Gegentrend zur Digitalisierung: Die Rückkehr des Analogen

In Zeiten alles durchdringender Digitalisierung formiert sich in vielen Bereichen eine Gegenbewegung. Analog ist wieder in.

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Die ganze Welt redet von digitaler Transformation, Digitalisierung und Automatisierung. Das Mantra lautet, alles was digitalisiert werden kann, wird auch digitalisiert. Manchen geht das zu schnell und zu weit. Analoges erfährt wieder eine überraschende Wertschätzung. Ein Indiz dafür ist die Rückkehr der Vinylplatten. Lange galt die Schallplatte als Auslaufmodell und war beinahe schon beerdigt. Doch ausgerechnet im Zeitalter der Digitalisierung findet die analoge Platte neue Freunde.

Laut Bundesverband Musikindustrie ist die Schallplatte trotz der Verbreitung von Streaming-Angeboten auf dem Vormarsch. Innerhalb der ersten neun Monate 2016 seien bereits so viele Schallplatten verkauft worden wie seit 1992 nicht mehr. Der Umsatz habe bei 47 Millionen Euro gelegen. Seit Ende der 1970er Jahre sind die jährlichen Umsätze bis auf etwa 6 Millionen Euro im Jahr 2006 geschrumpft. Seit 2007 geht es wieder bergauf. Mit 4,3 Prozent ist der Marktanteil von Vinyl verglichen mit anderen Tonträgern noch bescheiden. Doch überall machen Plattenläden auf. Analog ist wieder hip. Beim deutschen Plattenpresswerk Optima wurden vor 20 Jahren noch 60.000 Platten pro Monat produziert – heute werden so viele an einem einzigen Tag gepresst. Auch auf der Erzeugerseite gibt es analoge Comebacks, etwa den analogen Synthesizer Moog Sub 37, auch einige Modelle von Korg werden neu produziert. Mehr wird auf der High End Messe vom 18. bis 21. Mai in München zu sehen sein.

Der Homo ludens hat angesichts von Xbox, Playstation und Wii der analogen Spielebrache eine veritable Delle zugefügt. Doch jüngst haben die Klassiker nicht nur ihre Stellung gegenüber den digitalen Mitbewerbern gehalten, sondern erleben sogar einen echten Aufschwung. Auch beim größten deutschen Spieleverlag Ravensburger freut man sich über zweistellige Umsatz-Zuwächse. Daneben entstehen völlig neue Produkte, wie der Erfolg von Ausmalbüchern für Erwachsene zeigt. Die Haptik ist eben nicht zu vernachlässigen. Auch der Erfolg der Zeitschriften »Flow« und »Wolf«, die ein Loblied auf offline und Entschleunigung singen, ist ein Indikator.

Hochwertige Füllfederhalter mit Namensgravur waren ein Verkaufsschlager im letztjährigen Weihnachtsgeschäft. Auch die italienische Firma Moleskine mit ihren Notizbüchern meldete einen Rekordumsatz von mehr als 100 Millionen Euro. Der kanadische Schriftsteller David Sax hat ein Buch veröffentlicht, das viel Aufmerksamkeit erregte: »The Revenge of Analog: Real Things and Why They Matter«. Darin erklärt Sax, dass diese Entwicklung gerade bei jungen Leuten dem Bedürfnis entspringt, etwas Besonderes zu besitzen, und zwar nicht digital, sondern im wahren Leben.

Zwar wird der Siegeszug der digitalen Fotografie nicht aufzuhalten sein, aber auch hier hat sich eine analoge Nische gebildet. Manche entdecken die Analogfotografie für sich und auch Hersteller wie Polaroid und Ilford kehren zurück. Bekannt geworden durch die gleichnamige Sofortbildkamera stellte die englische Firma Polaroid 2007 die Produktion ein. 2010 besann man sich jedoch und stellte mit der Polaroid 300 eine neue Sofortbildkamera vor. Die letzte Fabrik, die Filme für die klassischen Polaroid-Kameras produzieren kann, ist seit 2010 unter dem Firmennamen The Impossible Project wieder aktiv. Polaroid-Kameras sind inzwischen auch unter jungen Leuten wieder trendy. Sogar die Super-8-Filmkamera erlebt eine Wiederauferstehung.

In den täglichen Fahrten mit der Münchner U- und S-Bahn halten sich E-Book-Nutzer und Analog-Leser gefühlt etwa die Waage. Ein Indiz dafür, dass das Buch aus Papier noch nicht zu den von der Digitalisierung bedrohten Arten gehört, ist der Erfolg der Leipziger Buchmesse, die vom 23. bis 26. März stattfand. Sie erlebte mit 208.000 Menschen den größten Besucherandrang ihrer Geschichte.