Agentische KI: Anthropic und ein Österreicher verunsichern Märkte

Schadet agentische KI der Softwarebranche mehr als sie ihr nützt? ServiceNow, Oracle, Salesforce verlieren allein im Januar ein Viertel ihres Werts, andere Firmen büßen ein zweistelliges Minus ein. Anthropic und ein Österreicher mit seiner agentischen KI OpenClaw sorgen für Schlagzeilen.

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Mit seiner Open-Source-KI-Lösung OpenClaw sorgt der Wiener Peter Steinberger aktuell für viel Aufsehen in der Entwicklerszene und bei Medien (Foto: ZIB/Youtube)

Im Januar verloren fast alle börsennotierten Softwareunternehmen kräftig an Wert: ServiceNow minus 27 Prozent, Oracle minus 26 Prozent, Salesforce minus 25 Prozent und auch Adobe (minus 20 Prozent), SAP (minus 17 Prozent) und Microsoft (minus 15 Prozent) büßten zweistellig ein. Analysten befürchten, dass agentische KI viele SaaS-Anwendungen überflüssig machen könnte. Sie sehen den Produktivitätssprung selbständig agierender KI-Assistenten, der Experten für Programmierung, Systemintegration oder Support überflüssig machen könnte. Softwarehersteller und Dienstleister in der IT-Service-Branche stehen unter Druck: Ist ihr aktuelles Geschäftsmodell noch zukunftsfähig, welche Rolle wollen sie spielen, wenn KI in der Lage ist, menschliche Expertise um ein Mehrfaches zu skalieren?

Die Internet-Blase vor 26 Jahren ist geplatzt, weil damals Medien Todeslisten von E-Commerce-Unternehmen (darunter Amazon) nach einer recht einfachen Logik aufstellten: Journalisten ermittelten, wann den allesamt defizitär arbeitenden E-Commerce-Unternehmen das Geld ausgehen würde. Auslöser solcher Todeslisten war der Artikel des US-Wirtschaftsmagazins Barron's, der am 20. März 2000 mit dem Titel "Burning Up" erschien, illustriert mit brennenden Geldsäcken. Die schiere Masse der aufgelisteten Dotcoms mit tiefroten Bilanzen hatte die Börse erschüttert.

Die eine Nadel, die damals die Dotcom-Blase platzen ließ, ist bei KI nicht in Sicht. Seit Monaten wird über eine KI-Blase spekuliert, aber der große Knall bleibt aus. Es sind kleinere Meldungen bekannter KI-Unternehmen und einige Nachrichten aus der Entwickler-Community, die aufmerksame Branchenexperten elektrisieren und allmählich bei Investoren ankommen. Nicht bei allen, aber die seit Wochen bröckelnden Aktienkurse haben die Analystenzunft größtenteils alarmiert.

Anthropic Claude Cowork lässt KI-Assistenten selbständig agieren

So kürzlich die Meldung von Anthropic zu Claude Cowork. Das ist ein KI-Assistent, dem ein Benutzer Zugriff auf einen lokalen Ordner auf seinem PC erlaubt und ihm Aufgaben erteilt, die er selbständig löst. Anders als Chatbot, die auf Fragen Antworten liefern, führt Cowork aktiv Aufgaben auf dem Computer aus. Im Gegensatz zu Claude Code für Softwareentwickler soll Claude Cowork von technisch nicht versierten Benutzern eingesetzt werden können. Das ist in der Benutzung ein neuer Ansatz: Weg vom synchronen Dialog mit einem Chat-Bot, hin zu einem synchronen Agenten, der komplexere Aufgaben über eine längere Periode auf dem Rechner eines Benutzers selbständig ausführt.

"Legal Plugin" von Anthropic

Als Anwendungsbeispiel führt Anthropic die Fähigkeit von Cowork an, Fotos von Spesenbelegen in einem für den Agenten freigegebenen Ordner zu analysieren und daraus eine Abrechnung zu generieren. Das lässt sich auf jede Art von Dokumenten - Bilanzen, Verträge, Kundenlisten, ect. – für verschiedene Reports anwenden. Diese Woche hat Anthropic ein "Legal Plugin" veröffentlicht: Claude Cowork kann man mit juristischen Datenbanken verknüpfen, so dass Rechtsanwälte juristische Workflows und Reports oder Verträge erstellen können. Der KI-Anbieter rechnet damit "viele weitere nützliche Integrationen" einzuführen und sein Toolkit zu erweitern.

Wirklich nur eine "potenzielle Störung traditioneller Geschäftsmodelle"?

