Disruption in der Steuerberatung: Beraten statt Buchen

Die digitale Disruption nimmt den Steuerberatern einen Großteil ihres heutigen Geschäfts weg. Die Datev hat das erkannt, ihre Klientel, die Steuerberater, dagegen noch nicht. Der Wettbewerb bringt sich derweil mit Cloud-Plattformen in Stellung.

(Foto: Addison)

Treffender hätte Karl-Heinz Land seine Strategieberatung und seine Mission nicht nennen können: »Neuland« heißt die Firma des 56-jährigen Unternehmers, er selbst nennt sich digitaler Darwinist in Anlehnung an sein 2013 erschienenes Buch »Digitaler Darwinismus: Der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke«. Doch still und leise ist es mittlerweile in der Steuerberatungsbranche längst nicht mehr, im Gegenteil: Es kracht gehörig in Nürnberg bei der Datev. Und warum das so ist, dafür gibt Land selbst ein Beispiel.

Als Neuland ein neues System zur automatischen Erfassung und Verbuchung von Belegen eingeführt hat, sei dem Steuerberater des Unternehmens ein Auftragsvolumen von rund 8.000 Euro weggefallen. Das Belegwesen macht nämlich mit rund 40 Prozent den Löwenanteil des Umsatzes einer deutschen Steuerkanzlei aus.
Land rechnet vor: Würden nur 50 Mandanten einer Kanzlei ihre Buchungen und schon bald auch ihre Bilanzen durch künstliche Intelligenz automatisiert erledigen lassen, müssten viele der heute noch 54.000 Steuerkanzleien in Deutschland wohl aufgeben.

Kaum eine andere Branche wird durch Cloudifizierung und digitale Automation so umgekrempelt wie der steuerberatende Beruf. Noch brechen die Umsätze nicht ein, doch fallende Renditen, fehlende Fachkräfte, der Trend zu Kanzlei-Zusammenschlüssen und neue Wettbewerber mit ihren smarten Selfservice-Steuerportalen, bedrohen das klassische Geschäft eines Steuerberaters, der meist 50 Jahre oder älter ist.

Softwarehersteller wie Lexware, aber auch ERP-Hersteller mit ihren Lösungen für das Rechnungswesen vermarkten ihre Cloud-Plattformen für Belegwesen, Buchhaltung und Abschlüsse direkt an Firmen, Privatpersonen, aber auch an Steuerberater. Die ETL-Gruppe mit ihren mehr als 800 Steuerkanzleien in Deutschland, bewirbt gerade massiv ihr Portal Felix1.de. Wettbewerber Addison will seinen 6.000 Kanzlei-Kunden hierzulande Wege aufzeigen, wie sie in der Disruption eine wichtige Rolle spielen können. »Move On. To the next Level«, heißen die beiden Events in Berlin (19. April) und Köln (26. April), auf denen die zum Wolters-Kluwer-Konzern gehörende Tochter Steuerberatern digitale Kanzleiprozesse der Zukunft präsentieren wird.
Für solche Enabler der Steuerberater steht eines fest: Die Disruption in der Steuerberatung soll nicht gegen die Kanzleien, sondern mit ihnen stattfinden. Automatisiert würden Standardprozesse, also vor allem die Buchhaltung. Der Steuerberater aber soll sich künftig auf das konzentrieren, was in seinem Berufsnamen schon immer steckte: »Beratung« – etwa bei Steuer- oder Prozessoptimierung oder Skontostrategie.
Werbung und Marketing für solche Steuerplattformen aus der Cloud zielen demnach nicht auf ein Direktgeschäft mit den Mandanten der Steuerberater. Diese sollen vielmehr als Beraternetzwerk in solche Portale integriert werden, um so ihre neuen Aufgaben für Unternehmen und Privatpersonen bekannt zu machen. Wie sehr die neue Rolle die Steuerberater aber noch irritiert, zeigt sich bei der Datev. Eine entsprechende Satzungsänderung lehnten die Datev-Genossen kürzlich ab. Hier müssen die Nürnberger noch mehr Überzeugungsarbeit in Richtung digitale Transformation ihrer Klientel leisten.