IT-Lösungen in Bildungseinrichtungen: Kreidetafel statt Whiteboard

Hoch sind die Wachstumserwartungen der IT-Anbieter, die den hiesigen Bildungs- und Forschungsbereich mit passgenauen Lösungen und Initiativen adressieren. Aber knappe Budgets und Berührungsängste der Verantwortlichen erschweren das Geschäft.

(Foto: Fotolia/Contrastwerkstatt)

Jeder spricht von der Digitalisierung aller Lebensbereiche, aber ausgerechnet im deutschen Bildungssektor verläuft die IT-Aufrüstung und Digitalisierung nur schleppend. Die bis heute viel zitierte Studie »International Computer and Information Literacy Study (ILCIS)« aus dem Jahr 2014 bietet diesbezüglich den umfassendsten internationalen Vergleich: Die Studie sieht das deutsche Bildungswesen in punkto IT-Kompetenz allenfalls im internationalen Mittelfeld. Deutsche Lehrer und Dozenten greifen demnach lieber zu Kreidetafel und Schulbuch als zu Tablet oder Notebook. Das sich zuletzt in der Einstellung gegenüber den digitalen Hilfsgeräten und -inhalten wenig geändert hat, verdeutlicht eine aktuelle Umfrage des ITK-Branchenverbandes BITKOM zum Einsatz von E-Book-Readern in Schulen: Demnach geben lediglich vier Prozent der befragten 505 Lehrer an, dass an ihrer Schule solche Geräte zur Verfügung stehen, gerade einmal ein Prozent nutzt diese im Unterricht. Dabei wünscht sich laut BITKOM immerhin jeder vierte Lehrer den Einsatz dieser Geräte anstelle der klassischen Schulbücher. Gleichzeitig glauben immerhin 13 Prozent der Lehrer, dass die Geräte außen vor bleiben sollten, da Schüler die sinnliche Wahrnehmung von gedrucktem Papier schätzten.

Ob E-Book-Reader oder Tablets, Projektoren oder Whiteboards – an passenden zeitgemäßen Lösungen für jedes Klassenzimmer mangelt es nicht. Denn die Anbieter von ITK-Lösungen haben den Schul- und Weiterbildungsbereich nach dem Schockbefund für Deutschland folgerichtig als einen lukrativen Wachstumsmarkt entdeckt. Schließlich werde die Digitalisierung vor dem Bildungsbereich nicht Halt machen, die technische Aufrüstung sei lediglich eine Frage der Zeit. Die schwer widerlegbare Argumentation lautet: Digitale Technologien erleichtern den Zugang zu Information und Wissen und eröffnen die Chance auf Bildung, beruflichen Erfolg und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, wie es Hersteller Microsoft in einem Positionspapier formuliert. Der Software-Riese hat zahlreiche Inititaiven zur IT-Aufrüstung von Schulen und Universitäten aufgelegt, unter anderem bietet er Lizenzen für Windows 10 oder Office 365 als Education-Variante im Rahmen des bundesweit geltenden Software-Rahmenvertrags mit dem Medienistitut der Länder (FWU) zu vergünstigten Konditionen an. Im Rahmen dieser Initiative bietet auch viele Hardware-hersteller, wie etwa Bluechip, Tarox oder Wortmann, auf den Schulbereich abgestimmte Geräte und Komplettlösungen an.

Kommentare (1) Alle Kommentare

Antwort von Angel07 , 22:06 Uhr

Der Artikel bestätigt die Unwissenheit der IT-Branche (von Ausnahmeunternehmen einmal abgesehen) in Sachen öffentliches Bildungssystem in Deutschland und öffentliche Auftraggeber . Da wird ausgeführt, dass die öffentlichen Auftraggeber das billigste Angebot nehmen müssen und kein Ertrag möglich ist. Stimmt nicht- im Rahmen der Ausschreibung ist das wirtschaftliche Angebot zu berücksichtigen - und das ist nicht unbedingt gleich das billigste. Und Ertrag ist auch möglich wenn im Projekt die langfristige Dienstleistung im Vordergrund steht, eben es ein richtiges Projekt ist und nicht nur Kistenschieben. Dazu wäre aber im Vorfeld eine zielführende Projektarbeit notwendig. Und die funktioniert nur, wenn man verstanden hat, wie die öffentlichen Auftraggeber "ticken". Und genau da klemmt es noch gewaltig. Wer meint, Projekte im öffentlichen Sektor so zu stemmen wie im freien Markt - der liegt gewaltig daneben und sollte sich zunächst eine Lektion Staatswesen gönnen.

