Fortschreitende Konsolidierung der IT-Branche:
Oracles Verwandlung
Integrierte und optimierte Komplettsysteme für geschäftliche Anwendungen sollen bei Oracle nach der Sun-Übernahme eine wesentliche Rolle spielen. Der Erfolg ist trotz guter Zahlen im abgelaufenen Quartal nicht garantiert.
(Fortsetzung des Artikels von Seite 3)
Keine Beiträge im Forum. » Diskussion starten!
Wird der Konzernsitz von Oracle im kalifornischen Redwood Shores jetzt ein Software-Altersheim? Foto: Oracle
Die beeindruckenden Gewinne, die der Software-Hersteller Oracle [1] dank hoher Margen und Preise für seine offenbar guten Produkte einfährt, will Larry Ellison, Gründer und Chef des Unternehmens, zu einem beträchtlichen Teil wieder investieren. Das Unternehmen soll weiter signifikant wachsen. Das Portfolio an Infrastruktur- und Anwendungssoftware zur Unterstützung betriebswirtschaftlicher Aufgaben ist schon ziemlich umfangreich, neben etlichen großen Übernahmen hat es zahlreiche kleinerer gegeben. Die Integrationen verliefen bislang recht erfolgreich. Sowohl die Kunden als auch die Aktionäre konnten sich nicht beklagen. Die zugekauften Software-Produkte werden weiterhin gepflegt, solange die Nachfrage hinreichend groß ist. Interessante Technologien der übernommenen Firmen fließen in die strategischen Produktlinien von Oracle ein, etwa CRM-Software von Siebel, oder ersetzen sie sogar, wie der Applikationsserver von BEA. Mit der überraschenden Übernahme des Hardware-Herstellers Sun Microsystems zu Beginn dieses Jahres betritt Ellison allerdings Neuland.
Alles aus einer Hand
Mit der Übernahme von Sun möchte Oracle anscheinend die Spielregeln verändern, jedenfalls für das eigene Unternehmen und die Kunden. Strategisches Ziel sei jetzt, integrierte Systeme aus Hard- und Software zu liefern und obendrein alle erforderlichen Dienstleistungen zu erbringen. Von den Chips, den Speichern und den Rechnern samt Betriebssystemen über die Middleware und die Datenbanken bis zu horizontaler und vertikaler Anwendungssoftware soll künftig alles aus dem Hause Oracle kommen.
Das erinnert an das Modell, das IBM [2] vor einigen Jahrzehnten mit Mainframes begann und später im Midrange-Bereich mit der Maschine AS/400 weitergetrieben hat. Inzwischen haben sich die Zeiten etwas geändert, wie Kenneth Chin, Research Vice President Information Infrastructure bei dem Marktforschungsunternehmen Gartner, zu bedenken gibt. Insbesondere breitet sich Virtualisierung aus und bewirkt, dass die Software von der Hardware entkoppelt wird. Außerdem haben sich die Anwender an die Freiheit gewöhnt, ihre Software unabhängig von der Hardware anschaffen zu können. Jetzt also alles wieder aus einer Hand?
Die Vorteile, die Oracle verspricht, klingen verlockend: höhere Verarbeitungsgeschwindigkeit, bessere Verfügbarkeit, einfachere Verwaltung und höhere Sicherheit – und damit weniger Arbeit und weniger Ausgaben für die IT-Abteilungen. Außerdem passt eine solche Initiative zum Zeitgeist: Der Kostendruck in den IT-Abteilungen ist wegen der Wirtschaftskrise abermals gestiegen. Die Marktbeobachter von Bain & Company sehen deshalb die Geschäftsmodelle der Anbieter von Unternehmenssoftware im Wandel: Der Trend gehe zu kostengünstigeren Möglichkeiten – namentlich SaaS, Open Source und integrierten Systemen. Im Trend liegt auch die fortschreitende Konsolidierung in der IT-Branche.
Als Nachteil droht Anwendern die Abhängigkeit von einem Anbieter, dem man in der hauseigenen IT-Landschaft einen entscheidenden, geschäftskritischen Platz eingeräumt hat. Nicht selten nutzen IT-Anbieter solche Positionen aus, um die Preise hoch zu halten. Wer wollte etwa seine SAP [3]-Lösung austauschen, wenn als Alternative vor allem ähnliche Software zu ähnlichen Bedingungen von Oracle in Betracht kommt? Dass Microsoft [4] sich bei Office eine Gewinnspanne von über 60 Prozent genehmigt, wird ebenfalls resignierend zur Kenntnis genommen.
