Netzausbau in Deutschland: Die Zukunft braucht Bandbreite

All-IP schafft die Basis der Unternehmenskommunikation von morgen – aber ist die deutsche Breitbandversorgung für diese Zukunft überhaupt schon gerüstet? Ein Blick auf die Infrastruktur und den Netzausbau in Deutschland.

Das Medium der Zukunft

Lange Zeit haben Fördermaßnahmen der Bundesregierung auch die Erschließung mit Kupferkabel eingeschlossen, das hat wiederum den Glasfaser-Ausbau ausgebremst. »Kupfer war da und aufrüstbar, also wurde Kupfer gefördert. Aus diesem kurzfristigen Blickwinkel hat die Politik also geliefert«, sagt HFO-CEO Achim Hager. »Aber aus dem strategischen Blickwinkel hat sie damit auf Jahre dem Business-Case Glas geschadet.«

Erst in letzter Zeit hat sich die Gewichtung immer weiter in Richtung Glasfaser verschoben. Das ist kaum verwunderlich. Immerhin gilt die optische Datenübertragung über Glasfaser neben 5G als wohl zukunftssicherstes Medium, das den Anforderungen der digitalen »Gigabit-Gesellschaft« entspricht. Download-Geschwindigkeiten von einem Gigabit pro Sekunde sind hier problemlos realisierbar, während für das von der Deutschen Telekom weiterhin vorangetriebene Super Vectoring auf Kupferbasis maximale Geschwindigkeiten von 250 bis 300 Mbit pro Sekunde angegeben werden – und diese sind jeweils nur in einem relativ kleinen Radius um den jeweiligen Verteilerkasten erreichbar. Auch Wolfram Rinner, Geschäftsführer des Infrastrukturanbieters Gasline, ist sich sicher, dass Glasfaser in Deutschland alternativlos ist: »Glasfaser ist das Medium der Zukunft. Es gibt kein Produkt, das schneller Daten überträgt mit einer geringeren Latenzzeit. Sie bekommen Daten quasi in Lichtgeschwindigkeit über eine Leitung.« All das sei mit Kupfer Stand heute nicht möglich.

Für die deutsche Industrie dürfte das Fehlen von Glasfaser und damit von hohen Bandbreiten mit jedem Jahr zu einem größeren Problem werden. »Gerade auf dem Land besteht – was der Politik seit einem Jahrzehnt bekannt ist – der größte Handlungsbedarf«, sagt Martin Witt, Präsident des VATM, eines Interessenverbandes aus rund 120 deutschen Telekommunikations- und Dienstleistungsunternehmen. Demnach standen laut Zahlen des TÜV Rheinland Mitte 2018 in der Stadt 83,2 Prozent der Haushalte Anschlüsse mit mehr als 100 Mbit/s Bandbreite zur Verfügung, in halbstädtischen Gebieten 53,6 Prozent und in ländlichen Regionen lediglich 19,4 Prozent. »Die Politik muss die enormen Anstrengungen des Marktes flankieren, zum Beispiel durch die Abschaffung der Sonderrechte der Telekom für die Nutzung von Vectoring gegenüber FTTB/H und die Senkung der aktuell noch höher regulierten Preise für die Vermietung der alten Kupferanschlüsse«, fordert Witt als Maßnahmen, um den Glasfaserausbau voranzutreiben.

Uwe Nickl, CEO bei Deutsche Glasfaser, kritisiert darüber hinaus: »Schnellere Verlegetechniken werden manchmal bürokratisch im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst. Zudem muss die Bearbeitung der Anträge für Baumaßnahmen besser koordiniert und beschleunigt werden.« Denn gerade für den Mittelstand in Deutschland bietet der Anschluss an die gigabitfähige Infrastruktur Chancen zur digitalen Weiterentwicklung und somit zu einer besseren Wettbewerbsfähigkeit, so Nickl.

Gleichzeitig hakt es aber nicht nur in Wirtschaft und Politik. Denn nicht immer lässt sich ein schneller Ausbau auch amortisieren, da nicht alle Nutzer und Unternehmen automatisch an einem verfügbaren FTTB/H-Anschluss interessiert sind. Laut einer aktuellen Studie des VATM standen Ende Juni 2019 über vier Millionen deutschen Haushalten ein entsprechender Glasfaseranschluss zur Verfügung – mit 1,28 Millionen nahmen diesen aber gerade 31,7 Prozent auch in Anspruch. Zwischen Angebot und Nachfrage tut sich für die Betreiber also eine Schere auf, die einen schnellen Ausbau unattraktiver gestalten und weiter verzögern kann.