Verbindliche Selbstverpflichtung geplant:
IT-Branche lehnt eine Frauenquote ab

von Nadine Kasszian (nadine.kasszian@crn.de)

14.04.2011

Da Frauen gerade in den Führungsetagen der IT-Konzerne unterrepräsentiert sind, hat CRN sich umgehört, wie die Unternehmen wie unter anderem HP, Microsoft oder Computacenter zu einer Zwangs-Frauenquote stehen. Der Großteil der IT-Branche spricht sich eindeutig gegen eine gesetzlich verordnete Frauenquote aus.

Cancom-Chef, Klaus Weinmann, hält eine gesetzlich erzwungene Frauenquote für nicht praktikabel

Führungspositionen sind in Deutschland fest in Männerhand. Aus diesem Grund fordert Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent in Großkonzernen. In Norwegen wurde bereits eine Frauenquote von 40 Prozent eingeführt. Die Unternehmen hatten nur eine relativ kurze Frist von wenigen Jahren, um die Quote zu erfüllen und haben es alle geschafft. Das bedeutet, ein Mangel an qualifizierten Frauen scheint nicht zu bestehen.

In Deutschland sperren sich jedoch nicht nur die Vorstände der 30 DAX-Unternehmen gegen eine gesetzlich verordnete Frauenquote, auch die großen IT-Konzerne halten einen festgelegten Anteil weiblicher Führungskräfte für abwegig und vor allem nicht praktikabel. »Ich weiß nicht, wie sich die Politiker die praktische Umsetzung einer ›Zwangsquote‹ zum Beispiel für den Vorstand vorstellen. Wir sind zu zweit im Vorstand und beide männlich. Müssten wir dann bei einer Quote von 20, 30 oder 40 Prozent einen Vorstand entlassen und eine Frau einstellen?«, sagt Cancom-Chef Klaus Weinmann. Diese Problematik ist auch der Politik bewusst. »Es ist absurd, Maschinenbauunternehmen zur selben Frauenquote zu verdonnern wie Unternehmen der Kommunikationsbranche«, so Familineministerin Schröder.

Von 30 Prozent ist die IT-Branche weit entfernt

Bitkom-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer hält eine verbindliche Selbstverpflichtungen insbesondere für die vielen mittelständischen Hightech-Unternehmen für den besseren Weg

Von einem Anteil von 30 Prozent ist die IT-Branche in Deutschland nämlich derzeit meilenweit entfernt. Aktuell sind nach einer Analyse der Personalberatung Kienbaum für den Bitkom lediglich 17 Prozent aller IT-Experten in Deutschland Frauen und nur sechs Prozent der Führungspositionen im IT-Bereich sind von Frauen besetzt. »Der geringe Frauenanteil bei IT-Experten verwundert nicht, denn nur wenige Frauen absolvieren eine Berufsausbildung oder ein Studium in diesem Bereich«, kommentiert Bitkom-Präsident Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer.

Lediglich 18 Prozent aller Studienanfänger in der Informatik sind weiblich. Bei den IT-Ausbildungsberufen sind es sogar nur neun Prozent. »In dieser Situation sind hohe, gesetzlich festgelegte Quoten für Frauen in Führungspositionen in der ITK-Branche kaum zu erreichen.« Scheer hält eine verbindliche Selbstverpflichtungen insbesondere für die vielen mittelständischen Hightech-Unternehmen für den besseren Weg.

Allen Vorurteilen zum Trotz übernehmen ITK-Unternehmen eine Vorreiterrolle, wenn es darum geht, Frauen zu fördern. Die Deutsche Telekom ist das einzige DAX-Unternehmen, das sich bislang verpflichtet hat, eine Frauenquote für Führungspositionen zu übernehmen.

