Einheitliches Betriebssystem für alle Clients:
Ungewisse Aussichten für Windows 8

von Werner Fritsch (wfritsch@weka-fachmedien.de)

19.09.2012

Bei PCs und Notebooks dominiert Microsoft unangefochten, bei Smartphones und Tablets hingegen ist der Softwareriese bislang nur Zaungast. Die neue Windows-Version soll als Einheitsbetriebssystem nun das Blatt wenden. OEM-Partner und Distributoren, ISVs und Integratoren stehen in den Startlöchern, die Unwägbarkeiten sind allerdings beträchtlich.

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Der von Windows Phone und Mobiltelefonen bekannten Kacheloberfläche soll in der Microsoft-Welt auch auf anderen Plattformen die Zukunft gehören. (Bild: Microsoft)

Am 26. Oktober wird Windows 8 auf den Markt kommen und die Welt der Client-Betriebssysteme verändern. Das neue Windows bietet eine neue Benutzeroberfläche (UI, User Interface) mit dem Code-Namen Metro, der dann aus rechtlichen Gründen gestoppt wurde, und neue Programmierschnittstellen (APIs, Application Programming Interfaces) namens WinRT (Windows Runtime). Technologisch versucht Microsoft damit einen großen Wurf: Das neue System soll alle Arten von Clients steuern – traditionelle Desktop-PCs und Laptops, die mit Chips in Intels x86-Architektur arbeiten und per Tastatur und Maus zu bedienen sind, ebenso wie neuere Tablet-Rechner und Smartphones, die stromsparende Chips nach ARM-Bauart verwenden und über einen Touchscreen verfügen. Noch fehlt die letzte Klarheit, wie einheitlich die neue Betriebssoftware über die unterschiedlichen Hardware-Plattformen und -Displays hinweg wirklich ausfallen wird.

Microsoft kümmert sich bei Windows 8 unterdessen selbst um die Hardware: Der Softwarehersteller will ein Tablet namens Surface auf den Markt bringen, um ähnlich wie Apple alles unter Kontrolle zu haben und das Optimum herauszuholen. Bei den Smartphones hat Microsoft-CEO Steve Ballmer zusammen mit Nokia-CEO Stephen Elop Anfang September ein neues Gerät vorgestellt, auf dem das neue Handy-Windows laufen wird. Nokia, einst Marktführer in diesem Segment, kämpft inzwischen gegen den Niedergang und setzt bei den Betriebssystemen ausschließlich auf Windows Phone.

Wenn Windows 8 kein durchschlagender Erfolg wird, dürften Ballmers Tage als Microsoft-Chef gezählt sein, unken Wirtschaftsmedien. In der Tat erwirtschaftet Microsoft den Großteil des Gewinns nach wie vor mit dem PC-Betriebssystem Windows und dem zugehörigen Büropaket Office. Inzwischen werden jedoch mehr Tablets und Smartphones verkauft als PCs und Notebooks, und der Trend setzt sich fort. Bei diesen neueren Endgeräten ist Microsoft bislang Zaungast. Einst bildete die Allianz mit Intel die Grundlage eines Monopols, doch mit der Ausbreitung leichtgewichtiger mobiler Endgeräte ging die Alleinherrschaft bei den Clients verloren. Die Allianz wurde zur Fessel und führte dazu, dass Microsoft nun als Späteinsteiger versuchen muss, im rasch wachsenden Tablet-Markt doch noch signifikante Marktanteile zu erringen. Die Auguren des Marktforschungsunternehmens IDC trauen Microsoft zu, hier binnen fünf Jahren rund zwanzig Prozent zu erreichen, wenn die Preise und die Formfaktoren stimmen.

Besonders rasant vollzieht sich der Wandel bei den Konsumenten: Dort ersetzen Tablets oft Notebooks, wie IDC-Analyst Al Gillen ermittelt hat. In diesem Segment nimmt bekanntlich Apple eine Vorrangstellung ein, Google zieht mit seinem kostenlosen Betriebssystem Android und zahlreichen Hardware-Partnern inzwischen nach. In den Unternehmen sind Tablets hingegen zusätzliche Produkte, die traditionelle PCs für bestimmte Einsatzwecke ergänzen oder als Zweit- oder Drittgerät des Mitarbeiters verwendet werden.

Unterschiedliche Plattformen und Displays

Mit einem durchgängigen Betriebssystem und einer einheitlichen Oberfläche für alle Plattformen kann indes noch kein Anbieter aufwarten. Es ist allerdings fraglich, in welchem Umfang dies möglich und zweckmäßig ist. Denn die Hardware-Voraussetzungen und Bedienkonzepte unterscheiden sich sehr. Das weiß auch Microsoft. Deshalb gibt es die Möglichkeit, auf traditionellen Clients die neue Kacheloberfläche, die auf berührungssensitive Bildschirme (Touchscreens) ausgerichtet ist, abzuwählen und einen Desktop anzuzeigen, der mit Maus und Tastatur bedient werden kann und dem von Windows 7 ähnelt. Ob die neuen Programmierschnittstellen tatsächlich auf Smartphones, Tablets, Desktop-PCs und Notebooks identisch sein werden, ist bislang nicht bekannt. Unklar sind auch die Auswirkungen auf die Server-Seite und damit die Rechenzentren. Denn bislang ist dort der .Net Framework, der zusammen mit dem Betriebssystem Windows Server ausgeliefert wird, die vorherrschende Programmierumgebung.

