Zwischen Vertrauenskrise und Modernisierungszwang:
Banken trimmen ihre IT auf Standards
Finanzdienstleister müssen in ihrer IT den Spagat zwischen steigendem Kostendruck und dem Zwang zur Modernisierung bewältigen. Dem Dilemma begegnen die Geldhäuser mit einer konsequenten Standardisierung von Prozessen. Entsprechend erhält Standard-Software selbst in zentralen Banking-Systemen zunehmend den Vorzug vor individuellen Lösungen. Auch externen Dienstleistern gegenüber sind Banken inzwischen aufgeschlossener als früher.
Die Bereitschaft zur Konsolidierung ihrer heterogenen IT-Landschaften ist bei Banken und Finanzdienstleistern ausgeprägter denn je. Neue Software-Paradigmen wie Serviceorientierte Architekturen (SOA) oder Prozessoptimierung durch Business Intelligence (BI) und Workflow-Automatisierung stoßen inzwischen sogar in den Management-Etagen der Privat- und Universalbanken, Sparkassen und Investment-gesellschaften auf Interesse. Tatsächlich modernisieren die IT-Abteilungen großer Geldinstitute wie Commerzbank, Hypovereinsbank, Postbank oder Dresdner Bank derzeit auf unterschiedlicher Stufenleiter ihre IT-Infrastruktur samt Anwendungsumgebung. So migriert beispielsweise das IT-Systemhaus der deutschen Sparkassen- Finanzgruppe, FinanzIT in Hannover, seit vergangenem Jahr rund 170 Sparkassen, Landesbanken und Landesbausparkassen in elf Bundesländern auf eine zentrale Produktionsplattform (ZPP).
Anlass zur IT-Konsolidierung gibt es mehr als genug: Die gesamte Branche steckt in einer Vertrauenskrise und muss dringend Boden gutmachen. Neun von zehn Instituten, so ein Umfrageergebnis des E-Finance Lab unter den 500 größten deutschen Banken und Sparkassen, planen den Ausbau ihrer Vertriebsaktivitäten. Mit neuen Beratungskonzepten und erweiterten Leistungsangeboten will die Sparkassengruppe die Effizienz des Vertriebs deutlich steigern. Verstärkt verlagern die Institute ihr Geschäft auf Online- Kanäle. Auch der Selbstbedienungsterminal entwickelt sich nach Angaben von Sparkassen Informatik, dem zweiten Dienstleister der Gruppe, zu einem wichtigen Element der Wertschöpfung für die Institute. Zudem verweisen Finanzinstitute auf eine bessere Beratungsleistung: Je mehr Vertriebsaktivitäten im Internet stattfinden, desto intensiver können sich die Filialmitarbeiter auf die Beratung der Kunden zu komplexeren Angeboten konzentrieren.
Zentralisierung
Auf Seiten der Software-Entwicklung und des Infrastrukturumbaus bedeutet dieser Trend eine zunehmende Konzentration von Kernprozessen in einem zentralen ITSystem, das um zusätzliche fachliche Funktionen für den so genannten Marketingkreislauf (MKL) erweitert wird. Dazu gehören analytische Methoden zur Identifizierung von Kundenbedürfnissen sowie die gezielte Ansprache von Kundensegmenten. Sogar individuelle Applikationen für spezialisierte Niederlassungen lassen sich über eine zentrale Plattform managen: »Es gibt einen Trend zur zentralen Verantwortung vom Anwendungs- bis zum Client-Betrieb, der beispielsweise auch den Kassenbetrieb unter Verwendung von Full Serviced Thin Clients einschließt «, sagt Werner Helmke, Programmleiter ZPP bei FinanzIT.
Einig sind sich die Marktbeobachter, dass fortschrittliche IT-Systeme und eine schlanke Kostenstruktur zur Wertschöpfung der Banken beitragen. Beispielsweise spielen Internet-Filialen und gut gemachte Online-Banking-Auftritte nicht nur bei den Direktbanken eine wichtige Rolle für die Produktpräsentation. Auch klassische Institute steigern ihre Margen durch Online- Anträge für Kredite und Tagesgeld. Der Anteil der Geschäftskontakte via Internet liegt im Sparkassenverbund bei durchschnittlich 80 Prozent, während sich die Quote legitimierter Online-Anträge teilweise verzehnfacht hat.
Weitere Impulse für Migrationsprojekte kommen durch die Einführung der Single Euro Payments Area (Sepa), die seit diesem Jahr für den europäischen Zahlungsverkehr gilt. Schrittweise geht es dabei um die Implementierung eines einheitlichen Datenformats in Form von Sepa-Zahlungen auf XML-Basis, die proprietäre Zahlungsvorgänge ersetzen. Betroffen davon sind nicht nur Banken und Finanzdienstleister, sondern auch Unternehmen. »Neue Regularien können der Startschuss für umfangreichere IT-Projekte sein«, sagt Wolfgang Günther, Vorstandschef der Berliner Consultingfirma WG-Data, einem Software-Partner von Hewlett-Packard.
Spektakuläre Handelsverluste sowie die zunehmende Gefahr durch Manipulationen oder andere missbräuchliche Eingriffe verstärken laut Günther die Anstrengungen der Institute, geschäftskritische Prozesse besser abzusichern. Das gilt auch für die Beziehungen zu den Geschäfts- und Servicepartnern: »Ich denke an zertifizierte und gesicherte Workflows, die ein aktives Prozessmonitoring auch über die eigenen Unternehmensgrenzen hinaus ermöglichen«, betont Günther. Zudem fördert die zunehmende Integration von Kunden- und Bankprozessen die Einführung von Serviceorientierten Architekturen (SOA) und Web 2.0-Technologien, »da die unternehmensübergreifende Nutzung von standardisierten Anwendungen auf diese Weise erheblich einfacher wird«, erläutert Günther.
