Network Functions Virtualization: Konkurrenz fürs traditionelle Netzwerk

Die Virtualisierung einzelner Netzwerkkomponenten – auf Englisch Network Functions Virtualization oder NFV – hat das Zeug, grundlegende Probleme im Netzwerk zu lösen. Es macht Service-Provider und Unternehmen flexibler bei der Einführung neuer Dienste und hilft dabei, Kosten zu sparen.

Service-Provider treiben den Markt

Dennoch: Verglichen mit der Server-Virtualisierung ist die Virtualisierung von Netzwerkfunktionen in der Praxis noch deutlich weniger verbreitet. Vor allem große Service-Provider und Managed-Service-Provider sind derzeit die Vorreiter in Sachen NFV. »Die Anzahl an Projekten hält sich aus unserer Sicht noch in Grenzen. NFV ist im Service-Provider-Markt ein wichtiger Trend und hier gibt es auch den größten Bedarf und konkrete Projekte«, sagt Frank Witte, Solution Manager bei Computacenter. »Große Service-Provider sind aktuell dabei, das Potenzial zu analysieren, und virtualisierte Service-Platformen sind auf dem Vormarsch. Wir sehen heute aber noch keine nennenswerte Projekte im Enterprise- beziehungsweise Campus-Bereich«, bestätigt auch Olaf Hagemann, Director of Systems Engineering DACH bei Extreme Networks. Erste konkrete Projekte gibt es bislang vor allem bei großen Providern wie der Telekom und AT&T. Angesichts der Größe ihrer Netze lohnt sich die Virtualisierung einzelner Netzwerkfunktionen für sie am meisten, denn die Einsparungen bei Hardware und Wartung rechnen sich bei ihnen schnell zu hohen Summen auf.

Zumindest langfristig dürfte NFV jedoch kein reines Provider-Thema bleiben. Im nächsten Schritt dürften zunächst kleinere Service-Provider und schließlich vermehrt auch Enterprise-Unternehmen das Thema für sich entdecken. Von den Vorteilen der Virtualisierung können vor allem Unternehmen profitieren, die an Remote-Standorten schnell und kostengünstig ein Netzwerk zur Verfügung stellen wollen. Das Thema steht dabei in engem Zusammenhang mit dem Software-definierten WAN (SD-WAN). Unternehmen, die ihr Weitverkehrsnetz durch Software managen, virtualisieren oft auch ihre Netzwerkfunktionen im Rahmen von NFV.

Darüber, ob das NFV-Konzept für klassische Enterprise-Unternehmen ähnlich interessant ist wie für Provider, sind sich auch die Brancheninsider noch nicht einig. »NFV ist nicht nur ein Thema für die großen Anbieter, sondern auch für Tier-2- und Tier-3-Service-Provider und Unternehmen. Immer mehr T2/T3-Service-Provider nutzen die Innovationen, die die Virtualisierung ihnen bietet, um ihr Geschäft auszubauen. Das Gleiche gilt für Organisationen, die die Vorteile von NFV sehen«, sagt Wayne Cheung, Service Provider Product Marketing Director bei Juniper. Mit einer Plattform für virtualisierte Netzwerkservices könnten diese beispielsweise ihr WAN vereinfachen. Über reine Netzwerkservices hinaus würden viele Unternehmen und Service-Provider die Plattform auch für Enterprise-Anwendungen wie Point-of-Sale-Applikationen oder die Auslieferung von Inhalten nutzen wollen. »Innovationen rund um NFV nehmen weiterhin Fahrt auf, da die Lösungen immer häufiger kommerziell verfügbar sind«, so Cheung.

Zurückhaltender schätzt dagegen Computacenter das Potenzial von NFV in Enterprise-Unternehmen ein. »Im Enterprise-Markt wird NFV als Konzept in der Form wohl eher nicht zur Anwendung kommen, da dort bereits SDN-basierte Konzepte bereitstehen. Denkbar ist hier in Zukunft eventuell eine Verbindung von NFV- und SDN-Ansätzen«, sagt Witte.