Unbekanntes Steuerrisiko für Familienunternehmen: Wenn die Wegzugssteuer zuschlägt

Viele Unternehmer schicken ihre Kinder zur Ausbildung ins Ausland. Einige bleiben dort jedoch länger als geplant. Das birgt steuerliche Risiken in Form der sogeannten Wegzugsteuer. Wie Unternehmen vorsorgen können, erläutern die KPMG-Experten Kay Klöpping und Karen Ferdinand im Interview.

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CRN: Wann müssen Unternehmen mit einer Wegzugsbesteuerung rechnen?


Klöpping: Die Wegzugsteuer droht einem Unternehmer oder Anteilseigner im Prinzip immer, wenn er aus Deutschland wegzieht oder sich eine längere Zeit im Ausland aufhält. Viele Unternehmer schicken ihren Nachwuchs zum Beispiel zum Studium in die USA. Nach dem Auslandsaufenthalt kommen die Nachfolger in der Regel direkt zurück, um in das Unternehmen einzusteigen. Manch einer jedoch bleibt in der Ferne – vielleicht nur ein paar Jahre, vielleicht aber auch für immer. Sofern er bereits Anteile am Familienunternehmen besitzt und im Ausland bleibt, um beispielsweise Arbeitserfahrung zu sammeln, wird die Wegzugsteuer fällig. Die Wegzugsteuer ist nichts anderes als eine Art »Abschlussrechnung« mit dem deutschen Staat. Sie verfolgt das Ziel, die im Inland angelegten stillen Reserven auch hier steuerlich zu erfassen. Die Steuer gilt im Grundsatz für jeden, der für mindestens zehn Jahre in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig war, einen Anteil von mindestens einem Prozent an einer deutschen oder ausländischen Kapitalgesellschaft hält und seinen inländischen Wohnsitz aufgibt oder seinen Lebensschwerpunkt in das Ausland verlagert, so dass der deutsche Staat zukünftig das Besteuerungsrecht verliert.

CRN: Inwieweit betrifft die Besteuerung die Unternehmen überhaupt?

Klöpping: Betroffen sind hier Familienunternehmer, die ihr Unternehmen in Form einer GmbH halten. Die Steuer kommt aber auch bei etwas anderen Voraussetzungen zum Tragen – etwa unter bestimmten Umständen bei Personengesellschaften. Eine zu hohe Steuerlast für den Inhaber oder Anteilseigner kann sich negativ auf das Unternehmen auswirken, da im Regelfall die Liquidität auch für Steuern durch das Unternehmen erbracht wird. Ferdinand: Für die Wegzugsbesteuerung wird ein fiktiver Wert berechnet: Wie hoch wäre der Wert des Anteils, wenn das Unternehmen zum Zeitpunkt des Wegzugs veräußert würde? Bemessungsgrundlage für die Wegzugsteuer sind die sogenannten stillen Reserven – also die Differenz zwischen den ursprünglichen Anschaffungskosten und dem „gemeinem Wert“ der Beteiligung. Wurden die Anteile nicht erworben, sondern geerbt, gelten als Anschaffungskosten diejenigen, die der Erblasser für die Anteile seinerzeit bezahlt hat. Ich gebe Ihnen ein konkretes Beispiel: Ein deutscher Student erbt alle Anteile des als GmbH geführten Familienunternehmens im Wert von 20 Millionen Euro. Als der Vater sie ursprünglich gekauft hat, war das Unternehmen ein Viertel wert, also fünf Millionen Euro. Nach drei Jahren ist der Wert der GmbH auf 30 Millionen Euro angewachsen. Die stillen Reserven – und damit die Bemessungsgrundlage der Besteuerung – belaufen sich demnach auf 25 Millionen Euro. Dieser so genannte fiktive Veräußerungsgewinn ist zu versteuern.

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