In anderen Ländern ist der Frauenanteil deutlich höher

Dass Frauen in der IT dennoch so stark unterrepräsentiert sind, liegt laut der Konzerne nicht nur an der technischen Ausrichtung der Unternehmen. Wie Ursula Wiehl-Schlenker, HP Staffing Manager für Deutschland, im Gespräch mit Computer Reseller News ausführt, gibt es große regionale Unterschiede. »In vielen anderen europäischen Ländern ist der Frauenanteil in technischen Berufen höher - Deutschland hat Aufholbedarf.«

»In Deutschland fehlt der Nachwuchs an technisch ausgebildeten Frauen – das gilt vor allem für Ingenieursstudiengänge und Informatik«, erläutert Wiehl-Schlenker. Ein Drittel von HPs weltweiten Führungskräften sind bereits Frauen. Während der Anteil in der Gesamtbelegschaft von HP in Deutschland konstant bei rund 30 Prozent läge, zeige sich bei den weiblichen Führungskräften je nach Geschäftsbereichen ein unterschiedliches Bild. Bei klassischen IT-Berufsprofilen läge der Anteil bei rund zehn Prozent, allerdings deutlich über 30 Prozent im Vertrieb und Privatkundengeschäft.

Hewlett-Packard hat bereits feste Ziele vereinbart, um die Anzahl von Frauen im Management in allen Geschäftsbereichen zu erhöhen. »Diese Ziele verstehen wir nicht als Quoten, denn für uns ist es wichtig, die bestmögliche Person für den Job auszuwählen«, erläutert Ursula Wiehl-Schlenke von HP. Die Maßgabe für das HP-Management lautet »Verpflichtung ohne Quote«.

Gemischte Teams sind erfolgreicher

Computacenter-Chef Oliver Tuszik hält gemischte Teams für erfolgreicher

Die IT-Branche ist sich der Problematik bewusst, dass Frauen in den Vorständen, Aufsichtsräten und Geschäftsführungspositionen nur zu kleinen Anteilen vertreten sind. Da sich DAX-Konzerne und IT-Unternehmen dennoch gegen eine Frauenquote sträuben, stellt sich die Frage, wie der Anteil von Frauen auf anderem Wege erhöht werden kann. Die IT-Konzerne bemühen sich, mehr Frauen für IT-Berufe und vor allem auch für Führungstätigkeiten zu gewinnen. Eine staatliche verordnete Quote wollen sie dabei umgehen. Cancom-Chef Klaus Weinmann ist der Ansicht, dass das Geschlecht nie entscheidend sein sollte für oder gegen die Einstellung eines Mitarbeiters.

»Allein die fachliche Qualifikation und die sogenannten Soft Facts sollten ausschlaggebend sein.« Viel wichtiger sei eine Diskussion auf allen Ebenen, in der Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, warum der Frauenanteil in den Chefetagen so gering ist und wie diese Situation geändert werden könne. Oliver Tuszik, Vorstandsvorsitzender und CEO von Computacenter fragt, wie sinnvoll eine Frauenquote von 30 Prozent ist, wenn immer noch weniger als 20 Prozent der Studienabgänger in den MINT-Fächern weiblich sind. »Wir müssen viel früher und langfristiger ansetzen«, so der Computacenter-Chef.

Denn Tuszik ist davon überzeugt, dass Frauen in den Chefetagen nicht nur ethisch wünschenswert sind, sondern den Erfolg eines Unternehmens steigern können. »Es ist schwer, pauschale Aussagen darüber zu treffen, ob es Unterschiede bei männlichen oder weiblichen Führungskräften gibt. Ich bin mir nur in einem Punkt sicher – gemischte Teams sind in Summe erfolgreicher«, erklärt der Systemhaus-Chef.

Frauen sind bereits sehr gut ausgebildet - die Rahmenbedingungen müssen sich ändern

Wie Patrick Stahl, Senior Director Human Resources Ingram Micro berichtet, setzt der Distributor auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Vor einer Gesetzesänderung müsse jedoch zunächst eine Veränderung im Bewusstsein stehen, ist Helga Falk-Zarse, Bereichsleitung Personal und Interne Services bei Electronic Partner überzeugt. »Vor allem Ansätze wie Kinderbetreuung, vorausschauende Personalplanung oder flexible Arbeitszeiten öffnen Frauen den Weg in Führungspositionen«, erläutert die Personal-Managerin. Wie Patrick Stahl, Senior Director Human Resources Ingram Micro berichtet, setzt der Distributor auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie durch Teilzeitoptionen und die Möglichkeit vom Home Office aus zu arbeiten.

