Lazy Friday: Die letzten Dinge im Internet:
Friedhof 2.0 – Vom iPhone-Todesorakel bis zur E-Bestattung

von Bernd Reder (bernd.reder@networkcomputing.de)

27.11.2009

Der November ist vielen nicht nur wegen der obligatorische Grippewelle verhasst. Auch die unsägliche Ansammlung von Totengedenktagen, inklusive der Grabbesuche im Nieselregeln, drückt aufs Gemüt. Dabei bietet das Internet genügend Möglichkeiten, seinen Angehörigen solche Torturen zu ersparen. Wir haben Online-Services rund um den »Friedhof 2.0« erkundet.

(Bild: Pixelio.de/nanjo)

Das Internet vergisst nichts, heißt es. Umso interessanter ist dieses Medium für alle, die über den Tod hinaus präsent sein wollen, und wenn es auch nur in Form eines virtuellen Grabmals ist.

Allerdings gibt es auch Menschen, die genau das Gegenteil möchten: Wenn schon fort von dieser Welt, dann richtig - und keine digitalen Reminiszenzen hinterlassen.

Also weg mit allen Flickr-Fotos, Youtube-Videos, Myspace- und Facebook-Profilen! Doch wie, vor allem dann, wenn man sich bereits in einer anderen Sphäre bewegt?

Wir haben einige hoch interessante, aber auch merkwürdige Erscheinungen rund um den Friedhof 2.0 zusammengetragen.

Wo ist das verdammte Testament?

Wer kriegt was beziehungsweise wie viel? Diese zentrale Frage nach dem Ableben von wohlbetuchten Mitbürgern mündet oft in einer Schlammschlacht zwischen den Erben – vor allem dann, wenn kein Testament aufzufinden oder dasselbe spurlos »verschwunden« ist.

In Legacy Locker können Sie zu Lebzeiten wichtige Daten ablegen, etwa Hinweise auf das Bankkonto auf den Cayman Islands, von dem Ihre Frau oder Ihr Mann nichts wissen.

Der digitale Online-Tresor Legacy Locker [1] stiftet Frieden. Dort einfach Files mit den Infos über Bankkonten, Aktienpakete und Versicherungspolicen deponieren, dazu noch einen Hinweis auf den (möglichen) Fundort des Testaments, und schon kann die Jagd beginnen. Und Sie können dem Treiben gelassen von »oben« (oder »unten«) zuschauen. In Deutschland bietet übrigens Idivus [2] einen ähnlichen Service an.

Facebook: You’ll never walk alone

Ob wohl jeder nach seinem Ableben in seinem

Einmal Facebook [3]-Mitglied, immer Facebook-Mitglied. Das könnte Nutzern der Social-Networking-Plattform »drohen«. Denn wie Facebook-Mitarbeiter Max Kelly in einem Blog-Beitrag schrieb, will der Anbieter die Profile von verstorbenen Nutzern stilllegen, aber nicht löschen. Über solche »memoralized« Accounts leben deren ehemalige Besitzer weiter, wenigstens in virtualisierter Form. Eine tolle Idee!

Entweder »Mich bitte löschen« …

Da gönnt man sich extra eine Seebestattung, damit weder Grab noch Urne mit den eigenen Resten übrig bleiben. Und dann wandelt man auf ewig als Fliegender Cyber-Holländer durch das Web!

My Web Will löscht die digitalen Spuren von Verstorbenen im Internet.

Die Schwedin Lisa Granberg betätigt sich mit ihrem Service My Web Will [4] als Spurenlöscher. Sobald das »Go«, sprich die amtliche Todesbescheinigung vorliegt, eliminiert der Dienst alle Einträge in Facebook, Myspace, Flickr et cetera. Damit die/der Betreffende tatsächlich seine Ruhe hat.

… oder »Ich will virtuell weiterleben«

Natürlich liegt das Modell »Tabula Rasa« nicht jedermann. Wer möglichst lange in dieser Welt präsent sein möchte, sollte sich eMorial [5] ansehen. Auf dem »Erinnerungs-Portal« können die lieben Anverwandten und Freude Erinnerungs-Web-Seiten für Verstorbene einrichten und sogar (virtuelle) Kerzlein anzünden.

Das Ideale für Menschen, die keine Lust haben, an nasskalten Novembertagen zu »echten« Gräbern zu pilgern. Ebenfalls eine sehr pietätvoll gehaltene virtuelle Grabstätte, und dazu noch eine überkonfessionelle, biete Geh Den Weg [6] an.

In Memoriam Schnuffi und Pinky

Was Frauchen und Herrchen recht ist, darf den vielen Spatzis, Bellos und Pinky nur billig sein. Auch Zwerghase, Edel-Pudel und Kampfhamster haben Anspruch auf eine 1a-Online-Bestattung. Vor allem Amerikaner scheinen eine Vorliebe für Web-2.0-Beerdigung ihrer Lieblinge zu haben.

