Editorial CRN 25/2017: Digitale Staatsbürgerschaft

Beim digitalen Geschäfts- und Behördenverkehr ist Estland der Bundesrepublik weit voraus. Das liegt vor allem daran, dass hierzulande eher die Risiken gesehen werden, während man in Estland auf die Vorteile schaut. Mittlerweile macht man sogar ausländische Bürger zu digitalen Esten.

CRN 25/2017
(Foto: CRN)

Estland ist einer der am stärksten digitalisierten Staaten weltweit. Online-Behördengänge gehören dort ebenso zum Alltag wie elektronische Vertragsabschlüsse und Steuererklärungen oder der Austausch digitaler Patientendaten zwischen Ärzten und Krankenhäusern. Sogar wählen können die Esten über das Internet.

Eingeleitet wurde der Digitalisierungsprozess bereits in den 90er Jahren, weil es sich für Staat und Unternehmen in der recht dünn besiedelten Baltenrepublik kaum lohnte, ein weitreichendes Netz an Ämtern und Filialen zu unterhalten. Kernkomponente ist eine digitale Bürger-ID, über die alle Bürger eindeutig identifiziert werden können und die für alle E-Services genutzt wird. Genau daran fehle es Ländern wie Deutschland, weshalb die Digitalisierung von Behörden- und Geschäftsverkehr kaum vorankomme, erklärte Taavi Kotka, der frühere CTO der estnischen Regierung, während eines Vortrags auf dem NetApp Partner Executive Forum in Tallinn.

Südlich von Dänemark sei alles digitale Steinzeit, sagte Kotka. Wo die Deutschen vor allem die Gefahren einer Entwicklung sehen würden, schaue man in Estland auf die Vorteile: digitale Behördengänge ohne Wartezeiten, besseres Gesundheitssystem durch Datenaustausch, elektronische Vertragsabschlüsse binnen Sekunden und kaum Möglichkeiten zur Steuerhinterziehung. Als Deutschem schießen einem ob der umfangreichen Erfassung und des steten Austauschs von Daten schnell einige »Aber« durch den Kopf, doch das estnische System offenbart schnell seinen Charme.

Statt Zugriffe über komplizierte Regelwerke und Rechtevergaben zu steuern, wird auf Transparenz gesetzt. Prinzipiell stehen die Daten für alle Ämter und zugelassenen Organisationen offen, doch der Bürger kann nachvollziehen, wer wann auf welche Daten zugegriffen hat – und Auskunft über die Gründe verlangen. Bei unrechtmäßigen Zugriffen oder Datenmissbrauch drohen harte Strafen, von der fristlosen Kündigung bis zu mehrjährigen Gefängnisaufenthalten. Das hat Datenschutzverletzungen bislang ausgesprochen wirksam unterbunden.

Im Rahmen eines »E-Residency«-Programmes können seit etwa anderthalb Jahren auch Ausländer zu digitalen Esten werden und die Vorteile des elektronischen Geschäftsverkehrs nutzen. Zielgruppe sind vor allem Freiberufler und Kleinstunternehmen, die unkompliziert Geschäfte in der EU machen wollen – derzeit wächst speziell in Großbritannien die Nachfrage stark. »Der Brexit ist das Beste, das uns passieren konnte«, betonte Kotka provokant. Das Ziel des kleinen Landes mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern: Zehn Millionen digitale Bürger bis 2025.

Natürlich setzen auch die Esten auf Verschlüsselung und eine redundante Infrastruktur. Die ist weltweit verteilt und nutzt abgeschottete Bereiche in internationalen Rechenzentren, die als »Digital Embassy« nicht der Autorität lokaler Behörden, sondern der estnischen unterliegen. Als misstrauischer Deutscher fragt man sich da natürlich gleich, wie das funktionieren soll, wo doch eines dieser Rechenzentren in den USA steht.

Mit besten Grüßen!

Daniel Dubsky
Redaktion CRN