Was IT-Redakteure sammeln:
Lazy Friday: Der Kuschel-Elch lässt grüßen

von Bernd Reder (bernd.reder@networkcomputing.de)

09.05.2008

Stifte, Computermäuse, Handmassage-Geräte mit USB-Anschluss, T-Shirts, Regenschirme und Kuscheltiere. Im Lauf seines Berufslebens wird ein IT-Redakteur mit einer Unzahl solcher Utensilien beglückt. Wir haben einige besonders interessante Stücke aus den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen.

(Fortsetzung des Artikels von Seite 5)

Die Informationstechnik und Daten- und Telekommunikation hat durchaus ihre spaßigen, manchmal auch skurrilen Seiten. Zum Ausklang der Arbeitswoche, am »Lazy Friday«, werden wir künftig solche Themen aufgreifen.

Heute zum Auftakt: Werbegeschenke, mit denene IT-Firmen Kunden, Partnern und auch uns Journalisten bedenken. Darunter findet sich so manche Preziose, etwa ...

... die Netzwerkprotokoll-Tasse

Im Anfang war die Tasse. Davon bekommt jeder Journalist pro Jahr ungefähr ein halbes Dutzend, normalerweise den klassischen Viertelliter-Kaffeepott mit plakativem Werbeaufdruck. Hin und wieder gibt es auch ein Designertässchen. In der Regel haben solche Tassen keine allzu hohe Lebenserwartung.

Netzwerkprotokolle auf einen Blick: Die Tasse von Retix hat mittlerweilezehn Jahre auf dem Buckel.

Nicht so das Modell, das die Firma Retix 1998 herausbrachte, dem Geburtsjahr von Network Computing. Der damalige Deutschland-Chef des Unternehmens überreichte es den Fachjournalisten mit dem launigen Spruch: »Hier haben Sie das bislang erfolgreichste Produkt von Retix.«

Stimmt, die Tasse ist auch heute noch von großem Nutzwert, speziell als Behälter von Erkältungstees. Und weil auf ihr die ISO/OSI-Protokolle aufgedruckt sind, kann man beim Tee-Schlürfen auch noch seine technischen Kenntnisse erweitern. Neben Tassen vermarktete Retix noch Router, etwa den »Routerxchange 7220«.

Pech für Retix, dass mit Cisco, Cabletron, 3Com und Bay Networks zur selben Zeit größere und gefräßigere Haifische im selben Becken unterwegs waren. Wie gesagt, die Tasse hat überlebt, Retix dagegen nicht. Die Firma verschwand Ende der 90er Jahre von der Bildfläche.

Das eigene Grundstück auf Hawaii

Ach ja, die wilden Neunziger. Damals warfen Netzwerkfirmen und Internet-Startups noch mit Geld um sich. Ein Beispiel dafür ist Digital Island. Einige Wochen nach einem Interview mit Managern des amerikanischen Service-Providers flatterte im Sommer 1998 eine Urkunde ins Haus.

Digital Island griff ganz tief in den Geldbeutel und übereignete Kunden undJournalisten ein Stück Land auf Hawaii - allerdings nur rund 6,5 Quadrat-zentimeter.

Sie wies den Verfasser dieser Zeilen als stolzen Besitzer eines Grundstücks auf Hawaii aus, genauer gesagt auf der Insel Maui. Für den Bau eines Ferienhäuschens reicht die Fläche leider nicht ganz aus: Sie beträgt ein Square-Inch (6,45 Quadratzentimeter).

Derzeit entzieht es sich jeder Kenntnis, wie es um das Eigentum auf Maui bestellt ist. Weder der Grundstücksmakler noch das Web-Hosting-Unternehmen Digital Island geben noch Lebenszeichen von sich. Auch der Versuch, mittels Google Earth aus der Ferne einen Blick auf das Grundstück zu werfen, führte zu keinem Ergebnis. Vermutlich steht mittlerweile ein Supermarkt darauf, vielleicht auch ein Hotel für Touristen.

Nur ein kleiner Trost ist es, dass es Digital Island nicht besser erging. Im Jahr 2001 wurde der Web-Hoster vom Telekommunikationsunternehmen Cable & Wireless USA geschluckt. Dieses wiederum musste 2003 Konkurs anmelden. Die Muttergesellschaft Cable & Wireless [1] gibt es dagegen noch. Der Carrier kam im Geschäftsjahr 2006/2007 auf einen Umsatz von 3,35 Milliarden Pfund, bei einem Gewinn von rund 500 Millionen Pfund.

