Wettbewerb wird härter:
Microsoft nimmt virtualisierte Infrastrukturen ins Visier

von Werner Fritsch (werner.fritsch@crn.de), Johann Baumeister *

11.03.2010

Nach zögerlichem Einstieg in die Techniken der Virtualisierung schreibt sich Microsoft diese mittlerweile deutlich auf die Fahnen und richtet das Produktangebot entsprechend aus. Der Windows-Hersteller unterstützt nun mehrere Spielarten der Virtualisierung und offeriert außerdem passende Verwaltungswerkzeuge.

(Fortsetzung des Artikels von Seite 3)

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Virtualisierung hat sich inzwischen fest in der IT etabliert. (Bild: Mykola Velychko, Fotolia.com)

Microsoft mischt erst seit wenigen Jahren im Markt der Virtualisierung mit. Im Feld der Servervirtualisierung ist VMware [1] seit langer Zeit der Platzhirsch. In Hinblick auf die Virtualisierung der Präsentationsschicht hatte Microsoft mit dem Terminal Server schon vor Jahren ein entsprechendes Produkt im Portfolio. Dessen Verbreitung allerdings erfolgt vor allem durch die Citrix [2]-Erweiterungen wie den Presentation Server (heute XenApp). In dieser Hinsicht blieb Microsoft also mehr im Hintergrund. Neben diesen beiden Virtualisierungsmodellen unterscheidet man derzeit zwei weitere Varianten: Die Virtualisierung der Applikationen und die der Desktops. In all diesen vier Segmenten ist Microsoft heute vertreten. Daneben bietet Redmond mehrere unterstützende Verwaltungswerkzeuge. Microsoft hat das Thema Virtualisierung lange Zeit nur wenig beachtet, forciert es nun aber umso mehr. Vielleicht hat man, wie schon so oft, in Redmond einfach abgewartet, wie sich der Markt entwickelt. Inzwischen scheint die Technik jedenfalls für einen breiten Einsatz ausgreift zu sein.

Nach einer von Microsoft in Auftrag gegeben Studie setzen deutsche IT-Entscheider gerade in der derzeitigen Wirtschaftslage auf Virtualisierung. Demnach wollen 43 Prozent der deutschen IT-Experten ihre Investitionen im Bereich Virtualisierung erhöhen. Die Motivation dafür liegt für 80 Prozent der Befragten in der Erhöhung der Geschäftseffizienz, um damit Wettbewerbsvorteil zu erzielen. Nur jeder Fünfte sieht die Virtualisierung in erster Linie als Mittel zur Kostenreduktion.

Gemäß diesen Erwartungen treibt Microsoft seine Anstrengungen in Sachen Virtualisierung seit nunmehr zwei Jahren massiv voran. Den Vorsprung, den VMware innehat, will man durch verstärkte Anstrengungen abbauen. In den Basisfunktionen der Virtualisierung bietet Microsofts Hyper-V VMwares vSphere durchaus Paroli. Das umfangreichere Funktionsangebot von VMwares Produkt will der Hyper-V durch eine bessere Integration in die IT-Infrastruktur von Windows-Systemen wettmachen. Ob erweiterte Funktionen wie das Dynamic Resource Scheduling oder die Live Migration und dergleichen, die VMware auszeichnen, in der Breite genutzt werden, ist außerdem fraglich. Unabhängig davon richtet Microsoft mittlerweile sein gesamtes Softwareangebot am Paradigma der Virtualisierung aus.

Aufrüstung bei Live Migration und PowerShell

Den Kern bildet der Windows Server 2008 R2 mit dem Hyper-V, der Engine für virtualisierte Server. Dieser wurde zusammen mit dem Windows Server 2008 R2 neu aufgelegt. Hinsichtlich der Virtualisierung unterstützt der erneuerte Hyper-V nun auch Live Migration und hat hierin mit VMware gleichgezogen. Die Grundlagen für die Live Migration werden durch die Cluster Shared Volumes gebildet. Diese Funktionalität clustert beliebige Speicherbereiche von Windows. Es ist eine Funktion von Windows – nicht des Hyper-V. Das Verfahren kann daher auch zum Clustering von anderen Windows-Anwendungen herangezogen werden.

