Chef der IBM-Sparte Rational im CRN-Interview:
»Wir verfolgen einen Ansatz zur losen Kopplung von Tools«

von Werner Fritsch (wfritsch@weka-fachmedien.de)

16.08.2012

Die von IBM vor neun Jahren zugekaufte Softwareentwicklungssparte Rational versucht seit langem, die Zusammenarbeit effizienter zu gestalten. Ein neuerer Ansatz namens Open Services for Lifecycle Collaboration will Tools unterschiedlicher Hersteller verbinden, wie Kristof Kloeckner, der als General Manager den Geschäftsbereich Rational Software weltweit verantwortet, im Interview mit CRN darlegt.

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Kristof Kloeckner, General Manager, Rational Software, IBM

CRN: Herr Kloeckner, die Werkzeuge von Rational werden zur Entwicklung von kaufmännischen, aber auch von technischen Anwendungen eingesetzt. Wie verteilt sich das in etwa?

Kloeckner: Zwei Drittel des Rational-Geschäfts laufen im traditionellen Bereich der Unternehmens-IT, ein Drittel im Bereich Complex and Embedded Systems. Ein Auto ist heute geradezu ein Rechenzentrum auf Rädern. Wir reden viel über die Consumerization der IT, aber an diese Aspekte denkt man oft nicht.

CRN: Was kennzeichnet die Softwareentwicklung heute?

Kloeckner: Wir haben eine ungeheuere Komprimierung der Entwicklungszyklen. Banken haben bei kundenspezifischen Anwendungen heute Zyklen im Monats- oder sogar Wochenbereich. Dabei geht es zwar nicht um Transaktionen, sondern um CRM, aber trotzdem: Vor ein paar Jahren wäre das noch nicht denkbar gewesen. Der hergebrachte Entwicklungsprozess kommt mit dem Tempo nicht mehr zurande, das bei mobilen Anwendungen angeschlagen wird. Deshalb denken Kunden in diesem Bereich über den gesamten Prozess nach. Der Prozess gibt einen Rahmen vor. Was Prozesseffizienz ausmacht, hängt dann von den Anforderungen der Anwender ab. Sie müssen entscheiden, was sie messen. Tools können ihnen helfen, Prozessdisziplin durchzusetzen. In der Automobilindustrie gibt es zum Beispiel Sicherheitsstandards, die eingehalten werden müssen. Wenn etwas schiefgeht, muss man nachweisen können, dass es nicht an der eigenen Abteilung gelegen hat.

CRN: Das klingt nach mehr Reglementierung. Es gibt gegenläufige Ansätze, von dem bürokratischen Vorgehen bei der Softwareentwicklung wegzukommen. Agile Vorgehensweisen versprechen bessere Zusammenarbeit und raschere Ergebnisse.

Kloeckner: Das ist kein Widerspruch. Sie können nur agil sein, wenn sie diszipliniert sind. Der Widerspruch zwischen der Freiheit des Entwicklers und der Kontrolle durch das Management ist konstruiert. Wenn man Sichtbarkeit schafft, weiß man, wo sich der Prozess befindet und auf welche Anforderungen sich ein Programm bezieht. Dann kann man im Team besser kommunizieren und zusammenarbeiten, weil alle dieselben Informationen haben, denselben Kontext. Unser Ansatz dazu ist die Plattform Jazz. Das Architekturprinzip dahinter nennen wir Linked Data: Es ermöglicht die Verknüpfung von Werkzeugen unterschiedlicher Hersteller. Man verschickt nicht Daten, sondern verweist mir URLs auf sie, wie im Internet. Wir nennen das OSLC: Open Services for Lifecycle Collaboration. Im World Wide Web Consortium gibt es eine Arbeitsgruppe, die sich damit befasst. Wir haben eine Initiative dazu gestartet, an der sich über 140 Unternehmen beteiligen. Da sind Firmen dabei, die mit IBM konkurrieren, wie Oracle, ferner Firmen aus dem Industriebereich, beispielsweise Siemens. Ein Drittel dieser Unternehmen ist sehr aktiv. Es bewegt sich einiges. Das Ziel ist, eine geschlossene Prozessstrecke von der Entwicklung bis zur Bereitstellung zu haben.