Kunst vom Eskimo

Nicht auf die niederen Instinkte eines Journalisten, wie etwa die Besitzgier, setzte dagegen die kanadische Firma Develcon [2]. Der Hersteller von X.25-Systemen sprach im Jahr 2000 vielmehr den Kunstsinn der Schreiberlinge an. Bei einer Pressetour anlässlich des Starts der deutschen Tochtergesellschaft verteilte der Marketingmanager einen äußerst dekorativen Stein, der als Aufbewahrungsort für Stifte dient.

Angeblich Handarbeit: der Stiftehalter der kanadischen Netzwerkfirma Develcon.

Das Schmuckstück zeigt nicht nur einen Eskimo beim Eisfischen, es wurde angeblich auch von kanadischen Inuit hergestellt, und zwar in Handarbeit. Vermutlich weil der Stiftehalter aus massivem nordkanadischem Felsgestein gefertigt ist, überstand er unbeschadet das Auf und Ab der Daten- und Telekommunikationsbranche und diverse Umzüge.

Auch heute noch erfüllt er seinen Zweck als »Schreibtisch-Organizer«, bestückt mit Werbekugelschreibern aus den vergangenen zwei Jahrzehnten. Überraschender Weise existiert auch Develcon noch. Auf der Web-Seite des Unternehmens sind sogar noch die X.25-Switches der »Athena«-Reihe von damals aufgeführt.

Darüber, wer solche Geräte heutzutage noch kauft, lässt sich trefflich spekulieren. Vielleicht Firmen in abgelegenen, um nicht zu sagen sehr abgelegenen Regionen dieser Welt. Gewissermaßen den Weg in die Zukunft von Develcon weisen Content-Security-Systeme.

Das Unternehmen bietet mehrere Appliances an, die Unternehmensnetze vor Schadsoftware und Spam-E-Mail schützen sollen. Doch eine »große Nummer« in diesem Marktsegment ist Develcon nicht, wie Michael Piontek bestätigte, der Sicherheitsexperte von Network Computing.

Für den Bürokampf gerüstet

Von wegen Kunst, Kultur oder Kulinarisches. Der Internet-Service-Provider Netscalibur hatte entweder ganz spezielle Vorstellungen davon, wie es in einer Netzwerkredaktion zugeht, oder er wollte sich schlichtweg den Spieltrieb im Manne zu Nutze machen. Jedenfalls flatterte den Redakteuren im Dezember 2001 eine Armbrust auf den Schreibtisch.

Gummipfeile auf den Chef: Netscalibur hatte diepassen Waffe für den Bürokampf parat.

Ein sehr nützliches Instrument für den täglichen Kampf im Büro: einen Gummipfeil auflegen, spannen und dann dem nächstbesten Kollegen einen Blattschuss verpassen, vorzugsweise dem Chef vom Dienst, wenn der wieder einmal längst überfällige Beiträge einsammeln wollte.

Leider hatte die Sache einen Haken: Netscalibur hatte auch den anderen Kollegen diese teuflische Waffe zukommen lassen. Somit endete das Ganze wie der Kalte Krieg, in einem Patt. Keiner traute sich mehr, dem Kollegen (oder der Redaktionsassistentin) einen Pfeil hinterher zu feuern, denn der Gegenschlag erfolgte umgehend.

Schließlich kam es zur allgemeinen Abrüstung. Einige Armbrüste wanderten in Büroschränke oder Regale, andere wurden den lieben Kleinen zu Hause überreicht.

Im Jahr darauf gab es dann keine Geschenke von Netscalibur mehr. Der Service-Provider war gemeinsam mit der ganzen Internet-Blase »geplatzt«. Die Reste kaufte im September 2002 Claranet [3] auf. Dieser Anbieter von Managed-Services, Voice-over-IP- und SDSL-Diensten ist auch noch aktiv.

Kuscheltiere bis zum Abwinken

Ein Kapitel für sich sind Kuscheltiere. Damit wurde ein Journalist fast überall beglückt, egal, ob auf Messen wie der CeBIT, der Systems oder der Interop, bei Pressekonferenzen oder Redaktionsbesuchen von Unternehmen. Den Höhepunkt erreichte die Kuscheltierwelle etwa zwischen 2000 und 2004. Danach flachte sie aus unerfindlichen Gründen ab.

