Microsofts Hausaufgaben für 2010

von Werner Veith (werner.veith@networkcomputing.de), Paul McDougall, Lars Bube

05.01.2010

Auch wenn Microsoft im vergangenen Jahr mit Windows 7 einen großen Erfolg feiern konnte, gibt es in Redmond noch einige offene Baustellen wie die neuen Entwicklungen bei Internet-Suche, Services und Cloud-Lösungen. Sieben Hausaufgaben muss das Unternehmen dieses Jahr erledigen, um langfristig bestehen zu können.

Der charismatische Steve Ballmer will Microsoft weitere acht Jahre führen. Ein Nachfolger ist nicht Sicht.

Trotz der Erfolgsmeldungen rund um das neue Betriebssystem Windows 7 hat die Krise auch dem Softwareriesen Microsoft [1] im vergangenen Jahr merklich zugesetzt. Erstmals in der Unternehmensgeschichte mussten wirtschaftlich bedingt Arbeitsplätze abgebaut werden. Bei zentralen Produkten wie der Office-Linie mussten rückläufige Verkaufszahlen hingenommen werden. Doch kann dafür nicht nur die Krise alleine verantwortlich gemacht werden, wie unsere amerikanischen Kollegen der InformationWeek jetzt darlegen. Demnach haben andere Anbieter die neuen Herausforderungen wesentlich besser gemeistert als Microsoft und sein CEO Steve Ballmer, die nach Ansicht der Kollegen stur bis ignorant einfach noch immer so operieren, als befänden sie sich im Jahr 1989.

Damals befand sich das Computerzeitalter noch in seinen Anfängen und Microsoft konnte Preise und Handel fast nach belieben diktieren. Heute, zwei Jahrzehnte später, muss sich der Hersteller jedoch mit vielen neuen Rivalen und ihren innovativen Produkten auseinandersetzen. Außerdem wandert die Rechenleistung zunehmend vom Desktop in das Internet. Sieben Hausaufgaben sollte Microsoft deshalb in diesem Jahr lösen, um seine Vormachtstellung langfristig abzusichern:
- Die Preise für Windows heruntersetzen,
- Eine sehr günstige, vollwertige Office-Version bereitstellen,
- Aufhören sich zu verzetteln,
- Mehr auf Services setzen
- Yahoo kaufen,
- Die Führungsspitze erneuern und
- Innovativer werden.

Windows muss billiger werden

Windows 7 ist zwar ein voller Erfolg, doch im Vergleich zur aufstrebenden Konkurrenz auch relativ teuer.

Als Windows populär wurde, war Linux noch etwas für Experten. Doch mittlerweile hat sich das geändert. Verschiedenste Versionen gibt es kostenlos. Gerade im Netbook-Bereich gewinnt Linux stark an Verbreitung. So bietet Dell das Netbook »Inspiron Mini« mit Ubuntu für 299 Dollar an. Damit ist die Lösung billiger als eine Lizenz für »Windows 7 Ultimate«.

Für die Anwender kommt es immer weniger darauf an, was für ein Betriebssystem auf ihrem Rechner läuft. Hauptsache ist, dass der Preis stimmt und die notwendigen Funktionen da sind. Dazu gehören etwa E-Mails bearbeiten, im Internet surfen oder die eigenen Social-Network-Auftritte zu pflegen. Auch wenn Googles »Chrome OS« derzeit keine Alternative zu Windows ist, zeigt es doch in welche Richtung der Weg gehen könnte.

Microsoft kommt bei Windows unter Druck. Im vergangenen Jahr sanken die Erlöse bei Windows um 13 Prozent. Dies ist vermutlich auch der geringen Neigung der Unternehmen auf Vista umzusteigen und dem Warten auf Windows 7 geschuldet. Nichtsdestotrotz muss Microsoft die Preise bei Windows um die Hälfte oder mehr senken. Ein guter Zug wäre es auch allen Vista-Nutzern ein freies Upgrade auf 7 zu gewähren, um das negative Image von Vista schneller aus den Köpfen der Anwender zu bekommen.

Zwar handelt es sich bei Windows um Microsofts zentralen Geldbringer. Die Vergangenheit hat aber gezeigt, dass Unternehmen vom Markt verschwinden können, wenn sie zu lange gegen Änderungen sträuben. So versuchte Kodak zu lange ihr Filmgeschäft zu schützen. Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie verlor sie das Spiel.

Bei Office auf die Konkurrenz reagieren

Open Office - nur einer der neuen Konkurrenten für Microsofts Office-Linie.

