Kopfnuss: Die Entdeckung der Langsamkeit

Während die digitale Welt sich immer schneller dreht, gehen es über zwei Millionen Amerikaner lieber gemächlich an. Sie surfen noch immer mit einem 56 K-Zugang des jetzt von Verizon geschluckten Internet-Dinos AOL.

(Foto: Dream Works)

Obwohl die meisten ITK-Geräte eigentlich mit dem Ziel entwickelt werden, uns zu entlasten und unser Leben zu vereinfachen, erreichen sie am Ende meist doch das genaue Gegenteil. Je mehr und schnellere Geräte wir zur Verfügung haben, desto selbstverständlicher erwarten Arbeitgeber und Mitmenschen, dass man in Echtzeit schreiben, antworten und arbeiten kann. Dass dies jedoch ein gewaltiger Trugschluss ist, wissen nicht nur Arbeitspsychologen bereits seit Jahren und warnen vor den möglichen schlimmen Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft.

Gruppierungen wie der »Verein zur Verzögerung der Zeit« fordern deshalb schleunigst eine Entschleunigung, um uns besser vor solchen Gesellschaftsübeln zu schützen. Die meisten technologischen Innovationen haben ihren Ursprung in den USA. Kein Wunder also, dass dort sowohl die Schäden als auch solche Gegenbewegungen am deutlichsten zu Tage treten. Trotz der riesigen Distanzen und nur rudimentär verbreiteter alternativer Fortbewegungsmittel wird die Höchstgeschwindigkeit fast überall auf weniger als 100 km/h gedrosselt. Essen wird beim »Slow Food« extra langsam serviert. Und auch auf der Datenautobahn verwehren sich viele Amerikaner dem hemmungslosen Geschwindigkeitsrausch. Während unsere Regierung nimmermüde am Berliner Luftschloss der Breitbandverfügbarkeit baut, verwenden in den USA alleine beim Internetdinosaurier AOL noch immer über zwei Millionen Nutzer ein Modem mit maximal 56 Kbit/s. Mit durchschnittlichen Kosten von 20 US-Dollar pro Monat bezahlen sie dafür sogar mehr als eine mehrere hunderte Male schnellere Breitbandflatrate kosten würde. Wie die Kopfnuss herausgefunden hat, plant die Telekom deshalb, diese solvente Kundschaft gezielt zu erobern. Auch wenn offiziell andere Gründe vorgeschoben werden, um den Neidfaktor nicht überborden zu lassen: Der rosa Riese baut dafür derzeit extra seine hiesige ISDN-Infrastruktur ab, um sie künftig in Amerika unter dem Namen »T-Surf and Chill« als Luxusvariante der Schnecken-Anschlüsse mit ordentlichem Aufpreis zu vermarkten. Schon für 50 Dollar Aufpreis bekommt man zudem einen Smartphonetarif mit minutenweiser Abrechnung der 9,6 Kbit/s langsamen GSM-Datenverbindung dazu. Wohl dem, der sich die Zeit dafür leisten kann.