Quo vadis, Google?
Vom Suchmaschinenbetreiber hat sich Google rasant weiterentwickelt und präsentiert heute nahezu im Wochentakt neue Services und Technologien. Doch wohin steuert der Konzern? Im CRN-Exklusivinterview spricht Google-Europachef Philipp Schindler über die Philosophie des Unternehmens, die Geschäftsstrategie und welche Rolle Partner darin einnehmen.
»Unser wichtigstes Geschäftsfeld bleibt die Suche«
Philipp Schindler leitet seit 2005 das Geschäft von Google in Nord- und Zentraleuropa
Als Marketingchef von AOL Deutschland brachte Philipp Schindler zur Jahrtausendwende den Werbeslogan »Bin ich schon drin?« auf den Weg, heute steckt der 37-jährige noch tiefer im »Big Business«: Schindler ist Regional Director Northern & Central Europe von Google [1], dem Konzern, den Branchenbeobachter als gefährlichsten Konkurrenten von IT-Gigant Microsoft handeln. Neben der Websuche ist Google inzwischen auch in den Märkten Onlinewerbung, Software as a Service und Social Communities aktiv, neue Geschäftsfelder kommen ständig hinzu. Handelt es sich dabei um einen bunten Gemischtwarenladen oder verfolgt Google eine klare Strategie? CRN traf sich bei der Eröffnung des neuen Google-Entwicklungszentrums in München zum Exklusivinterview mit Philipp Schindler.
CRN: Im Zentrum des Google-Modells stehen traditionell die Suche und das damit verbundenen Werbegeschäft. Inzwischen bietet das Unternehmen zahlreiche weitere Produkte und Services an. Welche sind heute die wichtigsten Geschäftsbereiche für Google?
Schindler: Wir bewegen uns in vier großen Geschäftsfeldern. Das wichtigste ist und bleibt die Suche, da gibt es überhaupt keine Diskussion. Und wir sind weit davon entfernt, unsere Lösungen schon perfektioniert zu haben. Das zweite nennt sich »Supercomputer«, die gesamte technologische Infrastruktur, die hinter unserem Angebot steht. Im dritten großen Geschäftsfeld befassen wir uns damit, Werbesysteme zu verbessern. Man vergisst häufig, dass unsere AdWords- und AdSense-Programme auf der Arbeit hochtalentierter Entwickler beruhen, die diese komplexen Systeme bauen. Tatsächlich ist der Werbemarkt ein Markt, der bisher sehr wenig durch IT-Systeme automatisiert wurde. Zum vierten Geschäftsfeld zählen die Software-Applikationen, der Bereich, in dem wir unsere Apps-Strategie verfolgen.
Stößt das Modell der Werbefinanzierung nicht gerade bei Applikationen wie Docs & Spreadsheets an Grenzen? Ein Nutzer, der einen Text oder eine Tabelle bearbeitet, fühlt sich womöglich durch Werbeeinblendungen gestört.
Es ist schwer abzusehen, wie sich das Geschäft auf längere Sicht entwickelt. Nach wie vor können wir viele Produkte, beispielsweise unseren Bilderdienst Picasa, bei dem wir sehr viel Speicherplatz zur Verfügung stellen, kostenlos anbieten. Damit erhöhen wir den Nutzen unseres Angebots für den Kunden und fördern so den Ausbau einer Basis loyaler Nutzer. Daneben bieten wir im Enterprise-Geschäft aber auch Services wie die »Professional Edition« der Google Apps an, für die wir ein Entgelt verlangen.
Bei der Vermarktung der Apps ist Google im September eine Kooperation mit dem IT-Dienstleister Capgemini eingegangen. Wird die Partnerschaft auch schon in Deutschland umgesetzt? Und plant Google weitere Vertriebspartnerschaften dieser Art?
Das ist eine Kooperation, die wir gerade aufbauen. Deshalb ist es zu früh, über konkrete Details der Ausgestaltung zu sprechen. Grundsätzlich sind wir aber nicht so vermessen zu glauben, wir könnten alle Themen eigenständig entwickeln. Das gesamte Google-Modell basiert immer auf dem Ökosystem-Gedanken: Es gibt das Ökosystem Advertiser-Publisher-Google, aber es gibt auch andere Ökosysteme, die auf der Zusammenarbeit mit Resellern oder IT-Dienstleistern beruhen. Ganz entscheidend ist: Die fundamentale Säule des Google-Modells besteht darin, mit Partnern zusammen zu arbeiten und Erfolge zu teilen. Vielleicht haben wir das in der Vergangenheit nicht immer so klar kommuniziert: Ohne Partnerschaften läuft bei Google gar nichts.
