Ehemaliger Versatel-CEO wechselt: Pruchnow wird Telekom-Beauftragter für Breitband

Johannes Pruchnow wird Vorstandsbeauftragter der Deutschen Telekom für Breitbandkooperation. Die Personalie ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Telekom von ihrem bisherigen Konfrontationskurs abkehrt.

Telekom statt Breko: Johannes Pruchnows Wechsel deutet auf einen Kurswechsel bei der Telekom hin.
(Foto: 1&1 Versatel)

Mit dem Ausbau der Vectoring-Technologie, die – technisch bedingt – vielerorts den Ausschluss der Konkurrenz bedeutet, hat die Deutsche Telekom die Wettbewerber in Aufruhr gebracht. Massiv hagelte es Kritik, da die Vectoring-Technik von Experten nur als Übergangs-Technologie angesehen wird. Moderne, hochleistungsfähige Breitbandnetze sind nur mit Glasfasertechnologie realisierbar. Doch der Ausbau von Glasfaser kommt in Deutschland bislang nur schleppend voran. Nach Angaben der Industrieorganisation FTTH Council erreicht Deutschland bei direkten Anschlüssen von Gebäuden und Wohnungen gerade einmal einen 1-Prozent-Anteil und befindet sich damit in etwa gleichauf mit den Glasfaser-Entwicklungsländern Kroatien und Polen.

Bedenkt man, wie wenig die Telekom beim Breitband- und Glasfaser-Ausbau bislang auf die Konkurrenz zugegangen ist, könnte man fast meinen, sie habe jetzt den Bock zum Gärtner gemacht. Denn mit Johannes Pruchnow als Vorstandsbeauftragten für Breitbandkooperation hat bei dem Konzern nun jemand das Sagen, der seit Jahren den Glasfaserausbau vorantreiben will. Die heutige 1&1 Versatel, deren Chef Pruchnow bis Frühjahr 2016 war, wurde unter seiner Regie zum Betreiber des zweitgrößten Glasfasernetzes in Deutschland. Vor seiner 2012 begonnenen Tätigkeit als Versatel-CEO war Pruchnow Managing Director des Geschäftskundenbereichs von Telefónica Germany und von 2007 bis 2009 CEO von Telefónica Deutschland. Als Vizepräsident im Breko (Bundesverband Breitbandkommunikation) und Präsidumsmitglied im VATM (Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten) nahm Pruchnow Einfluss auf die regulatorischen Rahmenbedingungen des deutschen Telekommunikationsmarkts - und hielt sich hier mit Kritik an seinem neuen Arbeitgeber nicht zurück.

Neue Signale kommen schon jetzt von der Telekom: Mit der neuen Funktion von Pruchnow »…unterstreicht die Deutsche Telekom die besondere Bedeutung eines schnellen und flächendeckenden Glasfaser-Breitbandausbaus in Deutschland und will die Zusammenarbeit mit den Wettbewerbern deutlich intensivieren«, teilt der Konzern mit. Auch Telekom-Chef Timotheus Höttges wird in der gleichen Mitteilung zum eifrigen Verfechter von Breitband-Deutschland: »Der Ausbau der Breitbandnetze in Deutschland ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Gesellschaft. Hier wollen wir noch mehr Geschwindigkeit und Flächendeckung erreichen. Das Ziel lautet, gemeinsam den Menschen und Unternehmen in Deutschland leistungsfähigere Anschlüsse als bisher zur Verfügung stellen«.

Betrachtet man den bislang schleppenden Breitbandausbau, der selbst vielen Anliegern in Metropolen nur DSL-Tempo 25 bietet, klingen die neuen Erkenntnisse in Bonn beinahe so, als wenn Apple-Chef Tim Cook das Windows-Betriebssystem in höchsten Tönen loben würde. Die Personal-Entscheidung der Telekom ist deutlich: »Wir sehen Johannes Pruchnows Berufung auch als Signal an unsere Wettbewerber, dass wir das zuletzt schwierige Verhältnis verbessern wollen“, betont Höttges.

Pruchnows große Herausforderung bei der Telekom wird es sein, regionale Netzbetreiber, Unternehmen, Behörden und lokale Ausbauinitiativen unter einen Hut zu bringen. »Wir wollen die Zusammenarbeit auch und vor allem dort verbessern, wo wir bisher nicht selbst ausgebaut haben, um unseren Kunden auch in diesen Gebieten zukünftig leistungsfähige Dienste und Services anbieten zu können«, sagt Niek Jan van Damme, im Vorstand der Deutschen Telekom für das Deutschlandgeschäft verantwortlich. »Mit der neu geschaffenen Position wird es zukünftig auch eine Stelle geben, die auf der Ebene des Topmanagements die verschiedenen Stränge innerhalb der Telekom koordiniert und die Kooperationen mit anderen Marktteilnehmern schließen wird«, so van Damme weiter.

Gut möglich, dass der neue Kurs der Telekom nicht nur vom Telekom-Konzernvorstand, sondern von höchster, politischer Stelle forciert wurde. Der Breitbandausbau ist die Voraussetzung für die weitere Digitalisierung in Deutschland sowie für den künftigen, übergreifenden Kommunikationsstandard 5G. Als Anteilseigner der Telekom wäre es töricht, wenn der Staat hier eine Bremsklotz-Funktion ausüben würde.