Gerüstet für den Ernstfall?: Minister proben Reaktion auf Cyber-Angriff

Wie reagiert die EU, wenn Hacker ein militärisches Hauptquartier angreifen? Auf diese Frage gibt es bislang keine klare Antwort. In Estland übten jetzt die Verteidigungsminister für den Fall der Fälle.

(Foto: Lulla / Fotolia)

Für die anwesenden EU-Verteidigungsminister war es der virtuelle Ernstfall: Unbekannte verüben einen Cyber-Angriff auf ein militärisches Hauptquartier der EU. Befehle werden erteilt, die von der EU niemals gegeben wurden. Viren und Trojaner legen Rechner lahm, Bildschirme werden schwarz und im Internet tauchen massenhaft falsche Informationen auf. Doch was nun? Wie darauf reagieren?

Um auf ein solches Horrorszenario vorbereitet zu sein, absolvierten die Verteidigungsminister der 28 EU-Staaten am Donnerstag erstmals eine Übung zu einem großen Cyber-Angriff. Bei der simulierten Attacke bei einem Treffen in der estnischen Hauptstadt Tallinn mussten sie das Krisenmanagement übernehmen.

Viel Zeit zu überlegen gibt es nicht. Schon nach rund 90 Minuten ist alles wieder vorbei. »Wir wollen keine Programmierer aus den Ministern machen. Aber wir wollen ihnen zu verstehen geben, dass diese sich schnell entwickelnden Situationen eine schnelle politische Entscheidung erfordern könnten«, erklärt der estnische Verteidigungsminister Jüri Luik. Ziel der Übung sei es, die unterschiedlichen Reaktionsmöglichkeiten aufzuzeigen und die Bedeutung des Themas zu verdeutlichen.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) ist angetan. »Das war eine ausgesprochen spannende Übung«, kommentiert die CDU-Politikerin im Anschluss. Es sei deutlich geworden, wie wichtig die Koordinierung innerhalb der Europäischen Union sei. Bei Cyberattacken sei der Gegner sehr schwer zu identifizieren. Der Angriff erfolge leise, unsichtbar.

Luik verweist noch auf eine weitere Schwierigkeit: »Die Cyber-Welt und Cyber-Bedrohungen kennen keine nationalen Grenzen oder die Barrieren zwischen Organisationen.«

Die estnische EU-Ratspräsidentschaft hatte die Übung seit dem vergangenen Jahr vorbereitet. Als Beobachter war auch Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit dabei. »Es ist wichtig, dass wir mit der EU zusammenarbeiten, um unsere Verbündeten und unsere Mitglieder gegen viele verschiedene Arten von Cyber-Attacken zu verteidigen«, betont er.

Estland verweist in diesem Zusammenhang auch gerne auf das Jahr 2007. Damals war der kleine Baltenstaat nach der Verlegung eines sowjetischen Kriegsdenkmals einer flächendeckenden Cyber-Attacke ausgesetzt. Die Hacker trafen das hochdigitalisierte EU- und Nato-Land an seinem wunden Punkt: Online-Angebote waren tagelang gestört, Regierung, Wirtschaft und Medien nur eingeschränkt handlungsfähig. Estland hat seitdem entschiedene Schritte getan, um sich gegen Angriffe aus dem Internet zu wappnen.

Auch die EU hat den Cyber-Krieg mittlerweile als Priorität in ihrer Sicherheitsstrategie definiert und ihre Schutzsysteme zuletzt deutlich verbessert. Schon heute gibt es Expertenteams, die Alarm schlagen, wenn im Internet Propaganda verbreitet wird. Zudem wurden ein IT-Notfallteam für den Luftverkehr und eine Sonderheit für Cybersicherheit aufgebaut.

Welche andere Folgen Cyber-Attacken haben können, haben zudem die jüngsten Ereignisse in den USA gezeigt. Dort sind Hacker aus Russland in den Verdacht geraten, den US-Präsidentschaftswahlkampf beeinflusst zu haben. Sie sollen unter anderem mit der illegalen Veröffentlichung von E-Mails aus dem Lager der Demokratin Hillary Clinton dem später siegreichen Republikaner Donald Trump in die Hände gespielt haben.