Microsoft setzt zur Verwaltung der Systeme in Zukunft immer mehr auf das Scripting durch die PowerShell. Dies ist auch notwendig. Denn wenn Serverfarmen mit hunderten oder mehr physischen oder virtualisierten Server zu verwalten sind, dann hat die Skript-basierte Verwaltung eindeutige Vorteile. Skripte sind einmalig zu erstellen und lassen sich dann auf zehn oder auch 1000 Server gleichermaßen anwenden. Wenn aber 1000 Server per GUI-Klicks zu verwalten sind, so artet dies zur Klickorgie aus. Die ersten Schritte dazu wurden bereits mit dem Server Core und der PowerShell gemacht. Beide verzichten auf die grafischen Oberflächen. Zusammen mit dem Release 2 des Windows Server wurde auch die PowerShell erneuert.

System Center mit Fernwartung

Das zentrale Verwaltungswerkzeug für virtuelle Maschinen aus dem Hause Microsoft ist der Virtual Machine Manager.

Änderungen gibt es auch hinsichtlich der generellen Verwaltung der Systeme. Das System Center wird schrittweise erweitert und auf die Neuausrichtung der IT getrimmt. Die Ausrichtungen an den Konzepten der Virtualisierung sind auch bei der Installation, dem Deployment, zu erkennen. Durch Scripting und die Task-Sequenz im System Center Configuration Manager sollen Server und Clients in Zukunft vollautomatisch und schnell eingerichtet werden. Dazu gehört auch das Starten der Systeme aus VHD-Dateien. VHD-Files stellen das Dateisystem von virtuellen Systemen dar. Zu Laufzeitoptimierung steht die PRO-Komponente (Performance and Resource Optimization) im Operations Manager bereit. Dieser Baustein sorgt zusammen mit dem Virtual Machine Manager für eine bedarfsgerechte Aktivierung von virtuellen Maschinen und Serverdiensten. Ein mögliche Anwendungsszenario können dabei wie folgt aussehen: Erkennt PRO einen Engpass oder lange Antwortzeiten bei Serverdiensten, so erfolgt, unterstützt durch den Virtual Machine Manager, eine Aktivierung eines weiteren Servers.

Die System-Center-Tools und Windows Server 2008 Hyper-V bieten eine kostengünstige und einfach skalierbare Virtualisierungslösung“, sagt Marcel Schneider, Geschäftsführer Großkunden bei Microsoft Deutschland. „Viele Kunden stellen zunehmend auf Microsoft-Lösungen um, weil sie feststellen, dass Microsoft die umfassendste Lösung liefert, interoperabel ist und Lösungen anderer Hersteller im Durchschnitt bis zu 120000 Euro mehr kosten. Der ROI zeigt sich schon nach wenigen Monaten“, berichtet Schneider.

Windows7 kommt auch mit XP-Anwendungen zurecht

Durch den XP-Mode lassen sich Windows-XP-Programme auch in Windows 7 ausführen.

Die Einflüsse der Virtualisierung zeigen sich ferner bei Windows 7. Neben den bekannten Erneuerungen der Oberfläche und Bedienung gibt es auch eine Menge konzeptioneller Änderungen. Der XP-Mode von Windows 7 erlaubt die Emulation von Windows XP auf einem Windows-7-Rechner. Dies dient vordergründig als Laufzeitumgebung für ältere Windows-XP-Applikationen, die auf Windows 7 nicht lauffähig sind. Es ist aber auch der Einstieg in virtuelle Desktops auf dem Client. Der XP-Mode wird durch eine virtuelle Maschine auf dem Windows-7-Rechner realisiert. Gestartet wird sie aus einer VHD-Datei. Diese wiederum werden durch die zentrale Verwaltungskonsole von Microsoft Enterprise Desktop Virtualization (MED-V) auf die Desktops gebracht. Der Configuration Manager, der bis dato vor allem jene Programme verteilt, die fest auf den Desktops installiert werden, lässt sich in Zukunft auch zum Ausrollen von virtuellen Maschinen heranziehen. Die dritte Variante der Programmverteilung ist jene von virtualisierten Applikationen. Hierbei wird nicht der vollständige Desktop zum Anwender gesandt, sondern nur ein Applikation. Im Gegensatz zu den lokal installierten Applikationen wird die virtualisierte Applikation aber nicht fest installiert. Sie existiert nur, solange sie auch läuft.

