Ausstieg vom Ausstieg empfohlen: »LiMux«-Projekt wankt

Ein aktuelles Gutachten empfiehlt der Stadt München den Abschied von ihrer Linux-Strategie. Zumindest in einigen Bereichen der Verwaltung sollte die Stadt dem Expertenrat zufolge besser wieder auf Microsofts Standardsoftware setzen.

(Foto: sborisov - Fotolia)

Das Münchner Vorzeigeprojekt »LiMux«, das in den vergangenen Jahren auch einige andere europäische Städte zum Nachmachen animiert hatte, sorgt wieder einmal für heftige Diskussionen in der Politik. Statt einer großen Feier ist zum zehnjährigen Jubiläum des Umstiegs auf Linux in der bayrischen Landeshauptstadt ein neuer Streit um die Sinnhaftigkeit der Open Source-Offensive entbrannt. Ursache ist ein von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bei Accenture in Auftrag gegebenes Gutachten, das den Verantwortlichen jetzt vorgelegt wurde. Darin stellen die Berater »LiMux« kein besonders berauschendes Zeugnis aus und empfehlen der Stadt, zumindest in einigen Bereichen wieder auf Standardprodukte aus dem Hause Microsoft umzusteigen.

Nachdem sich Angestellte und auch IT-Verantwortliche der Stadt immer wieder über Probleme insbesondere mit der Office-Software Libre Office, aber auch mit dem eigens angepassten Linux-Betriebssystem beschweren, sollten laut den Vorschlägen von Accenture künftig die Angestellten der einzelnen Abteilungen in die Entscheidung über die eingesetzte Software direkt mit einbezogen werden. Zudem wird die Sicherheit der offenen Software-Lösungen von einigen IT-Verantwortlichen der Stadt als nicht ausreichend bezeichnet. In einer groben Berechnung werden die Kosten für eine Remigration von Accenture auf knapp 19 Millionen Euro geschätzt.

Zahlreiche Stadträte und die Free Software Foundation Europe (FSFE) kritisieren das Gutachten in einer ersten Reaktion jedoch als tendenziös und gehen von weit höheren Kosten für einen Ausstieg vom Ausstieg aus. Sie vermuten, dass die Bestrebungen zu Windows und Office zurückzukehren vor allem Microsofts gestärkter Position mit der neuen Deutschlandzentrale im Stadtgebiet geschuldet seien und kritisieren die Vergabe der Prüfung an Accenture wegen dessen Nähe zu Microsoft.

Kommentare (4) Alle Kommentare

Antwort von PC-Flüsterer Bremen , 08:30 Uhr

"Experten"rat? Da lachen ja die Hühner. Accenture betreibt mit Microsoft die gemeinsame Tochterfirma Avanade, deren Ziel es ist, MS-Produkte in Unternehmen zu verbreiten! Danke, Euer Ehren, das genügt. Hier wurden Steuergelder an eine MS-Lobby-Beratung verschwendet. Der MS hörige Bürgermeister vertritt weder die Interessen der Verwaltung, noch der Bürger. Er gehört aus dem Amt gejagt.

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Antwort von Quickfinger , 09:31 Uhr

Die Nähe zu MS wurde ja erwähnt und macht die Wahl sicher nicht glücklich. Aber die Probleme, die zu dieser Anfrage führen, hat der OB sicher nicht erfunden. Wie kann ich Software einführen, ohne den Benutzer einzubinden? Wie kann ich immer noch davon ausgehen, dass Linux sicherer ist, weil weniger sich Hacker damit befassen? Wenn das Projekt schief steht, müssen neben den Kosten der Korrektur auch die der Alternativen neu betrachtet werden.

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Antwort von Martin , 12:41 Uhr

Ohoh, Linux ist definitiv sicherer, da hier der User nicht mit Admin-Rechten agieren kann. Unter Windows wird man lediglich gefragt "Hierzu benötigen Sie Adminrechte. Wollen Sie?".

Das Geld, das man für das "Gutachten" in die Hand genommen hat, hätte man besser in eine Libre Office-Schulung investiert.

Antwort von PC-Flüsterer Bremen , 12:38 Uhr

Im ersten Gutachten, das im März vorgelegt wurde, wurden noch Ross und Reiter klar benannt: Ja, es gibt berechtigte Unzufriedenheit der Mitarbeiter der Verwaltung. Aber die Probleme sind hausgemacht und haben mit Linux oder nicht genau null zu tun. Erstens dient Limux hier als Prügelknabe, um von strukturellen Fehlern und Versäumnissen der Führung abzulenken. Zweitens ist die berechtigte Kritik am gegenwärtigen Zustand eine willkommene Munition, um das von CSU (samt gekauftem SPD-Bürgermeister) und MS ungeliebte Linux weg zu ekeln. Das ist die Wahrheit. Lesen Sie mal unabhängige Gegenstimmen.