Lazy Friday: Tückische IT:
Von der Motte im Rechner bis zu T-Mobile: die größten Computerpannen

von Bernd Reder (bernd.reder@networkcomputing.de), Lars Bube

24.04.2009

Pech für die circa 40 Millionen T-Mobile-Kunden: Am vergangen Dienstag ging nichts mehr, weder telefonieren noch »smsen«. Ein Software-Fehler sperrte die Kunden des größten deutschen Mobilfunkunternehmens aus dem Netz aus. Doch T-Mobile steht mit dieser »Meisterleistung« nicht alleine da ...

(Fortsetzung des Artikels von Seite 8)

Du darfst heute nicht telefonieren …

Am Dienstag hat T-Mobile [1] seine Werbebotschaft »Erleben, was verbindet« einfach mal umgedreht. Erleben, was nicht verbindet, hieß es dann nämlich für einen Großteil der rund 40 Millionen Kunden, wenn sie telefonieren oder eine SMS verschicken wollten. Aufgrund eines Fehlers im »Home Location Register«, das die Verbindung zwischen den einzelnen Geräten und dem Netz koordiniert, landeten nach Auskunft von T-Mobile etwa drei Viertel aller Verbindungsversuche im Nirwana.

Tut uns Leid! T-Mobile

Keine Verbindung gab es auch für alle, die genauere Informationen zum Ausfall, den Ursachen und dem ungefähren Zeitrahmen der Störung von T-Mobile wollten. Selbst Vertreter der Presse wurden am Dienstag an den entsprechenden Nummern einfach weggedrückt.

Zwei Tage später entschuldigte sich dann auch schon René Obermann bei den Kunden für die Mega-Panne. Als Trostpflaster dürfen sie nun am Sonntag gratis SMS in alle deutschen Netze verschicken. Gerade den Business-Nutzern, die aufgrund der Störung Termine verpasst haben oder ähnliches, dürfte das allerdings eher wie Hohn, denn wie eine ernsthafte Kompensation vorkommen. Genauso gut hätte man auch Dauerlutscher verteilen können, die die Wartezeit auf die Rückkehr des Netzes verkürzen.

… und Du darfst nicht mit der Bahn fahren!

Offenkundig haben speziell ehemalige Staatsbetriebe ein Faible für Datenpannen. So auch die Bahn AG [2] am 15. Januar dieses Jahres. An diesem Tag fielen alle Fahrkartenautomaten, Kommunikations- und Anzeigesysteme aus. Die Ursache: Techniker hatten bei Wartungsarbeiten an Computersystemen nicht aufgepasst. Erst nach vier Stunden arbeiteten die Rechner wieder halbwegs normal.

Kein Wunder, dass ein Computerausfall den Bahnverkehr lähmt. Selbst das Anstellen am Fahrkartenautomat wird mittlerweile

Das Resultat der Panne war ein Chaos auf allen Bahnhöfen der Republik. Besonders erbost waren Bahnkunden, weil sie vom Unternehmen nur unzureichend informiert wurden. Aber wie denn auch, wenn die elektronischen Anzeigesysteme nicht funktionierten? Der Kommentar von Karl-Peter Naumann, dem Vorsitzenden des Fahrgastverbandes Pro Bahn: »Früher gab es auf jedem Gleis eine Tafel, auf der man mit Kreide Änderungen vermerken konnte. Das hätte jetzt sehr geholfen.«

Von wegen in die Luft gehen

Vielleicht nahmen sich die IT-Fachleute der Bahn ein Beispiel an der Lufthansa [3]. Die ließ am 1. Juni 2008 Zehntausende ihrer Kunden im Regen, oder besser gesagt in der Wartehalle stehen. Auch in diesem Fall legte ein Software-Bug die zentralen Buchungsrechner lahm. Bei rund 1000 Flügen kam es zu Verspätungen und Chaos beim Einchecken.

Wie in der guten alten Zeit fühlten sich Lufthansa-Passagiere im vergangenen Jahr nach dem Ausfall des Reservierungssystems.

Immerhin durften sich die Passagiere wie zu Zeiten von Charles Lindbergh fühlen: Die netten Damen und Herren der Lufthansa prüften anhand von ausgedruckten Listen, wer auf welchen Flug gebucht war. Auch das Gepäck wurde mithilfe von »Paperware« eingecheckt.