Und immer wieder Kuscheltiere: vom Suse-Chamäleon über den Group-Technology-Delfin bis hin zum SMC-Tiger.

Ein bewährtes Mittel, um die kleinen Racker wieder loszuwerden, bestand darin, sie Kindern oder Haustieren mitzubringen, den eigenen oder denen von Freunden und Bekannten. Darüber, welch grausames Schicksal den einen oder anderen Bären, Delfin, Tiger oder Pinguin ereilte, wollen wir den Mantel des Schweigens breiten.

Überlebt haben in der Regel nur Exemplare, die in einem Biotop Zuflucht fanden, etwa dem obersten Regal im Büro zu Hause oder in einem Kellerregal.

Merkwürdiger Weise überstanden vor allem Linux-Kuscheltiere die Reiß- und Beißphase des Sohnes des Verfassers. Das giftgrüne Chamäleon von Suse [4] etwa, das vor etwa sechs Jahren ins Haus kam, oder die beiden Linux-Tuxe, vermutlich von Red Hat [5] und der Linux Foundation. Suse hat mittlerweile die Farbe gewechselt, von Grün zu Rot, dank der Übernahme durch den Netzwerkpionier Novell [6].

Auch Red Hats Pinguin ist noch aktiv, im Zimmer des mittlerweile 19-jährigen Knaben. Allerdings hat dieser mit Linux gar nichts am Hut. Er tendiert eindeutig zu Windows und hat sogar »Vista« auf einem seiner beiden PCs installiert. Aber vielleicht entdeckt Junior ja noch die Open-Source-Szene, etwa dann, wenn er ein Online-Spiele-Portal gründet und dafür zu Hause eine Server-Farm einrichtet.

Ein besonders niedliches Exemplar ist der Kuschel-Elch, den Ericsson [7] um das Jahr 2004 herum verteilte. Unser Werner Veith hat es aus seiner Sammlung bereitgestellt. Der Kleine ziert auch heute noch Werners Schreibtisch.

Ist er nicht niedlich? Ericssons Kuschelelch überzeugt durch einenbesonders treuherzigen Blick.

Rätsel geben allerdings die Farben des Schals auf, den Ericsson dem Elch verpasst hat: Rot und Grün. Der Netzwerkausrüster bevorzugt als »Firmenfarbe« derzeit ein solides Dunkelblau. Sollte etwa der damalige PR-Manager dem Elch einen Schal mit den Farben seines Lieblingsfußballvereins untergejubelt haben?

Pragmatisches aus der Neuzeit

Uhren, Werkzeuge, Sportutensilien – die Neuzeit ab 2005 ist eindeutig durch einen Hang zum Pragmatismus gekennzeichnet. Aus dem Jahr 2006 stammt beispielsweise die Standuhr der russischen Firma Radmin [8], einem Anbieter von Fernsteuer- und Remote-Access-Software.

Die Uhr im Gewande einer Tupolew: Der Chefder russischen Firma Radmin ist rein zufälligein Fan von Flugzeug-Oldtimern.

Das Edelstück im Design einer alten Tupolew zierte immerhin eineinhalb Jahre lang den Wohnzimmertisch, bis es die Frau des Haues in die Vitrine verbannte.

Dort ist auch ein äußerst gefährliches Utensil zu finden, mit dem F5 Networks [9] zu Weihnachten 2007 den Heimwerker im Mann ansprach: ein portables Werkzeugset, inklusive Schraubenziehern aller Kategorien und einer Taschenlampe.

Die Freude darüber hat sich mittlerweile ein wenig gelegt. Denn mit Hinweis auf besagtes Set hat sich die Zahl der Reparaturaufträge im häuslichen Bereich deutlich erhöht.

Da können wir ja endlich die längst überfälligen Reparaturen in Haus undGarten in Angriff nehmen, dank des Werkzeug-Sets von F5 Networks.

Vielleicht könnte F5 bei nächster Gelegenheit noch ein Handbuch nachliefern, etwa »Reparaturen in Haus und Hof für verweichlichte Journalisten«. Dies würde das Leben deutlich erleichtern und die Zahl der Schrammen an Händen und Fingern verringern.

[1] http://www.cw.com/
[2] http://www.develcon.com/
[3] http://www.claranet.com/
[4] http://www.novell.com/suse
[5] http://www.redhat.com
[6] http://www.novell.com/
[7] http://www.ericsson.com/
[8] http://www.radmin.com/
[9] http://www.f5.com/