IT-Projekte im Handel: Digital Retail: PoS goes Etail

Nach Jahren haben viele Händler Omnichannel umgesetzt. Nun drängen Etail-Technologien in die stationäre Filiale, allein die Umsetzung wird auch hier ihre Zeit brauchen. Trotzdem sollten Händler den richtigen Zeitpunkt nicht versäumen.

(Foto: Rawpixel-fotolia)

Innerhalb der letzten 15 Jahre hat es einen Paradigmenwechsel in der Handelswelt
gegeben. Wollte man früher die stationären Verkaufsprozesse in die virtuelle Welt
übertragen, lief der Handel seit Jahren dem vom etailverwöhnten Kunden geforderten Cross- oder Omni-Channel hinterher. Zwar haben viele Unternehmen die lange propagierte Kanalverschmelzung endlich abgeschlossen, doch schon tun sich neue Kundenwünsche auf. Digitalisierung, Smartphone, Internet: Der digitale und mobile Kunde stellt die Handelsunternehmen vor die Aufgabe, liebgewonnene Technologien aus dem Netz auch stationär umzusetzen. Doch welche der aktuellen En-vogue-Technologien sind nur Strohfeuer, welche für die Zukunft des Unternehmens sogar lebenswichtig? Um diese Frage zu beantworten, hat das EHI Retail Institute IT-Verantwortliche von 95 führenden Einzelhandelsunternehmen mit insgesamt rund 81.000 Filialen befragt, welche Prioritäten ihre Unternehmen bei zukünftigen Investitionen setzen. Mit weitem Abstand vorne liegen dabei immer noch die Themen Omni-Channel (63 Prozent) und Mobile (57 Prozent). Danach folgen ebenfalls stark IT-lastige Bereiche wie Big Data, Analytics und In-Memory-Technologie. Auch Cloud-Computing ordnen viele IT-Verantwortliche als wesentlichen Trend der kommenden Jahre ein.

51 Prozent sehen es dabei als wichtigste organisatorische Aufgabe, die Kanalintegration weiter zu optimieren, danach kommen die technische Systemverknüpfung, Realtime-Anbindung sowie Stammdatenmanagement. Während zwölf Prozent ihrer bisherigen Kanalintegration schon das Urteil »gut« verpassen, sehen sich 40 Prozent der Befragten auf einem guten Weg. Als Hürden für die Implementierung der IT-Innovationen machen 35 Prozent der Teilnehmer nicht ausreichende IT-Budgets aus. Engpässe bei Personal und knappe Zeitressourcen sind bei 25 Prozent der Befragten dafür verantwortlich. Vor allem gegenüber anderen Branchen wie der Automobil- oder Pharmaindustrie zieht der Handel bei Gehältern den Kürzeren. »Verbunden mit einem generellen Mangel an qualifizierten Fachkräften in der IT gibt es daher bei vielen Unternehmen erhebliche Probleme bei der Suche nach geeigneten Mitarbeitern«, erklärt Ulrich Spaan vom EHI. Schwierigkeiten bei der Selektion sowie Priorisierung von Innovationen sind für 20 Prozent ernste Hemmnisse. Aktuell sehen nur neun Prozent der Befragten das Thema IT-Security als wichtigen Trend, wenn es um die Digitalisierung des Handels geht. Doch viel mehr Händler sollten sich dieses wichtigen Themas bewusst sein, schließlich sind nicht mehr nur Kunden- und Stammdaten für Hacker von Interesse. Inzwischen sind auch Produkt-, Preis- und Konditionsinformationen sowie Strategiepapiere oder Personaldaten bares Geld wert.
Gleichzeitig aber macht die Studie des EHI auch klar: Deutsche Handelsunternehmen richten ihre IT bislang noch zu wenig am eigentlichen Kundennutzen aus und wollen stattdessen Althergebrachtes bewahren. Nicht umsonst haben heute noch 31 Prozent der befragten IT-Verantwortlichen eigenentwickelte Warenwirtschaftslösungen in ihren Unternehmen im Einsatz. Bei 34 Prozent der übrigen IT-Systeme ist mindestens eine Kernapplikation noch eine Eigenentwicklung, die keine Standards zulässt.
Insgesamt machen die von der Studie befragten IT-Verantwortlichen drei aktuelle IT-Entwicklungen im Handel aus. Erstens Neuland: die Einführung vollkommen neuer digitaler Prozesse wie zum Beispiel Bea-con-Technologie. Zweitens Erneuerung: Aktualisierung der bestehenden IT-Systeme zum Beispiel durch neue Analyse-Verfahren, welche die einströmenden Daten aus dem Omni-Channel einordnen und strukturieren. Drittens Reorganisation: die Ablösung bestehender IT-Prozesse durch modernere und der Zeit angepasste Lösungen. Eines haben die drei Kategorien gemeinsam: Mobile Endgeräte wie Smartphone und Tablet spielen – zumindest auf Kundenseite – eine zentrale Rolle.