Abenteuer pur: Erlebnisflüge mit Quantas

Aber lieber Chaos am Boden als in der Luft, wie das die Passagiere eines Fluges der australischen Fluggesellschaft Quantas [4] erlebten: Mitte Oktober 2008 setzte ein Airbus 330-300 der Gesellschaft plötzlich zu einem Sturzflug an. Vier Dutzend Fluggäste wurden durch die Kabine geschleudert und erlitten Verletzungen.

Hoch und nieder, immer wieder - die Fluggäste von Quantas empfanden den abrupten Sturzflug des Airbus als wenig amüsant.

Der Flugdatencomputer hatte falsche Informationen an das Cockpit-Informationssystem für den Piloten übermittelt. Das habe den Autopiloten abgeschaltet – zur Überraschung der Piloten, so die Fluggesellschaft. Überlegungen, den Bug zu belassen und den Passagieren »Abenteuerflüge mit Quantas« anzubieten, verwarf die australische Airline jedoch.

Kein Strom, dafür mehr Kinder

Zu den Computerpannen mit der nachhaltigsten Wirkung zählt mit Sicherheit der »Große Blackout« von 2003 in den USA und Teilen Kanadas. Am 14. August saßen insgesamt 55 Millionen Menschen im Nordosten der USA und Ost-Kanada ohne Strom da, auch die Bewohner New Yorks. Erst nach drei Tagen normalisierte sich die Lage wieder.

Dunkelheit kommt über die Welt: Zumindest im Nordosten der USA sorgte ein Software-Fehler 2003 dafür, dass die Lichter ausgingen.

Auslöser war ein Softwarefehler im Energie-Management-System eines Stromversorgers, das auf einem Unix-Rechner installiert war. Der Bug führte dazu, dass Alarmmeldungen nicht an die Mitarbeiter des Unternehmens weitergegeben wurden.

Angeblich hatten die lauschigen Augustnächste ohne Fernsehen, Radio oder Kino einen interessanten Nebeneffekt: Neun Monate später soll es zu einem Kinder-Boom in den entsprechenden Regionen gekommen sein.

Japan löst das Renten-Problem

Bekanntlich laufen alternde Gesellschaften wie Japan und Deutschland in ein Riesenproblem hinein: Woher das Geld für die vielen Rentner nehmen?

Kreative Beamte in Japan fanden Ende 2007 zusammen mit Software-Entwicklern eine Lösung: Ein kleiner Fehler in einem Programm der japanischen Rentenversicherungsanstalt führte dazu, dass rund 65 Millionen Datensätze von Rentnern und Arbeitnehmern den jeweiligen Personen nicht mehr zugeordnet werden konnten. Und das hieß: keine Zuordnung, kein Rentenanspruch.

Renten sparen, aber wie? Ganz einfach, indem man die Daten der Bezieher durcheinander wirbelt.(Foto: Pixelio / Paul Marx)

Leider erwiesen sich Vorgesetzte der findigen Beamten als Spielverderber. Sie ordneten an, rund 100 Millionen Japaner anzuschreiben und zu bitten, ihre Rentenansprüche nochmals bei der Behörde geltend zu machen, nötigenfalls durch erneute Vorlage der entsprechenden Bescheinigungen.

Auch die bundesdeutsche Bundesversicherungsanstalt für Angestellte ist bei ihren Feldversuchen noch nicht weit gekommen. Bei einem Testlauf im Jahr 2000 wurden die Rentenbeiträge von Arbeitslosen falsch verbucht. Erst 2002 räumte die Behörde den Fehler ein und versicherte, den Betroffenen würden selbstverständlich keine Nachteile entstehen – klar, das nehmen wir euch voll ab, Jungs!

Auch im Weltraum droht der Bug

Nicht nur auf unserem Heimatplaneten lauert der Software-Bug. Auch die Weltraumfahrt ist nicht vor den kleinen Unzulänglichkeiten von Rechnern und ihrem zarten Innenleben sicher. So die Ariane-5-Rakete, die am 4. Juni 1996 einen Startversuch unternahm. Er endete nach 40 Sekunden in einem Feuerball (hier der Link zu einer Detailanalyse [5] des Ganzen).

Ende eines Dienstflugs: Nach 40 Sekunden torpedierte fehlerhafte Software den Flug einer Ariane 5.

