 3D sei für ihn "Teil unserer strategischen Neuausrichtung und schafft für unsere Kunden, Mitarbeitenden und Partner eine verlässliche Perspektive". Nusser ist überzeugt, dass seine 3D-Kunden "von der technologischen Expertise, der Serviceorganisation und der hohen Marktdurchdringung von Bechtle profitieren werden".
Kaut-Bullinger zwischen Systemhaus (noch dazu der komplexe Bereich additive Fertigung) und Büro-Fachhändler mit bestens sortiertem Ladengeschäft: dieses heterogene Geschäftsmodell hat nicht funktioniert. Bechtle, 1983 gegründet, hat sich von Anfang an auf die B2B-Klientel fokussiert. Gewerblicher 3D-Druck spielt für Bechtle seit einigen Jahren bereits eine größere Rolle. Bevor ein solches Spezialgebiert unter einem eigenen Dach gebündelt wird, muss das Business schon eine gewisse Größe erreichen. Bei 3D-Druck war 2024 so weit, die Nackarsulmer gründeten die Bechtle Additive Manufacturing Deutschland GmbH, die nun Fachkräfte von Kaut-Bullinger, Kunden sowie Hersteller- und Partnerverträge mit HP übernimmt. Neben HP vertreibt Bechtle auch industrielle 3D-Drucksysteme, Software und Services der Hersteller, Markforged, 3D Systems, Sintratec und DyeMansion.
Durch die Integration in die bestehende Organisation von Bechtle könnten laut dem Systemhaus "Vertriebs-, Service- und Verwaltungsstrukturen effizient genutzt, Synergien realisiert und die Auslastung vorhandener Kapazitäten weiter erhöht werden."
Partnerschaft mit HP gestärkt
Der Deal mit Kaut-Bullinger eröffne "zusätzliche Potenziale für den Ausbau des Geschäfts mit Bestandskunden sowie für die Weiterentwicklung wiederkehrender Umsätze aus Serviceleistungen, Care Packs und Verbrauchsmaterialien". Mit Herstellerpartner HP werden die Beziehungen noch enger.
"Die Übernahme ist ein wichtiger Schritt für den weiteren Ausbau unserer Marktposition. Mit den hinzugewonnenen Kundenbeziehungen, der installierten Systembasis und der ausgewiesenen Anwendungs- und Servicekompetenz erweitern wir unsere Leistungsfähigkeit erneut. Gleichzeitig stärken wir unsere Partnerschaft mit HP und schaffen beste Voraussetzungen, um unsere Kunden entlang der gesamten Wertschöpfungskette des industriellen 3D-Drucks noch umfassender zu begleiten", kommentiert Patrick Schnizler, Geschäftsführer Bechtle Additive Manufacturing Deutschland.
Aufgehängt ist seine Gesellschaft bei Uwe Burk, einer der aktuell neun Bereichsvorstände bei Bechtle, die die operative Verantwortung unterhalb des dreiköpfigen Vorstands tragen. Burk ist für PLM - Engineering & Manufacturing zuständig. In dieser BU bündelt Bechtle sein europäisches Geschäft mit PLM, CAD und Additive Manufacturing. "Additive Manufacturing ist ein strategisches Wachstumsfeld für Bechtle", sagt Bereichsvorstand Burk. Man wolle die "führende Position in Europa" stärken, in der DACH-Region zusätzliche Marktanteile gewinnen und "gezielt" in europäische Märkte expandieren. "Der Ausbau unseres HP 3D-Druck-Geschäfts ist dafür ein wichtiger nächster Schritt", so der Manager.
Über 1.000 Beschäftigte im PLM-Netzwerk der Bechtle-Gruppe
Das europäische PLM-Netzwerk der Bechtle-Gruppe umfasst laut eigener Aussage die Unternehmen Bechtle PLM Deutschland, Bechtle PLM Austria, Bechtle PLM Schweiz, die spezialisierte Bechtle Additive-Manufacturing-Gesellschaften in Deutschland und der Schweiz sowie die Schwesterunternehmen EuroSolid (Ungarn), Nuovamacut (Italien), Cadmes (Benelux und Frankreich) und DriveWorks (Großbritannien). Mit Aktivitäten in neun Ländern und insgesamt mehr als 1.000 Expert:innen sei die Bechtle Gruppe "einer der größten PLM-Anbieter Europas."
Das Portfolio umfasse Lösungen in den Bereichen PLM, CAD/CAM, Produktdatenmanagement, Digitaler Zwilling, Vertriebskonfiguration, Smart Factory, AR/VR, IIoT, 3D-Druck sowie Schnittstellen zu ERP- und Supply-Chain-Management-Systemen. In Kooperation mit den Bechtle IT-Systemhäusern "bieten die Spezialisten zudem integrierte Lösungen für IT-Infrastruktur, Cloud, Künstliche Intelligenz und IT-Security", so Bechtle. Bechtle ist im PLM-Bereich langjähriger Partner von Anbieter wie Dassault Systèmes, SolidCAM, DriveWorks, HP, BLT, Markforged, Formlabs, DyeMansion und ASM.
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