Anstöße zu besserem Verhalten: Nudging statt erhobener ­Zeigefinger

Mit »Nudging« will nicht nur der Staat seine Bürger zur besseren Einsicht bringen. Sind die gutgemeinten Anstöße perfekte Motivation oder perfide Manipulation?

Kleine Anstöße aus der analogen Welt

Kreativ und spielerisch umgesetzt – so zeigen Nudging-Konzepte unmittelbar die gewünschte Wirkung. Augsburg setzt die Rauchverbotszone erfolgreich um. Stockholmer bewegen sich mehr, seit an der dortigen U-Bahn-Station Odenplan eine Treppe in der Optik einer Piano-Tastatur verkleidet wurde und Töne von sich gibt, wenn Personen darauf laufen. Und in vielen öffentlichen Urinalen dürfen sich Männer jedes Mal wie der ewige Rekordtorschütze Gerd Müller fühlen, wenn sie mit ihrem Strahl einen kleinen Ball im Tor versenken, das dort mitten im Becken steht und die ideale »Flugbahn« markiert. So leicht diszipliniert man Saubären: Man appelliere an das Kind im Manne, schon sinkt der Aufwand für Reinigungen.

Kleine Anstöße aus der analogen Welt also, die spontan die gewünschte Wirkung entfalten. Die Digitalisierung indes bietet weit mehr Möglichkeiten für Nudging-Konzepte, denn sie bringt neben der spielerisch-kreativen Komponente eine neue Variante ins Spiel: das Messen mit Anderen. Wer wie das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) über nachhaltige Mobilitätskonzepte nachdenkt, wird sich für Wett­bewerbssituationen aussprechen. Ein vernetzter Tamagochi, als App beispielsweise, der mit viel Bewegung seines Besitzers wächst und gedeiht oder eben eingeht. Erweitert man das virtuelle Tier um Messfunktionen mit einer Peer-Gruppe, schafft man weitere Anreize. Zusätzliche Motivation – und hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt – schaffen Belohnungs- oder Bestrafungssysteme.

»Was allerdings noch besser motiviert als Spiel und Spaß, sind finanzielle Anreize für ein nachhaltiges Verhalten«, heißt es im Blog vom Fraunhofer IAO. Das ist Wasser auf die Mühlen der Nudging-Gegner. Nudging ist für sie nichts anderes als der starke Staat – alias der Wolf im Schafspelz. Der Bürger sei schwach, uneinsichtig, letztlich unmündig und müsse – ganz modern mit einem Griff in die psychologische Trickkiste – zu Glück, Geld oder Gesundheit gezwungen werden. Ignoriert Nudging also die Selbstbestimmung des Individuums? Haben wir es gar mit einem neuen, subtilen Totalitarismus zu tun, der uns vor Entscheidungen bewahrt, auch mal die Rolltreppe nehmen oder daneben pinkeln zu dürfen? Experten beim diesjährigen ITK-Spitzentreffen der CRN am 10. und 11. November werden sich darüber den Kopf zerbrechen (www.events.crn.de/itk-spitzentreffen).

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