Der Grund: Software, die für den Bordcomputer des Vorgängermodells Ariane 4 entwickelt worden war. Sie wurde auch im leistungsstärkeren Rechner des Modells 5 verwendet, kam aber beim Umsetzen von Floating-Point- in Integer-Werte ins Schleudern. Das führte aber zu einem Crash des Systems. Die Triebwerke der Rakete gaben deshalb beim Start »zu viel Zunder« - ein ziemlich teurer Bug.

»Was die Europäer hinkriegen, können wir schon längst«, dachten sich wohl russische Raumfahrt-Computerexperten im Juni 2007: In der Raumstation ISS fielen gleichzeitig drei wichtige Rechner aus russischer Produktion aus. Dumm, dass diese für die Versorgung der Station mit Wasser und Sauerstoff zuständig waren. Kurz vor Evakuierung der Station gelang es, die Systeme zum Weitermachen zu bewegen. Nastrovje!

Der erste echte Bug

Aber nicht immer sind es böse Softwarefehler, die Rechner, deren User und einen Großteil der Menschheit an den Rande des Wahnsinns treiben. Beim ersten richten »Bug« handelte es sich im wahrsten Sinne des Wortes um einen "Käfer"

Auf einem Notizblock fixierte Grace Hopper den ersten Bug der Weltgeschichte: eine Motte, die sich 1947 in einen Großrechner eingeschlichen hatte.

Die Motte verirrte sich am 9. September 1947 zwischen zwei Relais eines »Mark II Aiken Relay [6]« der Harvard University und legte den Rechner auf diese Weise lahm. Diesen ersten, allerdings mechanischen, Bug behob die Computerfachfrau Grace Hopper: Sie entfernte das vorwitzige Tierchen aus dem Rechner und klebte es auf einen Notizzettel, eine ganz besondere Art des Debugging.

Was Falschparken über die Sexualität verrät

Immer wieder sind Leute von Computerpannen betroffen, die eigentlich gar nichts mit den Systemen zu tun haben. Bei der Hausbank mag es einem noch auffallen, wenn der Rechner einen Fehler in die Buchungen einbaut. An anderen Stellen ist es jedoch kaum möglich – bis der Fehler mit voller Härte zuschlägt.

Werden Falschparker sexuell auffällig? Ja, vor 20 Jahren in Frankreich.

So erging es 1989 in Frankreich auch rund 41.000 Falschparkern, deren Vergehen in der zentralen Verbrechensdatenbank gespeichert worden waren. Eine Panne im Rechenzentrum und der Datenbank der franzosischen Justiz machten sie kurzerhand zu Sexualstraftätern. Die erstaunten Parksünder bekamen so anstatt eines Knöllchens Vorladungen wegen Prostitution, Drogenhandels, Erpressung und »abartigen sexuellen Verhaltens«.

So schön kann ein Bankencrash sein

Doch nicht jeder Computercrash bringt für die Beteiligten nur Nachteile. Manchmal haben Softwarefehler auch ihre guten Seiten.

Kurz aber heftig dürfte beispielsweise die Freude bei 800 Kunden der »First National Bank of Chicago« gewesen sein, als sie im Mai 1996 auf ihre Kontoauszüge blickten: Dort war ein unerwarteter Geldeingang von knapp einer Million Dollar zu verzeichnen.

Doppelte Löhung für alle! Auf dem Festival in Sziget zeigte sich ein Geldautomat generös.

Dummerweise bemerkte die Bank den Fehler, der bei der Umstellung auf ein neues System passierte, und die Kunden mussten das Geld wieder zurückzahlen.

Wesentlich länger gefreut haben sich dafür Tausende Besucher des Open-Air-Festivals Pepsi Sziget im Jahr 2001 (auch einer der Autoren dieses Beitrags war darunter). Ein Geldautomat auf dem Festivalgelände spuckte jeweils den doppelten Betrag der angeforderten Summe aus, zog vom Konto jedoch nur den einfachen Betrag ab (auch laut Beleg). So ließ es sich gleich noch besser feiern.

[1] http://www.t-mobile.de/
[2] http://www.bahn.de/
[3] http://www.lufthansa.de/
[4] http://www.quantas.com/
[5] http://www5.in.tum.de/lehre/seminare/semsoft/unterlagen_02/ariane/website/Ariane.Htm
[6] http://en.wikipedia.org/wiki/Harvard_Mark_II

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