Geschichte im Digitalformat
Geschichte im Digitalformat Das Bundesarchiv in Koblenz speichert schon länger auch digitale Daten, aber bisher waren sie die Ausnahme. Doch nun liefern immer mehr Behörden digitales Material statt Papierakten. Der Aufbau eines großen Archivsystems dafür hat jetzt begonnen.
(Fortsetzung des Artikels von Seite 2)
Im Bundesarchiv – hier die Zentrale in Koblenz – lagern viele für die Geschichte Deutschlands bedeutende Dokumente.
»Wissen bereit stellen, Quellen erschließen, Geschichtsverständnis fördern«, lautet das Leitbild des Bundesarchivs. In der modernen Informationsgesellschaft wird dieser Anspruch zu einer besonderen Herausforderung, denn er bezieht sich keineswegs nur auf die traditionellen Papierakten, sondern auch auf Informationen in digitaler Form. Schnelllebige, flüchtige Informationen müssen dauerhaft gesichert und verfügbar gehalten werden, um auch in 50, 100 oder 500 Jahren der interessierten Öffentlichkeit Einblicke in die gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge der heutigen Zeit zu geben. Denn der Anspruch der Archivgesetze des Bundes und der Länder, Archivgut »auf Dauer« zu sichern, ist tatsächlich ein unbefristeter und hat weitreichende Konsequenzen für die Sicherung elektronischer Unterlagen. Das Thema der digitalen Archivierung ist für das Bundesarchiv nicht neu. Nach ersten Datenübernahmen in den frühen 1970er Jahren begann mit dem Ende der DDR der Aufbau einer eigenen IT-Infrastruktur zur Übernahme und Aufbereitung des digitalen Erbes einer Vielzahl nun nicht mehr existenter Behörden. Dabei konnten so wichtige historische Quellen wie der Datenspeicher »Gesellschaftliches Arbeitsvermögen« mit Angaben zu einem Großteil der Beschäftigten, der Kaderdatenspeicher der SED, die Volkszählungsdaten von 1971 und 1981 oder eine Dokumentation sämtlicher Grenzzwischenfälle an der innerdeutschen Grenze gesichert und für die Forschung aufbereitet werden. Hinzu kamen in den Folgejahren erste Übernahmen von Daten aus Fachanwendungen von Bundesbehörden.
Sonderfall wird zum Standard
Heute lagern im Bundesarchiv noch hauptsächlich Papierakten – morgen wird es wohl vor allem digitale Daten für die Zukunft sichern.
Und doch blieben diese Daten ein Sonderfall neben den vielen Kilometern Akten, die das Bundesarchiv in seinen Magazinen verwahrt. Es ist jedoch abzusehen, dass dieser Sonderfall sehr bald zum Normalfall wird. Gefragt sind daher automatisierte Prozesse, die einen sicheren Datentransfer von den Behörden ins Archiv gewährleisten und eine dauerhafte Verfügbarkeit der Daten sichern. Das Konzept des Bundesarchivs ist ausgerichtet am ISO-Standard OAIS (Open Archival Information System), das die genaue Dokumentation der Prozesse und die ausschließliche Nutzung offener Schnittstellen in den Mittelpunkt stellt, um digitale Daten sicher über immer wieder erfolgende und unvermeidbare Technologiewechsel zu bringen. Das Kernelement des OAIS-Standards ist die Aufteilung der zu archivierenden Daten in verschiedene Informationspakete. Unterschieden werden das vom Datenproduzenten gelieferte Informationspaket, das für die spätere Benutzung aufbereitete Informationspaket und – als wichtigstes – das Archivinformationspaket (AIP), das dauerhaft gespeichert wird. Das letztgenannte Paket enthält neben den eigentlichen Daten auch alle Informationen, die zu ihrer Interpretation notwendig sind. Dazu gehören die Metadaten ebenso wie Angaben über die Bearbeitung im Archiv, wie zum Beispiel die Konvertierung in ein neues Format.
Umsetzung mit der Industrie
Das Bundesarchiv hat dieses Modell zur Grundlage seines Konzeptes gemacht und für dieses mit der Firma Hewlett-Packard einen Partner für die Umsetzung gefunden. Dabei sind folgende Ziele vorrangig:
– Die Integrität der Daten beim Transfer und im Archiv soll durch genaue Dokumentation jederzeit gewährleistet und dauerhaft nachvollziehbar sein.
– Die Daten aus den sehr heterogenen Systemen der Behörden sollen in eine einheitliche Struktur umgesetzt werden, die ihre Interpretation auch außerhalb der Systeme, in denen sie entstanden sind, ermöglicht.
– Der archivische Arbeitsprozess der Bewertung, also der Auswahl und der Verdichtung der in der Verwaltung entstandenen Informationen, soll effektiv unterstützt werden.
– Das Archivinformationspaket soll unverschlüsselt und vollständig auf einem Medium gespeichert werden. Dann lassen sich im Katastrophenfall die Daten ohne spezielle Software vollständig rekonstruieren.
Das Speichersystem, eine Kombination aus Festplattenspeicher und Tapelibrary, hat eine Kapazität von zunächst 40 TByte, kann aber auf mehrere hundert Terabyte ausgebaut werden. Geplant ist, dass im nächsten Monat die ersten elektronischen Akten in das neue System einfließen. In den nächsten Jahren sollen neben elektronischen Akten auch andere Datenarten wie zum Beispiel Daten aus Fachanwendungen und Geoinformationssystemen ins digitale Archiv wandern. In Planung ist auch die Ausweitung des Zwischenarchivsystems von den Papierakten auf elektronische Unterlagen. Sie soll die Bundesministerien frühzeitig von nicht mehr dauernd benötigten Unterlagen und den technischen Aufwänden, sie zu sichern, entlasten. Gleichzeitig können sie rasch online auf ihre bereits abgegebenen Unterlagen zugreifen. Dr. Andrea Hänger, Referatsleiterin in der Abteilung Bundesrepublik des Bundesarchivs, Projektleiterin des Projektes Digitales Archiv
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