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Handelsszenario 2030 des IFH

Großes Ladensterben – auch ohne Corona

24. März 2020, 16:00 Uhr   |  Daniel Dubsky

Großes Ladensterben – auch ohne Corona
© Mario Hoesel - AdobeStock

Bis zu 64.000 stationäre Händler könnten in den nächsten zehn Jahren verschwinden, weil sich das Einkaufsverhalten der Menschen ändert, prognostiziert das Institut für Handelsforschung. Die Corona-Krise dürfte die Entwicklung nun sogar noch beschleunigen.

Um 134 Milliarden Euro ist der deutsche Einzelhandel in den vergangenen zehn Jahren gewachsen, doch diese Zahl täuscht darüber hinweg, dass es vielen Geschäften nicht gut geht. Sie leiden unter der sinkenden Attraktivität der Innenstädte und veränderten Einkaufsgewohnheiten der Menschen – die Folge sind immer weiter sinkende Umsätze.

Das Wachstum der letzten Dekade haben die Händler vor allem im Online-Bereich erzielt, aber auch im Ausland und im Großhandelsgeschäft. Zieht man dann noch das Wachstum im Lebensmittelhandel ab, bleiben gerade mal 15,1 Milliarden Euro übrig, hat das IFH Köln ausgerechnet. Der Umsatzzuwachs betrug also nur gut anderthalb Milliarden Euro pro Jahr, was »nahezu Stillstand« sei, wie die Marktforscher konstatieren.

Sie haben vier Szenarios entwickelt, wie sich der Einzelhandel in den nächsten zehn Jahren entwickeln könnte. Dazu zählen etwa eine stärkere Discountierung des stationären Handels, ein größer Fokus auf das Online-Geschäft und eine Revitalisierung der Städte durch emotionale Einkaufserlebnisse. Die schlechte Nachricht: Selbst im besten Fall würden bis 2030 insgesamt 26.000 Händler verschwinden – im schlechtesten Fall sogar bis zu 64.000.

Multichannel allein reicht nicht

Es stelle sich damit weniger die Frage, wie Wachstum in der Breite möglich sei, so das IFH, sondern vielmehr wie man Marktanteile erhalten könne. Der Handel müsse sich mit Konzepten, die die Bequemlichkeit der Konsumenten ansprechen, emotionalen Einkaufserlebnissen sowie neuen lokalen und digitalen Angeboten positionieren. Nur so könne er Menschen ansprechen, die online sozialisiert wurden und zunehmend Bequemlichkeit und Emotionalität fordern, aber auch ein neues Selbstverständnis und neue Wertemaßstäbe mitbringen, etwa den Wunsch nach nachhaltigen Produkten.

Multichannel-Ansätze, wie sie lange als Überlebensstrategie für den Einzelhandel propagiert wurden, werden nach Einschätzung des IFH allein nicht ausreichen. Hier hätten in den vergangenen Jahren zunächst kleine Unternehmen an Marktanteilen verloren, doch die Strukturveränderungen seien mittlerweile so groß, dass auch große Händler betroffen sind. Sie würden zwar noch Marktanteile gewinnen, aber ihr Wachstum verlangsame sich. Das Bespielen mehrerer Kanäle sein kein Alleinstellungsmerkmal mehr, es brauche neue Mehrwerte um in der Konsumentengunst zu bestehen, so das IFH.

Corona erhöht der Veränderungsdruck

Verschärft wird die Situation nun durch die Corona-Krise, die das IFH in seinen Szenarien, die auf Prognosen vom Jahresbeginn beruhen, noch gar nicht berücksichtigt hat. Sie könnte das Ladensterben beschleunigen und erhöht nun den Druck auf Händler, sich zu verändern. Dem »Zeitalter der Perfektion von Prozessen rund um Beschaffung und Absatzoptimierung« folgt nach Einschätzung der Marktforscher ein »ein neues Zeitalter, das die persönliche Nähe in den Fokus setzen muss«. Es gehe in der Zukunft darum, »Handel als Freizeitgut zu verstehen und eine komplett andere Wertewelt und ein neues Leistungsversprechen zu erschaffen.«

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