Editorial CRN 45/2016: Wir brauchen beides: ­Cicero und C++

Je mehr die Digitalisierung in die Mitte der Gesellschaft rückt, desto unversöhnlicher stehen sich Kritiker und Befürworter gegenüber. Statt Schwarz-Weiß-Denken müssen sich beide Seiten aufeinander zubewegen.

In einem Punkt hat Josef Kraus ja durchaus recht: Schule müsse junge Leute von der Vorstellung abhalten, mit Hilfe moderner Medien könne man sich mühelos und punktuell die gerade benötigten Informationen einholen. Der Präsident des Lehrerverbands, der für 160.000 Lehrer spricht, ist eben ein Pädagoge alten Schlags: Humanistische Bildung ist nun einmal mit schwerer Kost verbunden, schnell servierte Wikipedia-Häppchen bringen keinen Goethe hervor. Doch muss man deswegen gleich die Digitalisierung verdammen? Fünf Milliarden Euro für WLAN an 40.000 Schulen hält der (laut Wikipedia) 67-jährige ehemalige Gymnasialrektor für reine Geldverschwendung.

Andererseits ist die Industrie-Lobby der ITK-Branche nicht minder beschlagen, wenn es um Einflussnahme auf den Bildungssektor und seine Investitionen geht. Programmcode zu lesen, zu verstehen und zu schreiben sei heute ähnlich bedeutsam wie einen Text lesen und schreiben zu können, kontert Bitkom-Präsident Thorsten Dirks. Der Bitkom hat es bereits geschafft, die neue computerisierte Arbeitswelt zum besten Sendezeitpunkt in die Talkshows dieser Republik zu bringen. Ein Avatar moderiert die Tagesthemen, so werben die Öffentlich-Rechtlichen für einen Themenabend zur Zukunft der Medien. Der Boulevard titelte kürzlich: »Selbst Anwälte werden durch Computer ersetzt«. Digitalisierung ist gerade dabei, soviel kann man sagen, in die Mitte der Gesellschaft vorzurücken.

Die Diskussion um Digitalkompetenz, um Verlierer und Gewinner am Industrie- und Dienstleistungsstandort Deutschland, folgt – wie so oft in Zeiten des rasanten technologisch-gesellschaftlichen Wandels – leider einem düsteren Schwarz-Weiß-Zerrbild. Immerhin fordert der Bitkom im Zusammenhang mit der Digitalisierung die gesellschaftliche Inklusion. Wie die aussehen könnte? Thorsten Dirks und Josef Kraus lernen ihren Cicero mit einer C++ -App. Leichter wird Latein für den Manager deswegen nicht, und der Pädagoge findet womöglich sogar noch Gefallen am spielerischen Digitallernen.

Mit den besten Grüßen

Martin Fryba
CRN-Chefredakteur