Der Denkfehler der Smart City: Schlaue Städte für tumbe Bürger

Die vor allem von Technologiekonzernen forcierte Vision der Smart City verspricht den städtischen Lebensraum in vielfacher Hinsicht zu optimieren. Ob die Bewohner das wollen, brauchen und nutzen, wird dabei meist völlig außer Acht gelassen.

(Foto: Artusius - Fotolia)

Schon seit fast 20 Jahren geistert der nebulöse Traum von der Smart City durch die Welt der Technik, Politik und Stadtplanung. Die Intelligenz der Städte soll dabei vor allem aus einer umfassenden Vernetzung, Datensammlung, -auswertung und –nutzung entstehen. Durch Echtzeitdaten und selbstlernende KI werden die Verkehrsleitsysteme und der öffentliche Nahverkehr optimiert und Staus ausgemerzt, der Energie- und Ressourcenverbrauch sowie der Schadstoffausstoß verringert, die Raumnutzung und auch die Verwaltung optimiert. Soweit zumindest die blumigen Versprechen, die vor allem von den Marketingabteilungen großer Technologiekonzerne in schönsten Farben ausgemalt und verbreitet werden. Auch die Politik springt nur allzu gerne auf diesen Zug auf. Sichtlich bemüht versuchen sich auch alle Deutschen Großstädte das trendige Label der Smart City anzuheften.

So erklärt es ausgerechnet das chronisch finanzschwache und charmant chaotische Berlin zum obersten Ziel seiner digitalen Agenda, die smarte Hauptstadt Europas zu werden. Gleichzeitig stellen schon so einfache Alltagsfunktionen wie die automatische Steuerung der Entrauchungsanlage so große Probleme dar, dass der Flughafen BER vom Prestigeprojekt zur weltweiten Lachnummer geworden ist. Ähnlich die vermeintlich smarte Stadt München, die sich seit mehreren Jahren mit Hinweisschildern an den Türen ihrer Bürgerbüros dafür entschuldigt, dass es aufgrund von IT-Problemen »aktuell« zu besonders langen Wartezeiten kommen kann. Natürlich müssen die Bürger nach wie vor trotzdem die meisten Amtsgänge vor Ort erledigen und sich anstellen, oder vom Sicherheitsdienst wegen Überfüllung direkt wieder nach Hause schicken lassen. Und auch eines der wenigen echten Münchener Online-Angebote, der Kita-Finder, erweist sich mit grausamer Zuverlässigkeit seit Jahren immer wieder nur als chronisch unzuverlässig.

In der Praxis ist somit von all den Visionen bislang – abgesehen von einigen Leuchtturmprojekten in Form von seelenlosen Retortenstädten – sehr wenig zu sehen. In Deutschland sind wir selbst vom ersten kleinen Schritt einer smarten E-Government-Verwaltung noch ähnlich weit entfernt wie Donald Trump von einem smarten Staatsmann. Und die Industrieriesen schaffen es trotz all der großen Versprechen bis heute noch nicht einmal, ein vernünftiges Parkplatzleitsystem und wirklich smarte Ampelsteuerungen umzusetzen.

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