Applikationsbereitstellung in allen Facetten

All diese neuen Optionen der Programmverteilung auf die Benutzergeräte sind auf die Konzepte der Virtualisierung ausgerichtet. Die strikte Trennung in virtuelle Desktops mit Thin Clients gegenüber den traditionellen Fat Clients mit fest installierten Programmen ist für Microsoft aber keine Option. Redmond setzt vielmehr auf dynamische Umgebungen, in der die Arbeitsumgebungen des Anwenders nach Bedarf zusammengestellt werden.

Dies sind Mischformen mit fest installierten Applikationen, virtualisierten Applikationen und virtualisierten Desktops. Wie dies aussehen kann zeigt das folgende Modell: Ein mobiler oder entfernter Anwender, der über das Internet auf das Unternehmen und dessen Daten zugreifen will, hat nach den Plänen von Microsoft in Zukunft drei Optionen. Den Zugriff mit einer auf dem Gerät des Anwenders fest installierten Anwendung, einer gestreamten Anwendung, die ihm von Unternehmen nach Bedarf bereitgestellt wird und einer remote Anwendung, wie sie die Terminal Services darstellen. Diese Zuordnung muss auch nicht fest sein, sondern wird im Moment des Zugriffs bestimmt. Wenn die Umgebung des entfernten Mitarbeiters als sicher eingestuft wird, so wird man dem entfernten Benutzer vielleicht eine virtualisierte Applikation bereitstellen. Wird die Umgebung des Benutzers aber als nicht sicher eingestuft oder handelt es sich um einen externen Dienstleister, dem man nicht so viel Vertrauen entgegenbringt, so kann man dem Benutzer eine Terminal Session auf dieselbe Anwendung zuweisen. Dabei läuft das Programm nicht auf dem Gerät des entfernen Benutzers, sondern in einer virtuellen Instanz auf dem Unternehmensserver. Der Vorteil liegt in der Sicherheit. Wenn der entfernte Benutzer nur remote auf den zentralen Serverdienst und dessen Anwendung zugreift, so sind Angriffe oder Datendiebstahl durch Dritte nahezu ausgeschlossen. Die Entscheidung nach der Sicherheitsstufe wiederum wird durch die erneuten Forefront-Zugriffsmodule gebildet. Hier schließt sich der Kreis von den Sicherheitsaspekten zu den Virtualisierungsmodellen.

Fazit

Microsoft ist spät in den Markt der Virtualisierung eingestiegen, treibt ihn aber heute massiv voran. Wenngleich Redmond in manchen Produktfunktionen noch hinter VMware oder Citrix herhinkt, so hat man dennoch den umfassendsten Ansatz. VMware ist Marktführer in der Servervirtualisierung, Citrix bei der Präsentationsvirtualisierung. Im Markt für Desktopvirtualisierung versuchen sich nun beide. Und die Applikationsvirtualisierung wird von einer breiten Schar an Anbietern abgedeckt. Microsoft hat in allen Segmenten heute eine Antwort. Hinzu kommen die unterstützenden Verwaltungstools des System Center. Die Zukunft wird zeigen, wer das Rennen macht. Die Karten werden in jedem Fall neu gemischt. Bis zur vollständigen Virtualisierung der IT werden allerdings noch viele Jahre vergehen.

*Johann Baumeister ist Fachjournalist in Brunnthal bei München.

[1] http://www.vmware.de/
[2] http://www.citrix.de/

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