Steve Ballmer, seit zwölf Jahren an der Spitze von Microsoft, versucht mit Windows 8 einen großen Wurf. (Foto: Microsoft)

Wenn Windows 8 von den Kunden gut angenommen wird, dürften etliche bislang häufig verwendete Programmiertechnologien für den Client keine Zukunft mehr haben. WinRT soll bei Clients nach dem Willen Microsofts die Zukunft gehören. Die ursprünglich für Windows Phone eingerichtete Kacheloberfläche soll zum Standard werden, sodass die Benutzer überall dieselbe Umgebung vorfinden. Im Gegenzug sind andere Programmiertechnologien wie WinForms, WPF und Silverlight auf dem absteigenden Ast, folgert John Rymer, Analyst bei dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research. Für Legacy-Anwendungen auf traditionellen Desktops wird Microsoft die alten Win32-Programmierschnittstellen weiter unterstützen.

»Für Microsoft ist es wichtig, zur Markteinführung von Windows 8 und Windows Phone 8 eine Vielzahl von Apps anbieten zu können«, argumentiert Axel Oppermann, Berater bei der Experton Group. Ein entsprechender Marktplatz steht bereit. Aber viele Softwarehersteller (ISVs, Independent Software Vendors) werden vielleicht erst mitmachen, wenn Microsoft bei Tablets und Smartphones signifikante Marktanteile errungen hat. Bis zahlreiche Geschäftsanwendungen mit dem neuen User Interface vorliegen, dürften noch Jahre vergehen, schätzt Oppermann. Davon geht auch Martina Mesin aus, Managerin für Commercial Notebooks bei dem Hardware-Riesen HP.

Ohne die Entwickler geht nichts

Martina Mesin, Notebook-Managerin bei HP, rechnet erst in einigen Jahren mit zahlreichen Geschäftsanwendungen für Tablets. (Foto: CRN)

»Die meisten Microsoft-ISVs müssen im Einklang mit den Prioritäten der Unternehmens-IT agieren, wenn sie Erfolg haben wollen«, betont Rymer. Die ISVs wissen um die Verbreitung von Apples iOS und Googles Android, für die Endanwender im Sinn der Consumerization der IT in den Unternehmen gesorgt haben. Zwar werden die typischen Geschäftsanwendungen weiterhin zuerst mit traditionellen PC-Frontends verfügbar gemacht, doch für mobile Szenarien etwa bei Versicherungen oder im Gesundheitswesen sind Tablets keine Exoten mehr, wie IDC-Analyst Gillen bestätigt und auch Wolfgang Janhsen, Head of Business Unit PC Systems and Apple bei dem Distributor Tech Data. ISVs, die mit Microsofts Programmiertechnologie .Net arbeiten, bleiben durchaus bei dieser Plattform, aber sie öffnen sich inzwischen auch für Technologien anderer Herkunft.

»Microsoft unterstützt die Entwickler sehr gut. Bis in einem Jahr dürfte Windows 8 bei den Apps zu den Wettbewerbern aufgeschlossen haben«, erwartet deshalb Haris Musemic, Produktmanager bei Microsofts OEM-Partner Asus. »Die ISVs werden sich die Chance nicht entgehen lassen, ihre Apps auch für Windows 8 bereitzustellen«, pflichtet Sylke Rohbrecht bei, Head of Business Unit PC des Distributors Also Actebis.

Für die Anwender und auch für den Vertrieb könnte es nichtsdestotrotz eine Hürde darstellen, dass traditionelle Windows-Desktop-Applikationen und Internet-Explorer-Anwendungen im Allgemeinen nicht auf Tablets laufen und umgekehrt Apps nicht auf herkömmlichen Desktops. »Das sind zwei verschiedene Welten«, gibt Jens Böcking, Produktmarketing-Manager bei dem Microsoft-OEM-Partner Samsung, zu bedenken.

Zwar will Microsoft mit Windows 8 ein einheitliches Betriebssystem für die unterschiedlichsten Geräte bieten, aber anscheinend klappt dies nicht ganz: Bei der Oberfläche nicht, weil sich Kacheln nur bei Touchscreens gut bedienen lassen, und bei den Anwendungsprogrammen nicht, weil x86-Chips, die bei Notebooks und PCs den Standard bilden, und Prozessoren mit ARM-Design, die bei Tablets und Smartphones verbaut werden, unterschiedliche Schnittstellen haben. Das neue Windows für ARM als eine der Varianten von Windows 8 hat sogar einen eigenen Namen: Windows RT. Überdies bleibt Windows Phone als separates System erhalten.

