Interview mit dem Kaspersky-Chef Eugen Kaspersky:
Eugene Kaspersky: »Mobile Anwendungen werden die Cybercrime-Szene revolutionieren«
Er ist Mitbegründer einer der erfolgsreichten IT-Sicherheitsfirmen der Welt: Eugene Kaspersky. Seit 2007 leitet er als Chief Executive Officer die Geschäfte von Kaspersky Lab. Im Gespräch mit Network Computing erläutert Kaspersky, wohin die Reise in Sachen IT-Sicherheit und Cyberkriminalität geht.
Network Computing: »Herr Kaspersky, derzeit macht der Internet-Wurm Conficker die Runde. Welches Ziel verfolgen die Programmierer dieser Malware?«
Eugene Kaspersky: »Conficker dient dazu, ein Bot-Netz von bislang ungeahntem Ausmaß aufzubauen. Derzeit warten die Rechner, die mithilfe von Conficker in Zombies verwandelt wurden, auf Instruktionen. Möglicherweise werden die Leute, die hinter Conficker stecken, Denial-of-Service-Angriffe auf Firmen oder Internet-Service-Provider starten.«
Network Computing: »Ist bekannt, wer Conficker in die freie Wildbahn entlassen hat?«
Kaspersky: »Nein, es gibt nur Gerüchte. Es ist schwer, in solchen Fällen die Hintermänner zu ermitteln. Auch deshalb, weil oft mehrere Cybercrime-Banden quasi auf Projektbasis zusammenarbeiten.«
Network Computing: »Wir funktionieren solche Kooperationen?«
Kaspersky: »Fast wie in der Software-Branche: Talentierte Programmierer erhalten von einer oder mehreren Cybercrime-Banden den Auftrag, eine Malware zu entwickeln, etwa einen Trojaner. Das Programm wird dann von ‚echten‘ Kriminellen zum Einsatz gebracht. Diese streichen auch das Geld ein, etwa indem sie Bankkonten von Opfern plündern oder auf deren Kosten Waren bestellen.«
»Russland und China verfügen über gut ausgebildete Software-Fachleute«
Network Computing: »Länder wie Russland, die Ukraine und China gelten als Hochburgen der Cyberkriminalität. Warum dies?
Kaspersky: »Die Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion und China investieren viel Geld in die Ausbildung von Software-Entwicklern – im Gegensatz zu Deutschland. Daher können Cyberkriminelle auf gut ausgebildete Fachleute zurückgreifen. Das gilt übrigens auch für Länder wie die USA, Israel und neuerdings Brasilien.«
Network Computing: »Warum lassen sich Software-Spezialisten auf solche Deals ein?
Kaspersky: »Zum einen deshalb, weil sie damit auf einfache Weise Geld verdienen können. Zum anderen spielt die Lage auf dem Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle. Wer keinen oder nur einen schlecht bezahlten Job hat, ist für solche Angebote anfälliger. Speziell in China dürften in den kommenden Monaten viele IT-Fachleute wegen der steigenden Arbeitslosigkeit zu Malware-Programmierern werden.«
»Viele Social-Networking-Nutzer sind zu naiv«
Network Computing: »Welche Rolle spielen Social Networks wie Xing, Facebook oder Myspace im Bereich Cyberkriminalität?«
Kaspersky: »Es gibt nur wenige direkte Angriffe auf solche Dienste. Cyber-Gangster nutzen sie jedoch verstärkt dazu, um dort mithilfe von ‚Social Engineering‘ potenzielle Opfer zu finden.«
Network Computing: »Wie funktioniert das?«
Kaspersky: »Indem sich Kriminelle beispielsweise als ‚Freund‘ oder ‚alter Bekannter‘ eines Opfers ausgeben und ihm einen Link zu einer angeblich interessanten Web-Seite schicken. Auf der haben die Angreifer dann Schadsoftware hinterlegt. Es ist erstaunlich, wie naiv viele Nutzer von Social-Networking-Diensten sind und auf solche Angebote hereinfallen. Allerdings arbeiten Kriminelle mittlerweile an Angriffsformen, die deutlich ausgefeilter sind.«
»Ein Megatrend sind Angriffe auf mobile Geräte«
Network Computing: »Welche Trends im Bereich Cyberkriminalität sehen Sie in den kommenden zwei bis drei Jahren?«
Kasperksy (hier auf der diesjährigen CeBIT):
Kaspersky: »Die Zahl der Angriffe auf mobile Geräte wie Smartphones wird rasant zunehmen. Derzeit haben wir in diesem Bereich eine Situation, wie sie bei Desktop-Rechnern vor etwa zehn Jahren herrschte, mit relativ wenigen Attacken. Das wird sich ändern, weil immer mehr Nutzer auch vom Smartphone aus Bankgeschäfte durchführen oder online einkaufen.«
Network Computing: »Auf welche Geräte werden sich solche Angriffe konzentrieren?«
Kaspersky: »Als besonders gefährdet würde ich Windows Mobile und Android einstufen. Dagegen halte ich MacOS, Symbian und das Blackberry-Betriebssystem für relativ sicher.«
Network Computing: »Heißt das, dass Microsoft und Google eine schlechten Job gemacht haben?«
Kaspersky: »Nein, aber es stehen für Windows viel mehr Anwendungen zur Verfügung, und das heißt, es gibt auch mehr Sicherheitslöcher, die sich ausnutzen lassen. Eine ähnliche Situation wird sich bei Google Android ergeben.«
Network Computing: »Und was ist mit Symbian, Apples Betriebssystem und dem Blackberry-OS? Sind Plattformen diese sicherer?«
Kaspersky: »Im Moment ja, aber nur deshalb, weil es für diese Betriebssysteme weniger Anwendungen gibt als beispielsweise für Windows Mobile. Cyberkriminelle orientieren sich daran, wie viele Nutzer ein bestimmtes Betriebssystem einsetzen. Und hier ist Windows klar auf dem Vormarsch.«
Network Computing: »Das heißt, je mehr mobile Applikationen für eine Plattform bereitstehen, desto attraktiver ist sie für Cyberkriminelle?«
Kaspersky: »Ja, so pervers es klingen mag: Je offener und erfolgreicher eine Plattform ist und je mehr Applikationen sie unterstützt, desto größer ist die Gefahr. Das werden wir in den kommenden Monaten zu spüren bekommen.«
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