Auch das verblichene Kätzchen möchte ein standesgemäßes Web-2.0-Grab.

Doch auch in Deutschland gibt es zarte Ansätze, etwa die »Trostseiten« von Tier TV [7], Quitschie.de [8] oder Memory Garden 24 [9]. RIP, Fiffy!

Spam aus dem Jenseits

Sie möchten Ihre »Lieben« auch dann noch nerven, wenn Sie bereits Ihren neuen Job als Harfenist dritter Klasse auf Wolke 124 angetreten haben? Dann werden Sie Mitglied im Last Messages Club [10]. Für 90 Pfund können Sie Ihre Lieben aus dem Jenseits heraus mit bis zu 100 E-Mails und Dateianhängen von insgesamt 2 GByte bombardieren.

Für Rachsüchtige: Spammen Sie ihre

Welch Spaß! Und damit der Service nicht verfrüht loslegt, fragt der Betreiber regemäßig brav per E-Mail nach, ob der Auftraggeber »still alive« ist. Ein bisschen billiger ist der deutschsprachige Dienst Final Popup [11] aus der Schweiz. Das Basispaket mit 20 Empfängeradressen, fünf E-Mails und 10 MByte Speicherplatz kostet 4,75 Euro pro Jahr.

Der Friedhof der Youtube-Videos

Nicht nur Opa, die Erbtante und der Wellensittich haben ein Anrecht auf ein anständiges Online-Begräbnis. Dasselbe gilt für Filmchen, die von Youtube gelöscht wurden – weil deren »Uploader« angeblich das Urheberrecht verletzt haben.

Friedhof der Youtube-Filmchen: Auf Youtomb lagern allerdings nur Exemplare, die widerrechtlich auf das Videoportal hochgeladen wurden.

Solche Leichen landen auf Youtomb [12], einem Portal des Massachusetts Institute of Technology (MIT) – angeblich zu Forschungszwecken. Gebt es zu Jungs, ihr zieht euch die netten Sachen selbst rein!

Deletionpedia: Tomb Raider wanted!

Ziemlich schnell mit der Delete-Taste zugange sind ab und an die Betreuer des Online-Lexikons Wikipedia. Gut gemeinte, aber qualitativ miese Beiträge wandern schnell ins Daten-Nirvana.

Deletionpedia sammelt alle Wikipedia-Beiträge, die gelöscht wurden. Allerdings nur solche, die in der englischen Version des Online-Lexikons erschienen.

Wer eine solche Leiche sucht, wird auf Deletionpedia [13] fündig. Dort dümpeln mittlerweile 63.000 Artikel vor sich hin und freuen sich über jeden Besucher.

Lost Places: vom Flugplatz bis zum Landesbank

Und noch ein »Online-Friedhof« der besonderen Art: Auf Lostplaces [14] wird fündig, wer nach verblichenen Flugplätzen von NATO und Nationaler Volksarmee sucht oder wissen möchte, was aus dem Atombunker von Erich Honecker geworden ist.

Ein Bild des Jammers: Erich Honeckers ehemaliger Atombunker.

Auch solche Gebäude, die für zig Milliarden Steuergelder erstellt wurden, gehen den Weg alles Irdischen.

Oh iPhone – sag mir die Stunde!

Und zum Abschluss das ultimative Tool: Dass wir alle einmal das Zeitliche segnen werden, steht fest. Die entscheidende Frage ist: wann? Bevor Sie mit Schafgarbenstengeln oder Tierknöchelchen um sich werfen oder für nur 499 Cent pro Minute bei einer dubiosen TV-Kartenlegerin anrufen, greifen Sie lieber zum iPhone.

Na endlich eine vernünftige iPhone App: Sie sagtdem User, wann ihm die letzte Stunde schlägt.

Die App »Erfahren Sie ihr Todesdatum [15]« für ganze 79 Cent sagt Ihnen, wann Ihr Ableben ansteht – und zählt die verbleibenden Jahre, Tage und Stunden herunter. Wie motivierend!

[1] http://www.legacylocker.com
[2] https://www.idivus.com/
[3] http://www.facebook.de
[4] http://www.mywebwill.se
[5] http://emorial.de/
[6] http://www.geh-den-weg.de/
[7] http://mein.tier.tv/trostseiten
[8] http://www.quitschie.de/
[9] http://www.online-grab.eu/?Session=6209d95825f9b8905d9e19e0c17040a39200a76448def7476de0bcd8ce45289a
[10] http://www.lastmessagesclub.com
[11] http://www.finalpopup.com
[12] http://youtomb.mit.edu/
[13] http://deletionpedia.dbatley.com/w/index.php?title=Main_Page
[14] http://www.lostplaces.de/
[15] http://www.3gapps.de/erfahren-sie-ihr-todesdatum