Das Unternehmen hat eine Kita im Firmengebäude verwirklicht, welche die Kinder der Mitarbeiter bereits ab dem Alter von drei Monaten bevorzugt aufnimmt. Mit dem Erfolg, dass der Frauenanteil bei Führungspositionen über alle Hierarchieebenen hinweg bei Ingram Micro immerhin bei 25 Prozent liegt. »Ich gehe fest davon aus, dass der Anteil der Frauen in Führungspositionen in Zukunft auch ohne vorgegebene Quote deutlich zunehmen wird«, sagt Stahl. »Das Thema genießt viel mehr Aufmerksamkeit als jemals zuvor. Außerdem erleben wir seit Jahren, dass Mädchen die besseren schulischen Qualifikationen erbringen und der Anteil der Universitätsabsolventinnen den der Absolventen mittlerweile übersteigt.«

Der Anteil von weiblichen Auszubildenden bei Distributor Ingram Micro liegt inzwischen bereits bei einem nahezu optimalen Wert von 46 Prozent. In Zukunft wird es demnach nicht an qualifizierten Frauen für Führungspositionen in der IT fehlen, sie müssen es nur noch schaffen, sich gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen – bestenfalls ohne oder wenn nötig mit einer festgelegten Quote.

Dell-Chefin Barbara Wittmann im CRN-Interview

»Diskussion erhöht Aufmerksamkeit für das Thema«

Dell-Chefin Barbara Wittmann lehnt eine Frauenquote ebenfalls ab

CRN: Die IT-Branche ist eine starke Männer-Domäne. Hat sich das in den letzten Jahren verändert?

Wittmann: Die IT-Branche ist sehr dynamisch und somit auch eine Industrie, die Mitarbeiter mit sehr unterschiedlichen Qualifikationen beschäftigt. Wir haben bei Dell Mitarbeiter mit Hochschulabschluss aus den Ingenieurwissenschaften, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, aber auch Geisteswissenschaftler. Diese »Diversity« streben wir auch in Bezug auf Frauen an, aber wir haben leider oft zu wenige Bewerberinnen, um den Mythos »Männer-Domäne IT« entzaubern zu können.

CRN: Was halten Sie von einer allgemeinen Frauenquote, wie sie von der Bundesregierung diskutiert wird?

Wittmann: Persönlich bin ich der Meinung, dass eine Frauenquote nicht die Lösung ist, aber die Diskussion darüber erhöht die Aufmerksamkeit für das Thema. In vielen Bereichen – man betrachte nur die Ingenieurwissenschaften – sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Trotzdem sollten in meinen Augen auch bei der Besetzung einer Führungsposition die Eignung und Erfahrung der jeweiligen Person sowie Kriterien wie fachliche und soziale Kompetenz ausschlaggebend sein.

CRN: Was tun Sie, um Frauen stärker für IT-Berufe und insbesondere für Führungspositionen zu gewinnen?

Wittmann: Hier gibt es eine Reihe von Maßnahmen, die wir bei Dell bereits ergriffen haben. Flexible Arbeitszeitmodelle sind nur ein Beispiel. Unter dem Stichwort »Connected Workplace« bieten wir eine mobile, kollaborative Arbeitsumgebung, die ein produktives Arbeiten auch ohne permanente Büro-Anwesenheit von »9 to 5« ermöglicht. Zudem haben wir bei uns im Unternehmen Leadership- und Sponsorship-Programme speziell für Frauen ins Leben gerufen.

CRN-Interview mit Brigitte Hirl-Höfer, Senior Director Human Resources von Microsoft

»Wir wollen die fähigsten Mitarbeiter«

Brigitte Hirl-Höfer, Senior Director Human Resources von MIcrosoft

CRN: Die IT-Branche ist eine starke Männer-Domäne. Hat sich das in den letzten Jahren verändert?

Hirl-Höfer: Nach wie vor sind in der IT-Branche deutlich mehr Männer als Frauen beschäftigt. Dennoch gibt es einen leichten Anstieg an Frauen, die sich für Informatik und Informationstechnologien interessieren und sich für einen naturwissenschaftlichen Studiengang einschreiben. Es gehört zu unseren Aufgaben, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die IT-Branche für Frauen interessant macht. Durch zahlreiche Initiativen wie zum Beispiel »Komm mach MINT« für die sich auch Microsoft Deutschland engagiert, wollen wir die Begeisterung für IT bei jungen Frauen frühzeitig wecken.