»Ohne Partnerschaften läuft bei Google gar nichts«
Inwiefern gilt dieses Partnermodell auch für das Werbegeschäft? Über das AdWords-Programm vermarktet Google die Werbeflächen doch direkt?
Das AdWords-Programm funktioniert einmal direkt. Es funktioniert aber auch mit vielen, vielen Partnern. Zahlreiche Media-Agenturen beschäftigen so genannte Google Advertising Professionals als zertifizierte Mitarbeiter. Ein erheblicher Anteil unseres AdWords-Geschäfts wird mit Unterstützung von Partnern wie großen Media-Agenturen und spezialisierten Search-Engine-Marketing-(SEM-)Agenturen abgewickelt. Das ist nach außen so nicht sichtbar, aber dahinter steht ein in hohem Maße durch Partner getriebenes Geschäft. Google ist nicht der einsame Wolf, der alle Wertschöpfungsketten dieser Welt auseinander reißt.
Vor rund einem Jahr haben Sie kritisiert, anders als US-Unternehmen verstehe die deutsche Wirtschaft das Werbemodell von Google noch nicht richtig. Inwiefern hat sich die Situation inzwischen geändert? Und ist die IT- und Telekommunikationsbranche gegenüber dem Suchmaschinen-Marketing möglicherweise aufgeschlossener als andere Industriezweige?
Heute lautet die Aussage: Deutschland wacht auf. Unternehmen aus der IT- und Telekommunikationsbranche nutzen unsere Werbeangebote tatsächlich sehr intensiv und liegen im Branchenvergleich im vorderen Drittel. Wer sich dagegen noch eher zurückhält, sind traditionelle Consumer-Electronics-Händler mit stationärem Geschäft.
Der deutsche IT-Fachhandel ist stark mittelständisch geprägt. Welche Werbeformen kann Google dieser Klientel bieten?
Gerade mittelständische IT-Häuser begeistern sich extrem für Google und sind bei AdWords besonders aktiv. Für sie ist die Möglichkeit faszinierend, Kunden ohne Streuverluste ansprechen zu können. Wenn Sie dann noch die neuen technologischen Möglichkeiten des Regional-Targetings hinzunehmen, die wir vor wenigen Wochen vorgestellt haben, erhöht sich der Nutzen noch mehr. Damit ist unser System derart präzise geworden: Der Marketingverantwortliche eines Systemhauses kann heute sagen, er möchte nur Kunden in einem ganz bestimmten Umkreis um sein Geschäft herum ansprechen.
»Wir sehen Microsoft nicht als Konkurrenz«
Microsoft engagiert sich zunehmend im Werbemarkt. Mit den Apps bietet Google wiederum Office-Programme an. Fragt man Microsoft-Manager nach den Hauptwettbewerbern, fällt stets als erstes der Name »Google«. Sehen Sie die Wettbewerbssituation umgekehrt auch so?
Nein, das sehen wir anders. Wir denken nicht in der klassischen Kategorie von Wettbewerb. In dem Sinne deklarieren wir auch Microsoft nicht als Wettbewerber. Wir haben eine andere Vision, und diese Vision lautet, die Informationen dieser Welt den Menschen zur Verfügung zu stellen. Dabei geht es uns darum, große Probleme zu lösen, die ein hohes Maß an technischem Know-how und Skalierbarkeit erfordern. Aber wir wollen nicht aktiv mit anderen Unternehmen konkurrieren, so denken wir einfach nicht.
Könnten Sie bitte ein Beispiel für ein solches großes Problem nennen?
Google Earth ist ein Superbeispiel dafür. Wir haben vor einigen Jahren gesehen, dass es für die Darstellung Geo-codierter Informationen keine Lösung gab. Damals entdeckten wir die Firma Keyhole, die bei dem Thema schon relativ weit war. Ende 2004 haben wir diese Firma gekauft, deren Technologie in unsere Systeme eingebunden und mit unseren Möglichkeiten skaliert. Dieser Prozess war aber nicht von der Konkurrenz getrieben, sondern wir haben uns einzig und allein an der Lösung eines Problems orientiert.
