Der erste Malware-Mensch:
Forscher infiziert sich mit Computervirus

von Lars Bube (lars.bube@crn.de)

27.05.2010

Ein britischer Wissenschaftler hat sich als erster Mensch selbst mit einem Computervirus infiziert, um auf die möglichen Gefahren neuer Technologien hinzuweisen. Dr. Mark Gasson verseuchte dazu einen RFID-Chip unter seiner Haut mit Schadcode, der Lesegeräte und sogar weitere Chips befallen kann.

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Mark Gasson beschäftigt sich mit der Vernetzung von Mensch und Computer.

Fast ein viertel Jahrhundert nachdem der erste Computervirus sich aufgemacht hat Maschinen zu befallen, ist jetzt die erste (wissenschaftlich belegte) digitale Infektion bei einem Menschen zu vermelden. Der Test eines neuen Zugangskontrollsystems für die Gebäude der Universität Reading, das mittels in den Finger implantierter RFID-Sender funktioniert, hat den britischen Wissenschaftler Dr. Mark Gasson [1] auf die Idee gebracht, sich als erster Mensch sozusagen selbst mit einem Computervirus zu infizieren.

Gasson nutzte bei seinem Selbstversuch bereits vorhandene Erkenntnisse über die Möglichkeiten, Mini-Viren auf Transponderchips unter zu bringen, um seinen RFID-Zugangsschlüssel so zu modifizieren, dass dieser statt des Zugangscodes Malware aussendet. Schon nach ersten Versuchen zeigte sich, dass so ein Angriff funktionieren kann und den Virus sowohl auf Lesegeräte als auch andere Chips weiter verbreiten.

Gasson selbst sagt, er wolle mit der Aktion weder eine allgemeine Technikphobie unterstützen, noch in die Geschichte eingehen. Ihm gehe es vielmehr darum, eindringlich vor den Gefahren eines zu schnellen und leichtfertigen Einsatzes neuer Technologien in sensiblen und persönlichen Bereichen zu warnen. Tatsächlich ist der Forscher selbst alles andere als ein überängstlicher Technikfeind, manchen Kollegen gilt er gar als eine Art »Dr. Matrix«: Ein Großteil seiner Publikation dreht sich um Themen wie neuronale Implantate und andere Interaltions- und Verbindungsmöglichkeiten des menschlichen Nervensystems mit Rechnern.

Mensch und Maschine wachsen zusammen

25 nach den PCs kommen Computerviren über neue Technologien zum Menschen zurück. (Bild: Dan Race, fotolia.de)

Als nächste Schritte will Gasson zunächst noch weiter mit seinen aktuellen Versuchen fortfahren und und seien Methoden und Codes verbessern, um im Juni auf dem »IEEE International Symposium on Technology and Society« einen ersten Bericht über seine Erfahrungen und Erkenntnisse als menschliche Virenschleuder abzugeben. Detaillierte Ergebnisse sollen dann im November auf der Annual AS Level IT Student Conference in London vorgestellt werden. Der Titel seines angekündigten Vortrags: »Könnten auch Sie mit einem Computervirus infiziert werden?«

Mit dieser mahnenden Botschaft trifft der Wissenschaftler einen wunden Punkt. Gerade in den USA setzen sich relativ junge Technologien wie RFID und Bluetooth auch in sensiblen Bereichen schnell durch, insbesondere wenn Sie Kostenvorteile versprechen. Beispielsweise lassen sich damit einfach die Vitalfunktionen von Patienten einfach dauerüberwachen, Blutzuckermesswerte per Bluetooth an Insulinpumpen schicken oder andere Implantate wie Herzschrittmacher steuern.

Während es einerseits es sehr vorteilhaft sein kann, einen dementen Patienten in einem Krankenhaus per RFID wieder zu finden, so kann die gleiche Technik andererseits gleichzeitig für seine weitgehende Überwachung missbraucht werden, wie Gasson an seinem Bespiel mit nahezu vollständigen Bewegungsprofilen (Transponder in Verbindung mit dem Mobiltelefon) deutlich zeigt. Damit wäre Big Brother nicht mehr weit und auch die Manipulationsmöglichkeiten schier unbegrenzt - vom Supermarkt bis zum Flughafen oder Klinikum. Gasson plädiert deshalb für einen verantwortungsvollen und kontrollierten Einsatz ausgereifter Entwicklungen und Technologien, statt ihrer möglichst schnellen Kommerzialisierung.

[1] http://www.reading.ac.uk/sse/about/Staff/m-n-gasson.aspx

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