Microsoft verheißt dennoch, dass die meisten Programme mit geringen Änderungen auf allen Plattformen und Displays laufen werden. Dokumente würden sich dann über unterschiedliche Geräte hinweg bearbeiten lassen. IDC-Marktbeobachter Gillen mutmaßt, dass Tablet und PC zu einem einzigen Gerät zusammenwachsen werden. Es gibt bereits Rechner, die sowohl Touchscreens als auch Tastatur bieten, doch der Weg zum Mainstream ist gewiss noch weit.

Viel Beratungsbedarf

Axel Oppermann, Berater bei der Experton Group, sieht Microsoft bei Smartphones und Tablets nicht als Taktgeber. (Foto: Experton)

Wenn Unternehmenskunden sich entschließen, Windows 8 in großem Maßstab einzuführen, ergeben sich Anforderungen und Chancen für Systemintegratoren (Systems Integrators, SIs). Über Windows 8 hinaus können sie weitere Produkte verkaufen und Services erbringen: »angefangen bei Beratungsleistungen im Umfeld einer integrierten Client-Strategie über Migrationsprojekte auf Windows 8, die Entwicklung und Anpassung von Individualsoftware bis zu integrierten VDI-Konzepten in Kombination mit Windows Server 2012«, erläutert Experton-Berater Oppermann. Da der Support für Windows XP im August 2014 ausläuft, dürfte einiges in Bewegung geraten.

Das Beratungshaus Experton Group hat den Einsatz von PC-Betriebssystemen bei Unternehmen in Deutschland untersucht. Befragt wurden Firmen mit mehr als 500 PCs. Die am häufigsten eingesetzte Software ist hier mit rund 50 Prozent immer noch Windows XP, Windows 7 liegt mit 41 Prozent auf Platz zwei, Windows Vista kommt auf sieben Prozent.

Binnen eines Jahres wird sich dies den Plänen der Anwender zufolge jedoch ändern: Dann wird Windows 7 mit 71 Prozent dominieren, die Anteile von XP werden auf sieben Prozent geschrumpft sein, Vista wird noch auf fünf Prozent kommen, die Sonstigen weiterhin auf ein Prozent. Auf Windows 8 als primäres Betriebssystem für PCs und Notebooks wollen in den nächsten zwölf Monaten immerhin schon 16 Prozent der Befragten umsteigen.

Bei den Unternehmen mit mehr als 2.500 PCs setzen derzeit sogar nach 71 Prozent XP als hauptsächliches Client-Betriebssystem ein, in zwölf Monaten wird sich dieser Anteil auf 16 Prozent verringern. Unternehmen mit 500 bis 999 PCs haben mit einem Wert von 55 Prozent derzeit die höchste Durchdringungsrate bei Windows 7, Vista kommt in dieser Kategorie auf zehn Prozent.

Vielfältige Möglichkeiten

Für Wolfgang Janhsen, der bei Tech Data das Geschäft mit PCs und Apple-Rechnern verantwortet, sind die Wahlmöglichkeiten bei den Clients heute so groß wie nie zuvor. (Foto: CRN)

Da die Touch-Bedienung bei traditionellen PCs nicht möglich ist und Produktivitätsvorteile beim üblichen Büroeinsatz zweifelhaft sind, würde es nicht überraschen, wenn Windows 8 in den Unternehmen auf den PCs nur langsam Fuß fassen würde. Windows 7 scheint hier auf der Höhe der Zeit zu sein. Bei Konsumenten sieht es anders aus: Dort werden die Rechner üblicherweise mit dem Betriebssystem gekauft, das vorinstalliert ist. Und künftig wird das im Fall von Windows-Rechnern eben die Version 8 sein. »Beratungsbedarf gibt es auch bei den Verbrauchern, da sie nun sehr viele Wahlmöglichkeiten haben«, ergänzt Tech-Data-Manager Janhsen

Absatzprognosen sind schwierig

Seit Mitte August können Entwickler die finale Version von Windows 8 schon im Rahmen des Microsoft Developer Network (MSDN) herunterlanden und IT-Professionals via TechNet-Abo. Unternehmen mit Software-Assurance-Verträgen bekommen Windows 8 über das Volume Licence Service Center (VSLC). OEM-Partner bestücken ihre Geräte seit August mit der neuen Windows-Variante und liefern sie bald an die Distributoren.

Über technische Eigenschaften hinaus seien emotionale Aspekte bei Kaufentscheidungen von Konsumenten wichtig, betont Janhsen im Hinblick auf den Wettbewerb zwischen Windows-, Android- und iOS-Geräten. Bei neuen Produkten sind Forecasts im Handel auch deshalb nur bedingt valide. »Der Absatz ist nicht gut vorhersagbar«, bestätigt Samsung-Manager Böcking. »Der IT-Channel muss sich angesichts der Entwicklungen im Smartphone- und Tablet-Markt bei der Sortimentszusammenstellung auf die dynamischen und heterogenen Anforderungen der Kunden einstellen«, resümiert Oppermann. Windows 8 und die zugehörigen OEM-Angebote werden sicher nicht ausreichen.

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