Worin liegt der lösungsorientierte Ansatz bei »Google Apps«? Das Gros der Anwender nutzt schließlich Office-Programme, die auf der Festplatte ihres Rechners installiert sind. Gibt es für ihre Angebote überhaupt einen Bedarf?
Wir sehen tatsächlich einen Bedarf. Denken Sie daran, dass wir mit Produkten wie Docs and Spreadsheets einen anderen Lösungsansatz verfolgen. Das Thema, um das es uns geht, ist das Thema Collaboration und Sharing. Nach unserer Beobachtung gibt es eine große Nachfrage nach Applikationen, die nicht so extrem Feature-geladen sind und die es den Nutzern auf einfache Weise erlauben, ihre Ideen mit anderen auszutauschen. Dahinter steht ein anderer Ansatz. Wir versuchen nicht, eine Software zu entwickeln, die ein Problem möglichst allumfassend löst, und wollen deshalb auch gar nicht mit Microsoft Office konkurrieren. Wir haben uns das Thema der Zusammenarbeit und der – auf Basis des so genannten Cloud-Computings - zentral gehaltenen Inhalte vorgenommen.
»Der E-Commerce ist nicht unser Geschäftsmodell«
Auf Grund seiner überragenden Stellung im Suchmaschinenmarkt besitzt Google eigentlich eine ideale Ausgangsposition, um auch im E-Commerce einer der »Big Player« zu sein. Mit Ihrer Onlineshopping-Plattform Froogle haben Sie jedoch deutlichen Rückstand zur Konkurrenz. Planen Sie künftig ein stärkeres Engagement in diesen Bereich?
Es gehört nicht zu unserer aktuellen Strategie, dort mit unseren Partnern zu konkurrieren. Unser Geschäftsmodell liegt nicht im E-Commerce. Vielmehr ist die Vision klar definiert: Wir wollen die Informationen dieser Welt zur Verfügung stellen. Und weil dazu auch Produktinformationen gehören, haben wir dafür einen Service entwickelt. Über die Qualität kann man streiten. Wir wissen selbst, dass wir dort Verbesserungsbedarf haben, und arbeiten bereits mit Hochdruck daran.
Wie bei der Websuche, geht auch im Bereich Produktinformationen der Trend hin zu einer lokalen Eingrenzung der Suchergebnisse. Werden Sie Froogle in diese Richtung weiterentwickeln?
Ja, auf jeden Fall können auch bei Froogle lokale Ergebnisse einfließen. Grundsätzlich wollen wir aber den Ansatz, dass wir mehrere verschiedene Produkte nebeneinander haben, weiterentwickeln hin zu einem Konzept, das wir Universal Search nennen: Der Konsument erhält mit einem einzigen Interface die passenden Ergebnisse auf seine Suchanfrage: lokale Ergebnisse, Produktergebnisse, Videoergebnisse und so weiter...
In der Onlinehandels-Szene hat Google mit seinem Bezahldienst Checkout großes Interesse geweckt. Allerdings steht der Service bisher nur für Anbieter in den USA und Großbritannien zur Verfügung. Gerüchten zufolge soll der Service zum Jahresende auch in Deutschland eingeführt werden?
Das ist nicht zutreffend. Die Einführung von Google Checkout in Deutschland ist in nächster Zeit nicht geplant.
Woran liegt das? Gibt es Schwierigkeiten dabei den Bezahlservice an den europäischen Markt anzupassen?
Nur weil wir ein neues Produkt nicht gleich in allen Ländern auf den Markt bringen, müssen ja nicht gleich Schwierigkeiten der Grund sein. Genauso wäre es ja auch möglich, dass Google einen neuen Service erst einmal in einem Land erproben möchte, bevor wir mit diesem Angebot auch in andere Märkte gehen.
Zuletzt noch eine Frage zu Ihrem Produkt GoogleTalk: Wollen Sie mit dem Service eine Konkurrenz zu VoIP-Angeboten wie Skype oder MSN aufbauen?
Auch hier gilt, dass wir mit unserem Angebot nicht konkurrieren wollen. Unsere Entwickler gehen nicht mit dem Ziel an die Arbeit, mit irgendeinem Drittunternehmen in Konkurrenz zu treten. Vielmehr haben Sie durch ihr Umfeld Ideen, die sie umsetzen wollen und die wir dann entwickeln. Das gilt auch für den Bereich GoogleTalk.
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