Editorial CRN 22/2017: Provozierende Hightech unter der Haut

Hightech-Körperimplantate wecken Ängste vor Totalüberwachung, Videos dazu auf Facebook schaffen keine Akzeptanz. Als ob das nicht schon genug wäre, stellt sich die Industrie selbst ein Bein.

Editorial

Rolf Werner hat sich auf offener Bühne während einer Business-Veranstaltung einen RFID-Chip implantieren lassen (siehe CRN) und damit erwartungsgemäß eine kontroverse Diskussion losgetreten. »Schlimm« oder »totaler Blödsinn« sind noch die harmlosesten Facebook-Kommentare, die der Fujitsu-DACH-Chef für sein medienwirksames Chippen einstecken musste. Man kann darüber streiten, ob der technikbegeisterte Manager mit ¬dieser medialen Inszenierung nicht doch das Gegenteil dessen provoziert hat, was er eigentlich vorhatte: sich mit einer Zukunftstechnologie unvoreingenommen zu beschäftigen. Geht es um Hightech-Implantate, werden ureigene Ängste vor Totalüberwachung berührt, Technikphobien geweckt, die jede sachliche Diskussion unmöglich machen. Man mag die Begeisterung eines Managers aus der Hightech-Branche über die Möglichkeiten solcher Innovationen teilen. In öffentlichen Kanälen wie Facebook haben Chips, die unter die Haut gehen, nichts verloren.

Der Aufschrei weiter Kreise wird nämlich solchen Personen nicht gerecht, für die Hightech-Körperimplantate aus medizinischen Gründen sinnvoll sein können. Ginge es immer gleich um Totalüberwachung, würden auch keine Sensoren in Autos gebaut, die vor Übermüdung warnen und Unfälle verhindern können. Kritiker dürfte dann konsequenterweise auch keine Smartphones verwenden, keine Fitness-Tracker tragen, in keinem Smart Home wohnen. Das Thema ist komplex. Es taugt vor allem nicht für Pro- und Kontra-Postings in sozialen Medien.

Man muss sich indes schon darüber wundern, wie wenig sensibel die Industrie mit dem Thema umgeht: Der US-Hersteller des beim Fujitsu-Manager Werner implantierten Chips heißt doch tatsächlich »Dangerous Things«. Sein deutscher Exklusivdistributor »Digiwell« wirbt mit dem problematischen Slogan: »upgrading people«. Das schafft keine Akzeptanz. Es lässt nur die Liste der Verschwörungstheorien länger werden.

Martin Fryba
CRN-Chefredakteur

Kommentare (2) Alle Kommentare

Antwort von Martin Steffen , 15:47 Uhr

"Ginge es immer gleich um Totalüberwachung, würden auch keine Sensoren in Autos gebaut….": Genau dieser Überzeugung bin ich - weg mit den Sensoren und Kameras! Jeder soll fahrtüchtig in ein Auto steigen und Selbstverantwortung übernehmen, basta! "Kritiker dürfteN dann konsequenterweise auch keine Smartphones verwenden, keine Fitness-Tracker tragen, in keinem Smart Home wohnen" - und genau diese Konsequenz lebe ich - weil mir Privatsphäre, Freiheit und Selbstbestimmung wesentlich wichtiger sind!

Antwort von Martin Steffen , 15:45 Uhr

"Ginge es immer gleich um Totalüberwachung, würden auch keine Sensoren in Autos gebaut….": Genau dieser Überzeugung bin ich - weg mit den Sensoren und Kameras! Jeder soll fahrtüchtig in ein Auto steigen und Selbstverantwortung übernehmen, basta! "Kritiker dürften dann konsequenterweise auch keine Smartphones verwenden, keine Fitness-Tracker tragen, in keinem Smart Home wohnen" - und genau diese Konsequenz lebe ich - weil mir Privatsphäre, Freiheit und Selbstbestimmung wesentlich wichtiger sind!