Internet / Cloud-Computing:
Google-Browser »Chrome« sammelt sensible Nutzerdaten

von Bernd Reder (bernd.reder@networkcomputing.de), Pressetext

03.09.2008

Mit dem Browser »Chrome« will Google Microsofts »Internet Explorer« und »Firefox« der Mozilla-Stiftung den Rang ablaufen. Doch Googles Software hat ihre Schattenseiten: Sie sammelt eifrig Daten über das Surfverhalten der Nutzer.

(Fortsetzung des Artikels von Seite 2)

Seit Mittwochnacht können Internet-User die Beta-Version von Googles Browser »Chrome [1]« von der Web-Site des Suchmaschinenspezialisten herunterladen. Das Programm soll in puncto Bedienkomfort und Stabilität neue Maßstäbe setzen. Einen ersten Test der Software finden Sie in einem Beitrag [2] der Kollegen von Golem.de [3].

Google_Browser »Chrome« sammelt Nutzerdaten.

Um den Bedienkomfort zu steigern, greift Google einmal mehr auf seine Datenbanken zurück, in denen Informationen über das Surf- und Suchverhalten der Web-User gespeichert sind. Allerdings gibt sich das Online-Unternehmen damit nicht zufrieden, sondern sammelt weiter fleißig sensible Information – dieses Mal nicht über die Google-Homepage, sondern direkt über die Adresszeile des Browsers.

Welche Daten dabei an die Server gesendet werden, verraten die Datenschutzbestimmungen [4] der Software. Der erste Punkt erläutert, dass Google über alle aufgerufenen URLs in Kenntnis gesetzt wird. Dies sei notwendig, um Adressvorschläge zu machen und das Surfen zu verbessern.

Broken Links werden Google gemeldet

Ebenso werden aufgerufene, aber nicht vorhandene URLs an den Google-Server gesendet. Informationen darüber, welche Web-Seiten ein Nutzer aufruft oder aufzurufen versucht, werden somit nicht nur auf dem Rechner des Users gespeichert. Die Daten gegen auch an Google.

Der Browser enthält darüber hinaus »zumindest eine eindeutige Anwendernummer«, die bei der Installation sowie bei der automatischen Update-Prüfung an Google übertragen wird. Cookies tragen zur kontinuierlichen Beobachtung des Nutzers und seines Surf-Verhaltens ihren Teil bei.

»Google befindet sich auf einer Gratwanderung. Das Unternehmen sammelt sensitive Daten, die vorsichtig zu verwalten sind«, kommentiert Andreas Zeller, Professor am Lehrstuhl für Softwaretechnik an der Universität des Saarlandes [5]. Auf keinen Fall dürfe Google durch seine Datensammelwut das Vertrauen der User aufs Spiel setzen: »Google muss sich darüber im Klaren sein, dass es vom Vertrauen seiner Nutzer lebt und man damit vorsichtig umgehen muss«, so Zeller weiter.

Privatsphäre bleibt auf der Strecke

Auch andere Browser speichern die aufgerufenen Seiten ab, um dem User bei zukünftigen Webbesuchen die Navigation zu erleichtern, allerdings nur lokal auf dem Rechner des Users. Der Ansatz Googles scheint verständlich, denn Chrome versucht das Nutzererlebnis bei zukünftigen Webbesuchen dadurch zu verbessern, dass der Browsing-Verlauf als Referenz herangezogen wird.

Denn Seiten, auf denen der User bei der Suche nach Informationen bereits fündig wurde, sind eine guter Anhaltspunkt, um auch künftig die gewünschten Daten beziehungsweise relevante Web-Seiten aufzuspüren. Allerdings geht der verbesserte Komfort zu einem gewissen Teil auch zu Lasten der Privatsphäre.

Nicholas Carr, ein amerikanischer IT-Experte und Autor des Bestsellers »The Big Switch«, begründet Googles Entscheidung zur Entwicklung eines eigenen Browsers damit, dass diese Software mittlerweile zu einer Schwachstelle in Googles Geschäftsmodell geworden ist. »Der Browser ist das Nadelöhr, durch das der Output von Googles Datacentern, sprich die Online-Werbung, gehen muss, um den User zu erreichen«, so Carr.

Der Browser ist Mittel zum Zweck

Als logische Konsequenz müsse der Browser angepasst und modernisiert werden. »Google wollte nicht mehr abwarten, bis Microsoft, Mozilla oder Apple die Browser seinen Vorstellungen entsprechend verändern", schreibt Carr in seinem Blog [6]. Microsoft habe eine gespaltene Einstellung zu Cloud-Computing, also der Bereitstellung von Daten und Anwendungen über das Internet, Apple wolle nur Hardware verkaufen, und der Mozilla-Stiftung fehle es an Entwicklungskapazitäten und Geld.

Das wahre Ziel von Google ortet Carr jedoch nicht darin, mit Chrome einen großen Marktanteil im Browser-Segment zu gewinnen und Microsoft oder Firefox den Rang abzulaufen. »Den Browser-Krieg zu gewinnen, ist nicht Googles Absicht«, schreibt der Experte.

Die wahre Intention sei eine Verbesserung der Fähigkeiten aller Browser-Programme, damit diese dann Applikationen besser bedienen und eventuell sogar dahinter verschwinden könnten. »Der Browser ist das Medium, die Programme dahinter sind die Botschaften, die über ihn transportiert werden.«

[1] http://www.google.com/chrome
[2] http://www.golem.de/0809/62163.html
[3] http://www.golem.de/
[4] http://www.google.com/chrome/intl/de/privacy.html
[5] http://www.st.cs.uni-sb.de/
[6] http://www.roughtype.com/

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