Games Convention: Nintendo stiehlt Microsoft und Sony die Schau

von Dr. Joachim Gartz (joachim.gartz@crn.de)

27.08.2007

Vor einem Jahr wurde Nintendo auf der Games Convention wegen seiner technisch unterlegenen Konsole noch mitleidig belächelt. In der Zwischenzeit sind von der kinderleicht bedienbaren »Wii« schon mehr Geräte verkauft worden als von den Edelkonsolen der Hersteller Microsoft und Sony.

Auch wenn Microsoft und Sony mit riesigen Standflächen auf der Games Convention vertreten sind, prägt kein Hersteller so stark die Atmosphäre auf der Games Convention, wie Nintendo [1] mit seiner »Wii«-Konsole, die ganz auf leichte Spielbarkeit setzt. »Es ist viel Bewegung in den Spielemarkt gekommen«, so Nintendo-Deutschland-Chef Bernd Fakesch. Der demographische Wandel stelle die gesamte Spieleeindustrie vor neue Herausforderungen. 54 Prozent der deutschen Bevölkerung ist bereits über 40 Jahre alt. Nintendo sei es gelungen, diese Zielgruppe mit seinen Konsolen anzusprechen.

Seit dem Europastart vor rund neun Monaten sind in Deutschland 291.000 »Wiis« verkauft worden. Microsoft hat bisher nur etwa 281.000 Geräte seiner seit Dezember 2005 erhältlichen Xbox 360 an den Mann bringen können. Von Sonys Playstation 3, die erst seit März auf dem Markt ist, wurden bisher rund 99.000 Konsolen verkauft. Sony und Microsoft legen sich nun mächtig ins Zeug, um den schleppenden Absatz ihrer teuren Konsolen mit allen Mitteln anzukurbeln. Neben hitverdächtigen Software-Titeln wie »Halo 3« und »Bioshock«, die in Leipzig gezeigt werden, will Microsoft mit Preissenkungen für die Xbox 360 seinen Marktanteil weiter ausbauen. Zusätzlich zur Xbox 360, die ab sofort 50 Euro weniger kostet, erscheint mit der »Xbox 360 Core« nun auch ein preisgünstiges Einsteigermodell für rund 280 Euro.

Erzrivale Sony hat ebenfalls mit dem schleppenden Absatz seiner Playstation 3 zu kämpfen, die von den Japanern nicht als Spielzeug sondern als Medienzentrale im Wohnzimmer positioniert wird. Mit dem in Leipzig präsentierten Hardware- und Softwarepaket »PlayTV« wird das Gerät künftig auch als Festplattenrekorder für digitales Fernsehen einsetzbar sein. Die TV-Erweiterung soll Anfang 2008 in Deutschland in den Handel kommen.

Über zwei Milliarden Euro Umsatz mit Spielen

Die Umsätze der Spielebranche werden in diesem Jahr voraussichtlich die Zwei-Milliarden-Euro-Grenze knacken. »Auch der stationäre Fachhandel profitiert vom Gaming-Boom«, betont Alexander Neff, Country Manager Germany bei Logitech: »Das Wachstum bei mobilen Spielen und im Konsolen-Bereich geht nicht auf Kosten des traditionellen PC-Gaming-Segments«, so Neff. Die Präsenz zahlreicher Distributoren wie Kochmedia, Flashpoint, Playcom und Trade Up im Business Center der Games Convention zeigt zudem, dass Hardware-Hersteller und Spiele-Publisher nicht nur auf das Internet und die großen Retailer als Vertriebskanäle setzen.

Für Stefan Anders, Geschäftsführer beim Erfurter Distributor Playcom, ist die Games Convention beinahe ein Heimspiel: »Die Teilnahme an der Games Convention ist für uns zu einer schönen Tradition geworden, um unsere Handelspartner zu treffen.« Playcom hat die Konsolen von Sony, Nintendo und Microsoft im Portfolio und bietet ein breites Sortiment an margenträchtigem Zubehör für Konsolen- und PC-Spieler. Ein Produkt, mit dem auch Reseller vom gewaltigen Boom des Genres der Online-Rollen-Spiele profitieren können, ist zum Beispiel »Guild Wars«, das über die Distributoren Flashpoint und Playcom vertrieben wird. Das Spiel wird in einer gewöhnlichen Box verkauft, wobei jedoch im Gegensatz zu anderen Online-Rollenspielen keine monatlichen Gebühren anfallen. Bereits mehr als 3,5 Millionen Spieler bevölkern täglich die Server, um sich gemeinsam in neue Abenteuer zu stürzen. Mit »Eye of the North« ist zur Games Convention das erste Add-On der Saga erschienen.

Blutorgien hinter verschlossenen Türen

Offiziell bemüht sich die Spieleindustrie zwar um ein familienfreundliches Image. Doch hinter verschlossenen Türen sind auch weiterhin martialische Ego-Shooter wie »Farcry 2« von Ubisoft zu sehen, wo sich der Protagonist mit der Kneifzange die Kugeln aus dem Fleisch entfernt, wenn er vom Feind getroffen wird. Um Gewaltorgien wie »Farcry« oder »Crysis« auf dem PC mit hoher Auflösung spielen zu können, müssen Gaming-Enthusiasten für die notwendige technische Ausstattung allerdings ziemlich tief in die Tasche greifen. Für den Fachhandel sind PC-Gamer daher eine sehr attraktive Zielgruppe. Schließlich bewegen sich die Margen im Modding- und Gaming-Bereich weit über dem Niveau von Standard-Komponenten.

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