Entwicklerwelten sind heterogen

CRN: Vor über zehn Jahren hat Rational für solche Zwecke eine Suite von Tools für den Softwarelebenszyklus zusammengestellt.

Kloeckner: Die Rational Suite zu verwenden, würde es wesentlich einfacher machen. Ich kann es für mein eigenes Team sagen: Wenn Sie diese Tools durchgängig einsetzen, dann sind viele Dinge bereits vorintegriert. Wenn Sie sich auf der grünen Wiese befinden, haben Sie damit viel schneller Erfolg. Aber Fakt ist, dass die größeren Organisationen vorhandene Prozesse und Infrastrukturen haben, die sie sukzessive anreichern und erneuern. Sie brauchen einen modularen Ansatz, der zum Beispiel Tools von Rational, HP und Serena verbinden kann. Im Engineering potenziert sich das, weil jede Industrie spezifische Tools einsetzt. Werkzeuge, die in der Automobilbranche sehr verbreitet sind, will in der Flugzeugindustrie niemand. Leider ist die Welt nicht homogen. Es gibt ein breites Spektrum an Tools. Wir sind zwar der größte Hersteller von Entwicklungswerkzeugen, aber das gilt nicht für alle Untergebiete. Open Source wird ebenfalls stark eingesetzt. Die Unternehmen haben das Problem, wie sie Sichtbarkeit hinbekommen. Es müsste Mindeststandards geben für den Austausch von Daten und Artefakten über die Prozesskette hinweg.

CRN: Auf der Grundlage der Unified Modeling Language wurden solche Standards eigentlich schon definiert. Rational war maßgeblich daran beteiligt.

Kloeckner: UML ist leider nicht weit genug verbreitet. Es hat Versuche gegeben, UML anzureichern. UML und UML-Derivate spielen eine Rolle, aber es ist ähnlich wie bei Corba und SOA. Es war eigentlich nichts falsch an Corba. Aber man kann nicht voraussetzen, dass alle Tools und damit alle Teams, die diese Tools verwenden, denselben Gesichtspunkt haben. Die auf der UML beruhende Model Driven Architecture ist sehr erfolgreich in einigen Gebieten, wo die Domäne präzise und umfassend dargestellt ist, zum Beispiel im Verteidigungssektor. Eigentlich ist der Ansatz überzeugend, aber die Verbreitung ist nicht durchdringend. Es ist deshalb aussichtsreicher, sich mit loser Kopplung zufrieden zu geben. Wir verfolgen einen solchen Ansatz zur losen Kopplung von Tools, der sehr verwandt ist zu dem, was die Service-oriented Architecture bei Applikationen leistet.

CRN: Sieht es in der Microsoft-Welt mit Visual Studio besser aus?

Kloeckner: Wenn sie rein in der .Net-Welt bleiben, dann sind sie nicht schlecht bedient, höre ich von Kunden. Aber in der Regel sind relevante Anwendungen nicht auf die Microsoft-Welt beschränkt. Und dann bekommen Sie in zwei Bereichen Probleme: beim Qualitätsmanagement und beim Anforderungsmanagement. Diese beiden Bereiche sind bei Microsoft aus Kundensicht unterentwickelt.

CRN: Macht Microsoft bei Ihrer OSLC-Initiative auch mit?

Kloeckner: Nein. Aber denken Sie daran, was mit SOA passiert ist: Am Ende haben wir uns zusammengerauft. So etwas sehe ich hier auch am Horizont. Sehr positiv ist, dass das World Wide Web Consortium diesen Architekturansatz zur Standardisierung mitverfolgt. Wir müssen dann die Kontrolle aus der Hand geben, was wir auch tun werden. Es wird am Ende ein Governance Board geben. Dann steuert nicht mehr IBM, sondern die Community. Wir werden alles tun, um die Community erfolgreich zu machen.