Und das ist kein Aussage so aus dem Bauch heraus, sondern persönliche Erfahrung. Es war rückblickend Glück fast 10 Jahre unmittelbar in einer obersten Behörde des Staates im Bereich IT als Entscheider tätig zu sein (und als Inhaber eines IT Systemhauses dennoch unternehmerischer Verantwortung zu kennen). Der Perspektivwechsel hat mir erst gezeigt, wie wenig der Vertrieb über die besonderen Mechanismen der öffentlichen Auftraggeber in Wirklichkeit weiß (auch ich habe es nicht gemusst trotz über 20 Jahre aktiver Tätigkeit in dem Segment). Da gehört eben neben tollen Produkten, erstklassiger Dienstleistung und dem Bedürfnis etwas zu verkaufen auch ein umfassendes und aktuelles Wissen zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen (VOL, EVB-IT, UfAB, etc.) , insbesondere im Bildungsbereich aktuelle Kenntnisse zur Bildungspolitik des Landes (wer ist für was zuständig, wie ist die Finanzierung geregelt, welche bildungspolitischen Ziele werden verfolgt, etc.). Es ist schon unlustig am Tisch Anbieter sitzen zu haben, und erst einmal lang und breit zu erklären, dass für die Beschaffung von z.B. dieser oder jener Software für Schulen laut Gesetz oder Verordnung die Kommune oder das Land zuständig ist. ""Wie ist der den auf das Gespräch im Ministerium vorbereitet ??? Was will der eigentlich von mir ???""). Oft hatte man den Eindruck das der Vertriebsmanager Education Sektor oder Projekt Key Manager (oder wie sie sonst noch blumig hießen) erst einmal erklären musst, wie ein Projekt in diesem Umfeld aufgesetzt werden kann und abläuft. Dazu kommt noch die Verständigungssprache - der Klassiker Jurist trifft Techniker sage ich nur. Das Dumme ist nur, der Jurist ist der Entscheider und trifft nur Entscheidungen über Dinge die er versteht. Das dann der öffentliche Auftraggeber "ängstlich" sich an der VOL festhält und lieber keine mutige Projektentscheidung trifft ist die logische Folge - der Anbieter und potentielle Partner ist ja offenbar keine besonders verlässliche Stütze und Sicherheit.

Und Schulentscheider haben nicht Berührungsängste zu neuen IT Technologien - die haben einfach andere Sorgen und ein nicht einfaches Rechtsumfeld. In erster Linie geht es um Unterrichtsabdeckung, um Klassenbildung, um Stundenplanung und Chancengleichheit. IT-Technologien können in diesem Prozess nur ein hilfreiches, aber sicher nicht das wesentliche Werkzeug sein. Dazu kommen sozialpädagogische Aspekte die zwingend zu beachten sind. Es ist zu einfach mangelnden Vertriebserfolg einfach den Entscheidern im öffentlichen Bildungssektor anzulasten, es ist eher Zeugnis fehlender Kenntnisse von und über dieses besondere Vertriebsziel. Die Unternehmen, die es verstanden haben können oft auf eine langjährige und erfolgreiche Zusammenarbeit verweisen. Dieser Teil aus den Reihen der Fachhändler und IT-Systemhäuser ist zur Zeit aber überschaubar.

Vielleicht sollte mal nachgedacht werden, ob die für den öffentlichen Sektor verantwortlichen Manger in den Unternehmen ein längeres (z.B. halbjähriges) Praktika bei Landes oder Bundesbehörden absolvieren - zur Vermittlung von Kenntnisse der öffentlichen Verwaltung und des praktischen Staatswesen. Das würde sicher manch neue Perspektiven vermitteln.

Die persönlichen Jahre im öffentlichen Bereich waren nicht immer einfach (gerade weil man immer geneigt ist nach dem Maßstab der freien Wirtschaft zu denken und zu handeln), aber zum beruflichen Abschluss eine Bereicherung, die ich so nicht erwartet hatte und nicht missen möchte.