Wahlkampf mittels Twitter:
Lazy Friday: Was deutsche Politiker dem Wähler »zwitschern«
Eigentlich ist der Messaging-Service Twitter ein Albtraum für alle Politiker. Diese Herrschaften haben bekanntlich soooo viel zu sagen, und nun sollen sie ihre ach so wichtigen Botschaften in lächerlichen 140 Zeichen zusammenfassen. Wir haben uns auf die Suche nach deutschen Politikern gemacht, die sich auf dieses Wagnis einlassen.
Twitter [1] polarisiert so wie das Münchner Oktoberfest: Die einen hassen den Micro-Blogging-Dienst und qualifizieren die 140 Zeichen langen Nachrichten als pubertäres Gestammel ab, die anderen lieben dieses neue Medium.
Für Politiker, die eher auf Aussagen von epischer Breite geeicht sind, müsste Twitter daher eigentlich ein Folterinstrument sein. Doch weit gefehlt, wie unsere kleine Übersicht zeigt. Wer »in« sein will, geht auch mit 140-Zeichen-News auf Wählerfang.
Die Kanzlerin verweigert
Ein kurzer Suchlauf auf Twitter fördert eine ganze Reihe von »Angela Merkels« zutage. Da ist vom »Original« die Rede, oder ein von einer biologisch abbaubaren Version der Kanzlerin. Leider ist die echte Angie auf der Zwitscher-Plattform nicht zu finden. Vermutlich verträgt sich twittern nicht mit der staatstragenden Rolle als Bundeskanzlerin.
Facebook ja, Twitter nein: Kanzlerin Angela Merkel mag nicht
Immerhin: Auf Facebook [2] zeigt Frau Merkel, was sie draufhat (hier der Link zu ihrem Profil [3]). Allerdings ist das Angebot etwas dröge: Öffentliche Rede auf dem Jakobsplatz in Nürnberg, öffentliche Rede auf dem Markt in Schwerin et cetera.
Der Follower-King Frank-Walter
Sagenhaft: Mehr als 4300 Follower! Und das bei der Ausstrahlung! SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier [4] ist damit der Quoten-King unter den twitternden Politikern.
Hat mit über 4000 Followern die CDU/CSU zumindest bei Twitter abgehängt: Frank-Walter Steinmeier, Kanzlerkandidat der SPD.
Allerdings hinterlässt der stressige Wahlkampf auch bei F_W seine Spuren: Der letzte Beitrag stammt vom 24. August. Wohl keine Zeit mehr fürs Twittern, was? Da bleibt nur der Appell: Nicht aufgeben, Frank-Walter. Mach es nicht so wie Kollege Seehofer.
Das Internet ist böse: Wolfgang Schäuble
Zugegeben, unseren Innenminister Dr. Wolfgang Schäuble unter den Twitter-Fans zu finden, hätte uns überrascht. Solch dubiosen Diensten, wie dem Internet an sich, muss man einfach mit tiefstem Misstrauen begegnen.
Bundesinnenminister Wolgang Schäuble nutzt Twitter nicht. Dafür tun das böse Menschen in seinem Namen.
Der Beweis: Da twittern doch böse Menschen unter dem Namen des Ministers und verbreiten en masse Falschinformationen (siehe Bild). Fazit: In Herrgotts Namen eine eigene Web-Seite [5]; die haben ja alle, auch die Sozis und die Linken. Aber kein Teufelswerk wie Facebook, StudiVZ, Youtube und Ähnliches.
Langeweile mit Theo zu Guttenberg
Gähn – mehr fiel uns nicht zu den Tweets [6] von Wirtschaftsminister Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg [7] ein. Der Shooting-Star der CSU hält sich äußerst bedeckt.
CSU-Verlautbarungsmaschine: Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg setzt auf politisch korrekte und unverfängliche Infos aus Fraktionssitzungen.
Hier ein paar Kostenproben: »CDUCSU-Fraktion: Möglichkeiten der Prävention bei jugendlichen Gewalttätern verbessern« oder »CDUCSU-Fraktion: Steinmeier erwähnt Familien nicht: Anlässlich der Kritik der Sozialministerin …«.
Das ist Magerkost, Herr Wirtschaftsminister! Sehen Sie sich doch mal im Vergleich dazu die Tweets von Herrn Müntefering an. Aber vielleicht will zu Guttenberg nicht seinen Chef ausbremsen, nein, nicht die Kanzlerin, sondern den CSU-Oberguru Horst Seehofer.
Aller Anfang ist schwer: Horst Seehofer
Es steht 412 zu 143 – für den Jungspund. Es ist aber kein Wunder, dass der CSU-Vorsitzende Horst Seehofer deutlich weniger Follower als Parteikollege Karl-Theodor zu Guttenberg. Schlappe drei Tweets [8] seit Juli, und kein einziger aktueller.
Drei Mitteilungen, und dann war Schluss: Horst Seehofer hat das Twittern offenkundig eingestellt.