Spagat zwischen Offenheit und Optimierung
CEO Larry Ellison will aus Oracle einen Komplettanbieter machen. Foto: Oracle
Fraglich scheint ferner, ob der Spagat zwischen Offenheit einerseits und Optimierung für die eigene Hardware andererseits gelingen kann. Oracle will natürlich seine Software auch künftig auf Rechnern anderer Anbieter, etwa Dell oder HP, anbieten und muss sich dort im Wettbewerb behaupten. Der Applikationsserver etwa gegen das Pendant von IBM, die ERP-Suite gegen das entsprechende Paket von SAP. Gartner erwartet, dass Oracle im Wettbewerb zurückfallen wird, wenn das Unternehmen mit der proprietären Optimierung ernst macht. Bei Highend-Servern liegt ohnehin traditionell IBM vorn, bei Unternehmensapplikationen SAP, und in der Speicherwelt gibt es Platzhirsche wie EMC [5] und Netapp [6]. Aber bekanntlich wird selten so heiß gegessen wie gekocht: Möglicherweise fällt die tiefe Integration aus und die Sun-Hardware-Produktlinien bilden bei Oracle künftig einfach einen weiteren Geschäftszweig nachgeordneter Priorität.
Völlig problemlos scheint die Sun-Integration jedenfalls nicht über die Bühne zu gehen. Entgegen anfänglicher Versicherungen stehen nun offenbar doch massive Entlassungen an. Statt der zunächst vorgesehenen 325 Millionen Dollar spricht der Konzern inzwischen von 825 Millionen Dollar für Abfindungen.
Die Rechte an Java hat Oracle durch die Sun-Übernahme mit dazu bekommen. Um eine Aufsplitterung zu verhindern, übt der Java Community Process (JCP) eine Oberhoheit aus. Die umfangreiche Java-Middleware-Palette von Sun dürfte für Oracle nicht sonderlich relevant sein, weil der von BEA übernommene Stapel überlegen ist. Wartung wird jedoch garantiert, um die Kunden nicht zu verprellen und keinen Umsatz auf der Straße liegen zu lassen.
Für Sun hatte Open Source einen visionären Stellenwert bekommen, Oracle denkt hier nüchterner und kaufmännischer. Suns Open-Source-Vordenker, Simon Phipps, hat denn auch schon das Weite gesucht. Die Glassfish-Middleware wird überleben, weil sie die Referenzimplementierung der aktuellsten Java-Spezifikationen darstellt. Ebenso MySQL, weil diese Datenbank eine stattliche Zahl von Benutzern hat und das gemischte Geschäftsmodell nach wie vor funktioniert. Netbeans, im Wettlauf mit IBMs Entwicklerinitiative Eclipse hoffnungslos im Rückstand, soll künftig auf mobile und eingebettete Java-Anwendungen ausgerichtet werden. Die strategische Java-Entwicklungsumgebung für die Middleware-Produktlinie Fusion bleibt das System JDeveloper, das Oracle einst von Borland erworben hatte.
In der absehbaren Zukunft zumindest will Oracle alle Geschäftsaktivitäten von Sun weiterführen. Analyst Chin sieht einige Herausforderungen, die das Unternehmen meistern muss: »Sie müssen die Teile bald zusammenbringen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.« Andernfalls drohen Umsatzeinbußen. Die Geschäfte von Sun schleppten sich dahin, bei einer längeren Phase der Orientierungslosigkeit würden mehr und mehr Kunden abspringen und zu Wettbewerbern wie HP [7], IBM, Dell [8] oder EMC wechseln. Server und in noch größerem Maße Speicher seien Massenware mit relativ geringen Margen. Mögliche Synergien zwischen den Sun-Speichern und den Oracle-Datenbanken sieht der Marktbeobachter nicht.
»Für die Chip-Entwicklung braucht man tiefe Taschen«, weiß Chin. Die hätte Oracle zwar – der Konzern verfügt über geschätzte acht Milliarden Dollar Bargeld –, aber der Analyst zweifelt, ob der neue Eigentümer mit den Sparc-Prozessoren gegen den Marktführer Intel [9] wird bestehen können.
