Editorial CRN 03/2017: Schafft sich die CEBIT selbst ab?

Second Life ist tot, es lebe Virtual Reality! Die Realität lässt sich im virtuellen Raum bereits perfekt simulieren. Gezeigt wird die Technologie dennoch an Orten realer Begegnung. Warum nur?

Die Vorfreude ist bald schon nicht mehr die schönste Freude. In der Konsumgesellschaft verkürzt Technologie auch einen dieser noch letzten Zeiträume angenehmer Spannung zwischen Wunsch und Erfüllung. Reiseveranstalter Thomas Cook stattet seine knapp 900 Reisebüros mit Virtual-Reality-Brillen aus, Onlineshops werden bald folgen. Jeder will jedes sofort konsumieren, geduldiges Warten und Vorfreude genießen, wird in der vernetzten Echtzeit zum Relikt. Man kann und muss wohl vermuten, dass auch andere Branchen an der Abschaffung des real Erlebbaren arbeiten. Im virtuellen Raum lässt sich im Prinzip alles in 3D erleben – so auch Liebe und Lust – mit nicht unerheblichen IT-Gefahren, wie Sicherheitsanbieter Kaspersky über Liebesleben 4.0 berichtet.

Braucht es in der beginnenden Virtual Reality überhaupt noch den Besuch einer Messe? Der angeblich so rationale, zählende, abwägende Homo oeconomicus, endemisch im Controlling beheimatet, wird bald zu rechnen beginnen. Es ist paradox, dass auf einer Präsenzmesse wie der kommenden CeBIT jene VR-Technologien und Lösungen für virtuelle Systemwelten gezeigt werden, die das Habtische, das Physische ersetzen und sie - fast wie im richtigen Leben - greif- und erlebbar machen. Was läge näher, als die CeBIT, sagen wir im Jahr 2027, vom Hannoveraner Messegelände in das unendlich große und immer geöffnete Netz zu verlegen?

Noch führen virtuelle Messen - im Gegensatz zum E-Learning - ein Schattendasein. Aber wie lange noch? Noch zeigt das Original, die nur wenige Tage im Jahr stattfindende Business-Messe, eine erstaunliche Resistenz gegen den Trend zur Künstlichkeit. IFA, CES, CeBIT, aber auch Spezialmessen wie die itsa in Nürnberg oder die Dreamhack, die am vergangenen Wochenende Gamer und mehr als 200 Journalisten nach Leipzig lockte, belegen: Städte und ihre Messen waren und bleiben wohl auch noch für lange Zeit attraktive Handelsorte der Begegnung - allen Visionen einer digitalen Zeitenwende zum Trotz.

So rasend schnell sich Millionen User in Second Life eine neue Heimat geschaffen hatten, so rasch stützten die virtuell erbauten Luftschlösser in dieser Online-Plattform auch wieder ein. Die sich überschlagende Medienberichterstattung stürzte sich auf den nächsten vermeintlichen Trend. Aus dieser Erfahrung der frühen Internetzeit auf einen vorübergehenden Hype zu schließen, der da Digitalisierung heißt, wäre indes falsch. Die ITK-Branche gestaltet nicht nur die in nahezu allen Sektoren der Wirtschaft relevante Vernetzung aller Prozesse und Produkte. Sie wird von der Digitalisierung selbst mächtig unter Druck gesetzt. Bedarfe ändern sich rasant, Märkte schwinden, neue tun sich auf, innovative Geschäftsmodelle im ITK-Sektor greifen allmählich: Wer diese Trends spüren möchte, wer Experten und jungen Digital-Unternehmer treffen will und wer noch unvoreingenommen neugierig auf das Neue, Unerwartete ist, wird auf einer noch richtigen Präsenzmesse wie der CeBIT fündig.

Martin Fryba
CRN-Chefredakteur