Die Börse reagierte auf die Veröffentlichung von Legal Plugin sofort. Die Aktie des niederländischen Softwareanbieters für Fachinformationen, Wolters Kluver, brach am Mittwoch um 13 Prozent ein. Der Kommentar von JPMorgan-Analyst Toby Ogg zu den Börsenturbulenzen von Aktien aus den Branchen IT und Software: "Wir befinden uns in einem Umfeld, in dem der Sektor verurteilt wird, bevor der eigentliche Prozess beginnt". Der Markt ist verunsichert und bleibt es vorerst auch. "Es sei denn, es kann unwiderlegbar nachgewiesen werden, dass KI ein nachhaltiger Wachstumsmotor und nicht ein langfristiges Wachstumshemmnis ist", sagt Ogg.

Börsenanalysten der Commerzbank sprachen im Zusammenhang mit der Einführung neuer KI-Tools von einer "potenziellen Störung traditioneller Geschäftsmodelle". Müsste es nicht eher "Zerstörung" heißen?

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Ungebändigter KI-Agent Openclaw

Peter Steinberger kann sich derzeit vor Medienanfragten nicht retten. Dem ORF gibt der Wiener für Zeit im Bild ein Interview. "Oberösterreicher stellt KI auf den Kopf", so der Videotitel auf Youtube. Steinbergers Projekt Openclaw (auch Clawdbot, früher Moltbot) sorgt für viel Aufsehen in der Entwickler-Community. Es gibt auf Youtube bereits einige Tutorials, wie man Openclaw installiert – einschließlich der dringenden Warnung, dies auf einer separaten Umgebung (VM oder Mac Mini) zu tun. Clawdbot geht nämlich über das hinaus, was Anbieter wie Anthropic und andere KI-Hersteller noch scheuen: Ihren KI-Agenten weitgehend selbständige Entscheidungshoheit über Aktionen zu geben.

Clawdbot hat vollen Zugriff auf den Rechner und sollte daher ausschließlich in einer isolierten Umgebung laufen. Befehle erhält Steinberges Agent über Whatsapp, Telegram oder iMessage. Um Reservierungen oder Buchungen gebeten, legt der KI-Assistenz los: öffnet Browser, recherchiert Informationen, schlägt Alternativen vor, richtet Aktionspläne ein, wenn Arbeiten regelmäßig durchgeführt oder Erinnerungen gesetzt werden sollen, fragt nach Zugangsdaten und Kreditkarteninformationen, um Buchungen abzuschließen.

"Ein Österreicher schreckt das Silicon Valley auf", titelt das Handelsblatt zur Story des Software-Unternehmers Steinberger, der als Mitbegründer und CEO die Firma PSPDFKit für 100 Millionen Euro an Insight Partners verkauft hatte.

Aconitas-Chef: "Wir werden immer eine Nische finden"

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Andreas Schober beobachtet die KI-Entwicklung sehr genau und denkt nach über die Folgen für seine Aconitas: "Ich habe keine Sorge, dass uns KI überflüssig macht" (Foto: ZIB/Youtube)

Anruf bei Andreas Schober. Der Gründer und Chef von Aconitas aus Mertingen macht CRN auf Openclaw und das gewaltige Potenzial agentischer KI aufmerksam. Schober testet derzeit Clawdbot und ist schwer beeindruckt von der Leistungsfähigkeit dieser KI. Die Konfiguration einer 3CX Cloud-Telefonie-Umgebung hat einwandfrei geklappt. Mit jeder Installation lernt Clawbot die Logik und merkt sich Arbeitsschritte, um sie später selbständig ohne Rückfragen durchzuführen. Als nächstes will Schober den Agenten auf die Konfiguration von Firewalls loslassen.

Chance oder Gefahr für sein IT-Haus? Immerhin vertreibt Aconitas Software einiger Hersteller – u.a. Microsoft - und hat sich auf TK und Managed Services spezialisiert. Personalintensive Arbeit, die seine Mitarbeiter auslastet und mit der sein Unternehmen gutes Geld verdient. "Ich habe keine Sorge, dass uns KI überflüssig macht. Wir werden immer eine Nische finden", sagt er. Dennoch will Schober sein Team zusammentrommeln und seinen Technikern vor Augen führen, was Openclaw zu leisten in der Lage ist. Schober will gerüstet sein, wenn KI doch eine disruptive Phase der Zerstörung bestehender Prozesse und Services einleitet, die seinen Markt und seine Kunden tangiert.

Steinbergs Open-Source-KI-Lösung ist weit davon entfernt, in der Praxis eingesetzt zu werden. Denn Unternehmen brauchen Kontrolle über Daten und Workflows, müssen ihre IT absichern und rechtssicher betreiben. Aber das Projekt Openclaw zeigt, wohin die (agentische) KI-Reise sehr wahrscheinlich gehen wird. Dass sie als "potenzielle Störung" traditioneller Geschäftsmodelle begriffen wird, wie die Commerzbank meint, ist wohl eher von der Hoffnung getragen, dass an der Börse alles nicht so schlimm kommen werde.

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