Andere Umsatzverteilung
Vor etlichen Jahren hatte Larry Ellison den Software-Anbieter CA [10] wegen der vielen Zukäufe und des geringen Anteils der neuen Lizenzen am Umsatz noch als Heim für Software-Hersteller im Ruhestand verspottet. Demnach müsste er sich heute in seinem eigenen Unternehmen wie in einem Altersheim fühlen. Denn inzwischen stammt, ohne Berücksichtigung der Sun-Umsätze, weniger als ein Drittel der Einnahmen aus neuen Lizenzen. Mehr als die Hälfte hingegen kommt aus Updates und Wartung, der Rest aus Beratungsdienstleistungen. Die Wahrheit dahinter: Datenbanken, Middleware und Applikationen sind ausgereifte Software-Produkte und die meisten Unternehmen sind gut damit versorgt. Bei Innovationen wie In-Memory-Datenbanken, die Echtzeitverarbeitung unterstützen, oder hochskalierbaren Plattformen für das Extreme Transaction Processing nimmt Oracle eine konservative Haltung ein.
Beim Hardware-Support hat Oracle indes einschneidende Änderungen verfügt: Kunden, die künftig Reparaturarbeiten des Herstellers in Anspruch nehmen wollen, müssen dies dann für alle ihre Geräte von Sun tun, und sie müssen dafür maximal mögliche Dienste bezahlen. Im Gegenzug ist der Preis für diesen Premium Support allerdings bis zu 50 Prozent niedriger als bei Wettbewerbern. Ob die Anwender diese Kombination aus Zuckerbrot und Peitsche goutieren werden, bleibt abzuwarten.
Wesentliche Veränderungen in der IT-Welt könnte das Cloud Computing herbeiführen und die Nutzung von Software, die andere Anbieter in ihren Rechenzentren nach Bedarf zur Verfügung stellen (Software as a Service). Versprochen hat Ellison immerhin schon, dass die Fusion-Applikationen die Kluft zwischen Sofware on Premise und as a Service überbrücken sollen. Doch in diesem Bereich muss Oracle seine Strategie erst noch ausarbeiten und mit Leben füllen – wie die meisten anderen Branchengrößen freilich auch.
[1] http://www.oracle.com/de
[2] http://www.ibm.com/de
[3] http://www.sap.com/germany
[4] http://www.microsoft.com/germany
[5] http://germany.emc.com/
[6] http://www.netapp.com/de
[7] http://www.hp.com/
[8] http://www.dell.de/
[9] http://www.intel.com/
[10] http://www.ca.com/de
- 1. Seite: Oracles Verwandlung
- 2. Seite: Alles aus einer Hand
- 3. Seite: Spagat zwischen Offenheit und Optimierung
- 4. Seite: Andere Umsatzverteilung
» Newsletter abonnieren
Täglich aktuelle News und Hintergründe für Fachhändler, ITK-Hersteller, Distributoren und aus der Online-Welt.
» Tipp der Redaktion
Das sind die Top-Notebooks
Auf der Suche nach neuen Notebooks sieht man oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Unsere Kollegen von der PC Go haben daher die besten Geräte für Sie getestet.
NEC prämiert die schönste Installation
Einen Fotowettbewerb der etwas anderen Art startet NEC Display Solutions für seine Partner. Unter dem Motto »Application Picture Competition« können NEC-Partner Bilder einsenden, die NEC-Produkte im Einsatz zeigen. Für die kreativsten Fotografen winkt als Preis ein iPhone.
SAP will den Cloud-Anbieter Ariba übernehmen
Der Softwareanbieter SAP steht vor einem weiteren großen Zukauf im SaaS-Segment: Für 4,3 Milliarden Dollar wollen sich die Walldorfer den kalifornischen Beschaffungsspezialisten Ariba einverleiben und das Cloud-Geschäft auf diese Weise ausbauen.
» Bilderstrecken
» Meistgelesene News
So sexy sind Deutschlands Bäuerinnen
Vor kurzem war es wieder soweit: Die Macher des Deutschen Bauernkalenders suchten nach den schönsten Botschafterinnen für die Landwirtschaft. Die ansprechendsten Bewerberinnen kamen zum Casting nach München und Hamburg. Wir zeigen Ihnen die besten Bilder der Vorauswahlen in unserer Bilderstrecke ...
Massenentlassungen bei HP geplant
Der Rückgang der PC-Nachfrage und die Zusammenlegung von PC-und Druckersparte haben einschneidende Konsequenzen für die Mitarbeiter von HP. Es sollen laut Medienberichten 30.000 Mitarbeiter entlassen werden.