Mehr Dienstleistung für IT-Dienstleister: Lebenselixier für die Systemhaus-Branche

Vom Projekt- zum lukrativen Service- oder gar Providergeschäft ist es ein langer Weg. Führende Systemhäuser haben sich mit ihren IT-Sourcing-Strategien längst in Stellung gebracht. Kleinere IT-Häuser ziehen nach - mit unterschiedlichem Tempo.

Cancom-CEO Klaus Weinmann: Cloud-Umsätze mehr als Verdreifacht
(Foto: Cancom)

Wer den Wandel im deutschen Systemhausmarkt greifen will, kann das in der Erika-Mann-Straße 69 in München tun. Hier am Firmensitz von Cancom blicken die Vorstände vom 11.Stock nicht mehr auf eine Logistikhalle, vor der täglich mit Hardware vollgeladene LKW vorfahren. Lagerhalle war gestern, die Zukunft wird heute in Meetingräumen geschrieben, deren Wände in der Vorstandsetage bei Cancom gediegenes braunes Leder schmücken. Braun: einst die Farbe der Armut, der Bauern und Knechte, bis sie Louis Vuitton und andere Modezaren zu einer Farbe des Luxus gemacht haben, wie die »Die Zeit« in einer Stilkolumne schreibt. Das passt zum repräsentativen Ambiente eines IT-Unternehmens mit neu erarbeitetem Selbstverständnis, das seine nicht immer erfolgreiche Vergangenheit am alten Logistikstandort Jettingen-Scheppach belassen hat und nun hoch über München mit seinen Kunden über moderne IT-Sourcing-Modelle spricht.

Man sehe sich als »führender Cloud Transformation Partner«, der neue und bestehende Kunden aus dem traditionellen Systemhausgeschäft ins Zeitalter der Mobilität und des Cloud Computing führt. Die Skalierungseffekte aus diesem höherwertigen Geschäft mit Cloud und Managed Services sind nicht nur bei Cancom, sondern bei allen Systemhäusern der Katalysator für steigende Gewinne. »Nach meiner Kenntnis sind wir nach wie vor das am Schnellsten wachsende und auf Ebitda- Basis auch profitabelste Systemhaus in Europa«, sagt Klaus Weinmann. 100 Millionen bis 110 Millionen Euro will der Cancom-Vorstand mit cloudbasierten Lösungen in diesem Jahr umsetzen und die Erlöse mit diesen Services gegenüber 2013 damit mehr als verdreifachen. Rund 60 Millionen Euro davon sollen aus regelmäßig wiederkehrenden Einnahmen stammen. Nicht mehr Einnahmen und Gewinne aus dem mitunter volatilen IT-Handel oder Projektgeschäft sondern Recurring Revenues ist die goldene harte Währung, die bei angelsächsischen Investoren den Wert börsennotierter Systemhäuser bestimmt. Je größer der Umsatzanteil aus solchen langlaufenden vertragsbasierten IT-Bezugsmodellen ist, desto besser.

Überhaupt hat sich der deutsche Systemhausmarkt in den letzten Jahren unter dem Druck sinkender Margen vor allem bei Hardware in Richtung IT-Dienstleistungsgeschäft entwickelt. Die Bilanzen der großen börsennotierten Systemhäuser sprechen für sich. Branchenriese Bechtle erzielt zwei Drittel seiner Umsätze in der Systemhaussparte und wächst sowohl beim Umsatz als auch Ertrag weiter rasant. Neben dem boomenden Systemhausgeschäft ist die europaweite E-Commerce-Sparte eine weiterhin tragende Säule des schwäbischen Mustersystemhauses und sie bleibt es. Bechtle ist die Amazon des B-2-B-Handels mit Hard- und Software, der ITK-Handel bleibt für die Neckarsulmer ein strategisch unersetzlicher Baustein – was in der Diskussion über disruptive Märkte oft vergessen wird.

Vorstand-Chef Max H.-H. Schaber: Datacom erreicht erstmals 75 Prozent Dienstleistungsanteil
(Foto: Datagroup)

Tendenziell verliert das Produktgeschäft im Systemhausmarkt aber an Aufmerksamkeit. Auch beim schwäbischen Bechtle-Nachbarn Datagroup. Der IT-Dienstleister mit Sitz in Pliezhausen hat zum Ende des Geschäftsjahres 2013/14 (Ende September) erstmals die Schwelle von 75 Prozent Dienstleistungsumsätze überschritten. Vorstand-Chef Max H.-H. Schaber treibt das Outsourcing-Geschäft weiter voran. CORBOX heißt das neu beworbene modulare Komplettangebot, mit der Datagroup Unternehmen mit 250 bis 5.000 IT-Seats einen sorgenfreien IT-Betrieb verspricht. Bereits in den ersten Wochen des neuen Geschäftsjahres scheint die Vertriebsoffensive zu greifen. Man habe mehrere langfristige Outsourcingverträge mit Neukunden abschließen und bestehende Verträge mit Bestandskunden verlängern und ausbauen können. »Wir sicherten uns damit Umsätze im zweistelligen Millionenbereich, verteilt über die nächsten fünf Jahre«, so Schaber, der sich mit dem bisherigen Verlauf des Geschäftsjahres sehr zufrieden zeigt. 155 Millionen Euro will der IT-Dienstleister im laufenden Jahr erzielen, bei einem Ebitda-Ergebnis von über 15 Millionen Euro. Das Unternehmen ist mit 1.300 Mitarbeitern an 16 bundesweiten Standorten präsent.

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