Ähnlich wie bei Windows muss Microsoft auch bei Office bei den Preisen reagieren. Hier fehlt eine günstige und vollwertige Consumer-Version für unter 20 Dollar. Zwar will der Hersteller mit Office 2010 eine kostenlose Web-Edition bereitstellen. Dieser fehlen aber die besonderen Dinge, wie es sie bei den günstigeren Desktop-Versionen ab 80 Dollar gibt.

IBMs robustes »Lotus Symphony« beherrscht rund 80 Prozent der Funktionen der kompletten Office-Version, und es kostet nichts. Reagiert Microsoft nicht bei den Office-Preisen, werden diese Verkäufe weiter einbrechen.

Es sind aber nicht nur die Consumer-Bereiche. Auch bei den Enterprise-Editionen von Office und Exchange muss der Hersteller reagieren. So ist etwa der Rivale Google mit seinen Cloud-Computing-Lösungen deutlich günstiger. Diese lassen sich aber auch gut einsetzen. So haben beispielsweise die Städte Los Angeles und Washington D.C. ihre Office-Systeme abgelöst und sind auf Google-Apps umgestiegen.

Mehr auf Services setzen und bereit sein, loszulassen

Günstigere Software bedeutet vermutlich auch nicht mehr so hohe Einkünfte. Also muss sich Microsoft nach anderen Möglichkeiten umschauen. Eine Möglichkeit zeigen Fusionen und Aufkäufe im letzten Jahr an. So haben die Hardware-Hersteller Dell und Xerox ihre technischen Dienstleistungen durch Zukäufe erweitert. Sie sahen sich mit dem Problem konfrontiert, dass sich ihre Produkte nicht mehr besonders von denen des Markts unterschieden.

Services sind deshalb so attraktiv, weil sie kontinuierliche Einnahmen versprechen. Software wird zwar weiter günstiger, aber deshalb nicht einfacher zu verwenden sein. Durch das Joint-Venture von Avanade mit Accenture hat Microsoft zwar einen Fuß auf dem Markt. Das Engagement im Service-Markt muss aber größer werden.

Für Microsoft gilt es auch, sich aus Märkten zurückzuziehen, auf denen es zwar noch Geld und Zeit investiert, aber keine Aussicht mehr auf einen größeren Erfolg hat. So hat der Hersteller mit »Zune« auf dem MP3-Player-Markt eine Niete gezogen, und dies wird sich auch so schnell nicht ändern. Im letzten Quartal sanken die Einkommen durch Zune und zugehörige Produkte um 14 Prozent.

Yahoo kaufen und die Führungsriege erneuern

Auf der anderen Seite sollte Microsoft bei Yahoo keine halbe Sache machen, und das Unternehmen übernehmen. Die eigene Suchmaschine Bing ist zwar nicht schlecht, hatte im Dezember 2009 aber nur einen weltweiten Marktanteil von 3,26 Prozent. Dem steht Google mit 85 Prozent gegenüber.

Yahoo ist derzeit das führende Web-Portal und die umfangreichste Website für allgemeinen Content. Durch den Einsatz von Bing als Suchmaschine dort, wird deren Verkehr deutlich wachsen. Allerdings enthält der Deal komplexe Vereinbarungen bezüglich der Einkünfte und heikle Verkehrszusagen. Hinzu kommt eine schwierige technische Umsetzung. Aktuell ist der Deal noch nicht abgeschlossen. Es ist auch derzeit nicht klar, wann das sein wird.

Steve Ballmer will nach eigenen Aussagen bis voraussichtlich 2018 an der Spitze bleiben. Es stellt sich aber die Frage, ob er so lange warten sollte. Der Unternehmenserfolg war sehr durchwachsen, seit Ballmer vor einem Jahrzehnt die Führung übernommen hat. Sicher ist Ballmer sehr engagiert für sein Unternehmen. Auch wenn es 2010 keinen Wechsel gibt, muss Microsoft anfangen, einen Übergangsplan zu entwickeln sowie Nachwuchstalente suchen und aufbauen.

Zeit für Innovationen

Es ist zehn Jahre her, dass Microsoft ein neues Produkt gebracht hat, das einen größeren Grad an Aufmerksamkeit erhalten hat, nämlich die »Xbox«. Microsoft muss wieder ganz vorne mitspielen und Apple sowie Google etwas von ihrem öffentlichen Interesse stehlen. Es fehlt an technischen Innovationen, die Microsoft wieder weltweit ins Gespräch bringen.

Gelingt es Microsoft, nur ein paar dieser Aufgaben zu lösen, wird der Hersteller wieder vorne mitmischen. Ansonsten wird dieses Jahr genauso hart werden für das Unternehmen wie das letzte.

[1] http://www.microsoft.de/

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