CRN: Wie viele Frauen besetzen Führungspositionen bei Microsoft?

Hirl-Höfer: Mit einem Frauenanteil von 26 Prozent liegt Microsoft deutlich über dem deutschlandweiten Durchschnitt von IT-Berufen. Von 15 Personen im Leadership-Team sind sieben Frauen – fünf davon haben Kinder. Gemischte Teams befruchten sich gegenseitig. Sie fördern Kreativität und innovatives Denken. Beide Seiten können ihre Stärken ausspielen und tragen somit auch maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Microsoft zeigt also, dass die Förderung von Frauen in Führungspositionen auch ohne die vieldiskutierte Frauenquote gut funktionieren kann.

CRN: Was halten Sie von einer gesetzlichen verordneten Frauenquote wie sie von der Bundesregierung diskutiert wird?

Hirl-Höfer: Unternehmen müssen schon zur Erhaltung ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit stärker auf Frauen setzen. Wir bekennen uns zu einer familienfreundlichen Unternehmenskultur und tolerieren keine geschlechtsspezifischen Gehaltsunterschiede. Umfassende Arbeitszeit- und Arbeitsplatzflexibilität haben bei uns zu einem Anstieg des Frauenanteils geführt und insgesamt für eine deutliche höhere Mitarbeiterzufriedenheit gesorgt. Darüber hinaus haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich gemischte Teams hervorragend ergänzen. Das rechnet sich auch für uns als Unternehmen. Wir wollen bei Microsoft Deutschland die fähigsten Mitarbeiter, nur das zählt. Eine Quote lehnen wir ab - einstimmig mit der Mehrheit der Frauen in unserer Geschäftsleitung.

CRN: Was kann man tun beziehungsweise was tun Sie, um Frauen stärker für IT-Berufe und insbesondere für Führungspositionen zu gewinnen?

Hirl-Höfer: Um den Frauenanteil anzuheben, müssen Unternehmen umdenken. Sie müssen nicht nur die Unterschiede in den Gehaltsstufen entfernen, sondern Frauen gezielt fördern und insgesamt familienfreundlicher werden. Umfassende Arbeitszeit- und Arbeitsplatzflexibilität haben bei uns zu einem Anstieg des Frauenanteils geführt und insgesamt für eine deutliche höhere Mitarbeiterzufriedenheit gesorgt. Frauen werden bei Microsoft mit einer Vielzahl von Angeboten systematisch gefördert, zum Beispiel durch Trainings, individuelle Coachings, Mentoring-Programme und die Unterstützung von nationalen und internationalen Frauennetzwerken. Darüber hinaus engagiert sich Microsoft durch verschiedene bundesweite Organisationen und Initiativen, um mehr Frauen und bereits auch schon Mädchen für eine berufliche Zukunft in der IT zu begeistern. Beispiele hierfür sind die Kooperation von Microsoft mit dem nationalen Pakt der Bundesregierung »Komm mach MINT« für mehr Mädchen in IT oder zusammen mit dem SIBB (Software Industrie Verband Berlin Brandenburg) mit dem Pilotprojekt »TOP IT mit Frauen« zum Abbau von Stereotypen.

CRN: Was sind Ihre Erfahrungen mit weiblichen Führungskräften? Können sie Unterschiede im Führungsstil weiblicher Chefs ausmachen?

Hirl-Höfer: Der Führungs- und Kommunikationsstil spielt bei Microsoft – unabhängig vom Geschlecht - eine wichtige Rolle und zeichnet sich durch Transparenz und Offenheit - zum Beispiel durch die »Open Door Policy« – aus. Jeder hat seinen eigenen Führungsstil, das gilt auch für die Männer untereinander. Man kann allerdings feststellen, dass sich durch mehr Frauen in der Geschäftsführung die Kommunikationsdisziplin verändert hat. In Meetings wird lösungsorientierter diskutiert, Ressourcen werden effektiver genutzt. Insgesamt haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich gemischte Teams hervorragend ergänzen und in puncto Kreativität und Innovation deutlich leistungsfähiger sind.

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