Und dabei lässt Seehofer twittern, wie er einräumt: »Um das hier klarzustellen: Ich mache die Zwitscherei nicht allein, sondern werde vom Büro unterstützt. Und das großartig.« Vielleicht sollte er sein Büro beziehungsweise dessen Insassen einmal auf Vordermann bringen. Oder sollte der (Ober-)Bayer an sich mit solch neumodischem Zeugs wie Twitter nichts anfangen können?
Münte und das Handy
Franz Müntefering, der große alte Mann der SPD, gibt sich modern. Unter http://twitter.com/muentefering [9] kann jedermann nachlesen, was »Münte« so treibt. Interessanter Weise scheint er mit »Low-Tech-Geräten« wie Mobiltelefonen so seine Probleme zu haben: »Mein Handy korrigiert ärgerlicher Weise ‚Frank-Walter‘ zu ‚Franz-Walter‘. Kann man das irgendwo ändern?«
Immer up to date: SPD-Parteichef Franz Müntefering berichtet fast in Echtzeit, etwa über die Notlandung seines Flugzeugs in Stuttgart.
Super, Herr Müntefering, dass sie sich trotzdem den Herausforderungen eines so innovativen Mediums wie Twitter stellen – von wegen altbackene SPD!
Die grün-rote Claudia
Irgendwie lustig: Claudia Roth, Bundesvorsitzende der Grünen, twittert als »Gruene_Claudia [10]«, posiert aber auf ihrer Twitter-Seite im knallroten Oktoberfestdirndl. Ob hier doch die alte Liebe zum linken Lager durchkommt?
Auch Claudia Roth hat es nicht so mit Twitter.
Tja, ein bisschen mehr Farbe – und vor allem Leben könnte Claudias Twitter-Auftritt gut gebrauchen. Den letzten Beitrag hat sie am 9. Juli veröffentlicht. Thema: ein Wahlspot der Grünen. Ein Wunder, dass Frau Roth angesichts dieser dürftigen Aktivität immer noch rund 1500 Follower hat.
Wir sind nicht da: Jürgen Trittin und Renate Künast
Ja, wo sind sie denn, die dynamischen Spitzenkandidaten der Grünen? Doch weder Jürgen Trittin noch Renate Künast [11] sind auf der Zwitscherplattform zu finden. Stopp, das stimmt nicht ganz: Immerhin hat Frau Künast einen Account.
Ein Bild der Trostlosigkeit: der Twitter-Account von Renate Künast, einer der beiden Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahl.
Doch der präsentiert sich in ziemlich unfertigem Gewand. Fragt sich nur, wie sie zu mehr als 200 Followern gekommen ist.
Guido greift an!
Bravo! Endlich einer, der den »Sozen«, so FDP-Chef Guido Westerwelle [12], auch in Sachen Twitter etwas entgegensetzt. Seit dem 17. September ist der smarte Polit-Charming-Boy aktiv: »Na sowas. Die ganzen Politik-Twitterer scheinen bisher fast nur Fakes, Sozen oder beides zu sein. Wird Zeit, dass sich daran was ändert!«.
Will es den
Und wie es sich für einen Spezialisten in Sachen Eigenmarketing gehört, hat Guido bereits auf Anhieb fast 1600 Follower. Weiter so, Herr Westerwelle! Den Herren F_W Steinmeier mit seinen 4300 Fans werden Sie doch wohl überholen.
Was ist los, Herr Gysi?
Während Oskar Lafontaine offenkundig auf das gesprochene Wort setzt und Bierzelte und Festhallen als Bühne nutzt, setzt sein Mitstreiter Gregor Gysi [13]auf eine multimediale Strategie, inklusive Twitter. Doch oh weh – dem Frontman der Linken scheint auf der Wahlkampf-Zielgeraden die Luft auszugehen.
Nix mit Twittern im Wahlkampf: Die Linke, das heißt Gregor Gysi, hat ihre Ankündigung offenkundig vergessen.
Auf den vollmundigen Tweet »@db9dj [14] und andere: vielen dank für die tipps. habe das auch im büro besprochen. wir werden gemeinsam im wahlkampf twittern« vom 3. April folgte – nichts. Oder hat für Die Linke der Wahlkampf noch gar nicht begonnen?
[1] http://www.twitter.com/
[2] http://www.facebook.de/
[3] http://www.facebook.com/AngelaMerkel?sid=fd38f14b74aee16461f7c7d571e05d26&ref=search
[4] http://twitter.com/F_W_Steinmeier
[5] http://www.wolfgang-schaeuble.de/
[6] http://twitter.com/GuttenbergCSU
[7] http://www.zuguttenberg.de/
[8] http://twitter.com/horstseehofer
[9] http://twitter.com/muentefering
[10] http://twitter.com/Gruene_Claudia
[11] http://twitter.com/kuenast
[12] http://twitter.com/G_Westerwelle
[13] http://twitter.com/gregorgysi
[14] http://twitter.com/db9dj
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