Editorial CRN 21/2017: Überwachung für Jedermann

Der von Microsoft auf der »Build« vorgestellte »Video Indexer« ist beeindruckend und bedrohlich zugleich. Er zeigt, wie weit die automatische Auswertung von Videomaterial mithilfe von KI bereits ist und bietet einen einfachen Einstieg in die Überwachung für Jedermann.

CRN 21/2017
(Foto: CRN)

Durchaus beeindruckend war, was Microsoft vor zwei Wochen auf seiner Entwicklerkonferenz »Build« präsentierte. Unter den vielen neuen Diensten stach vor allem der »Video Indexer« hervor, der mithilfe künstlicher Intelligenz die Auswertung und Verschlagwortung von Videos übernimmt. Das hört sich im ersten Moment vielleicht nicht spektakulär an, ist es aber, wenn man einen genaueren Blick darauf wirft. Denn hier kommen Bild-, Sprach- und Texterkennung zusammen, um bei hochgeladenen Videos zu ermitteln, wer zu sehen ist und was er sagt. Das Gesprochene kann einzelnen Personen zugeordnet und transkribiert werden, selbst deren Stimmung soll eine »Sentiment Analysis« ermitteln. Und natürlich werden auch im Video sichtbare Texte erfasst.

Das ist natürlich praktisch, um Videos komfortabel nach bestimmten Personen oder Themen beziehungsweise gesprochenen Worten zu durchforsten. Sicherheitsfirmen dürften zu den ersten Interessenten zählen, ebenso Medienhäuser und Werbevermarkter, die automatisiert ähnliche Videos einander zuordnen und thematisch passende Werbung anzeigen können.

Das Ganze hat allerdings noch eine zweite, ungleich bedrohlichere Komponente. Denn mit dem Dienst bietet Microsoft einen einfachen Einstieg in die Überwachung für Jedermann. Derzeit lassen sich zwar nur aufgezeichnete Videos analysieren, doch an einer Auswertung für Streams arbeitet der Software-Konzern bereits. Sobald diese möglich ist, kann etwa im Videostream einer Überwachungskamera in Echtzeit erkannt werden, wer in ihr Sichtfeld tritt und was er sagt.

Dass Microsoft das auf der Build gleich mal am Beispiel der Überwachung von Mitarbeitern demonstrierte, hinterlässt ein ungutes Gefühl. Ein anderer Anwendungsfall wäre die Verfolgung von Patienten in einem Krankenhaus. Dass einiges an Missbrauchspotenzial vorhanden ist, scheint auch Microsoft klar zu sein. CEO Satya Nadella betonte, die Zukunftsvisionen von George Orwell oder Aldous Huxley seien nicht erstrebenswert. »Technologie kann unbeabsichtigte Konsequenzen haben«, so der Microsoft-Chef in seiner Keynote. »Ich denke, es liegt an uns sicherzustellen, dass einige diese dystopischen Szenarien nicht wahr werden.« Ob sich die Nutzer des Dienstes aber letztlich so verantwortungsvoll verhalten, wie Microsoft sich das wünscht, bleibt abzuwarten.

Mit besten Grüßen!

Daniel Dubsky
Redaktion CRN