Der Abbau individuell gefertigter Spezialanwendungen ist im Bankenumfeld seit einigen Jahren im Gange. Inzwischen bevorzugen Banken »eindeutig Standard- Software gegenüber Individual-Software«, beobachtet Günther. Neben dem wachsenden Kostendruck, der sich aus dem Wartungs- und Update-Aufwand für heterogene Applikationslandschaften einstellt, beklagen Systemadministratoren immer häufiger Performance-Schwächen allzu schwerfälliger Legacy-Systeme und das schwierige Monitoring von mehreren hundert Anwendungen in verzweigten Filialsystemen. Der Trend wird sich in Zukunft weiter fortsetzen, allerdings kann Standard-Software nicht jede andere Anwendung ersetzen. Fachleute bei FinanzIT schätzen, dass etwa die Hälfte der in Banken und Filialen eingesetzten Software aus Standardkomponenten besteht, während in Zukunft der Anteil standardisierter Programme bei 70 Prozent liegen werde.
Es sind nicht nur Großbaustellen, die das Partner- und Dienstleistungsgeschäft ankurbeln. Der SAS-Partner HMS Analytical Software aus Heidelberg hat sehr spezielle Kenntnisse im Bereich automatisierter Validierungsprozesse für Rating- Verfahren. Dabei geht es um Software- Tools zur Bewertung von Kunden- Bonitäten im Rahmen der Kreditvergabe gemäß Basel II. Die Dresdner Bank benötigte dafür ein standardisiertes Rating-Verfahren, das Kundengruppen hinsichtlich Ratio und Scores zuverlässig validiert. Kein einfaches Unterfangen, wie sich HMS-Consulter Klaus Landwich erinnert: »Wir hatten es hier mit komplexen Statistikroutinen zu tun, die mit einem automatischen Reportingsystem gekoppelt sind.«
Externe Dienstleister
Die niederländische Bank ABN AMRO verfolgt seit längerem eine Multisourcing- Strategie vor allem im Bereich Change-Management. »Wir haben keine Berührungsängste, wenn es um die Frage Outsourcing von Teilbereichen unserer IT-Landschaft geht«, verrät Sean Pepper, Executive Director & Global Head of Commercial Vendor Management bei ABN AMRO. Für den Banker müssen Outsourcing-Regeln lediglich transparent und fair sein. Dann sind laut Pepper auch strategische Software-Leistungen mit Partnern zu managen.
Gleichwohl deuten Umfragen im Finanzsektor immer wieder darauf hin, dass Banker nur zögerlich mit externen Dienstleistern zusammenarbeiten. IT-Verantwortliche hegen hauptsächlich Bedenken in punkto Sicherheit und Know-how-Abfluss. Viele fürchten den Kontrollverlust über wichtige Funktionsblöcke der hauseigenen IT-Systeme und verfolgen Sourcing- Strategien deshalb nur halbherzig. Wer grundsätzlich alles aus eigener Kraft implementieren und betreiben will, bürdet sich aber auch steigende Kosten bei der Pflege der eigenen IT-Ressourcen auf. Ein schwieriger Balanceakt zwischen Kosten und Nutzen, der je nach Einzelfall sehr unterschiedlich ausfällt.
Mehr Risikobewusstsein und bessere Instrumente für die Datenqualität in heterogenen Systemlandschaften sind Forderungen, die in IT-Fachabteilungen seit längerem für Zündstoff sorgen. Der Wertbeitrag von qualifizierten Informationen für die laufenden Geschäfte wird einer Studie des Instituts für Business Intelligence der Steinbeis Hochschule Berlin zufolge häufig unterschätzt. Banken und Finanzdienstleister spielen dabei keine Ausnahme: »Der Einsatz von Werkzeugen für das Datenqualitätsmanagement steht noch ganz am Anfang«, bestätigt Udo Weiß, Mitinhaber und Geschäftsführer der Kieler Tekko Informationssysteme, zu deren Kunden Landes- und Hypothekenbanken oder Sparkassen zählen.
Lediglich zehn Prozent der in der Steinbeis- Studie befragten 681 Unternehmen geben an, dass regelmäßig Qualitätschecks hinsichtlich konsistenter Daten vorgenommen werden. Die Mehrzahl der Befragten stuft das Thema Datenqualität mit hoher Priorität ein, nutzt aber bisher weder eine systematische Impact-Analyse noch ein umfassendes Qualitätsmanagement. Einziger Lichtblick, so der Analyst Wolfgang Martin, einer der Mitautoren, sei die Bereitschaft der Unternehmen, in Zukunft mehr auf diesem Feld zu tun.
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INFO
HMS Analytical Software GmbH
Rohrbacher Straße 26, 69115 Heidelberg
Tel. 06221 6051-0, Fax 06221 6051-99
www.analytical-software.de [1]
Tekko Informationssysteme GmbH & Co. KG
Rathausplatz 1-2, 24103 Kiel
Tel. 0431 97401-0, Fax 0431 97401-23
www.tekko.de [2]
WG-Data AG
Rankestraße 26, 10789 Berlin
Tel. 030 7261036-0, Fax 030 7261036-70
www.wg-data.de [3]
[1] http://www.analytical-software.de
[2] http://www.tekko.de
[3] http://www.wg-data.de
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