SOA fürs Geschäft

von Dr. Werner Fritsch

25.06.2009

SOA fürs Geschäft Ob Business Process Management oder Business Acitivity Monitoring: Ohne enge Einbindung der Fachabteilungen laufen die SOA-Technologien ins Leere.

»Das Thema SOA bleibt bei den Unternehmen gesetzt, und man kommt mit der Realisierung voran«, resümiert der unabhängige Analyst Wolfgang Martin die Ergebnisse seiner aktuellen Umfrage (siehe Grafik »Einsatz von SOA« auf Seite 35). Das oberste Ziel ist weiterhin eine höhere Flexibilität im Hinblick auf unternehmerisches Handeln, ferner sind eine Verbesserung der geschäftlichen Prozesse und eine schnellere Bereitstellung von Anwendungssoftware im Visier (siehe Grafik »Ziele mit SOA« auf Seite 35). Eine SOA ist die Basis, auf der sich Abläufe der Fachabteilungen per IT unterstützen, steuern und automatisieren lassen. Middleware und Geschäftsprozesse, IT und Business gehören in den Unternehmen eng zusammen. Governance und Service Level Agreements (SLAs) sind Martin zufolge inzwischen auf einem guten Weg: 2009 wird davon seinen Umfragen zufolge in SOA-Projekten häufiger Gebrauch gemacht als 2008 und 2007. Governance betreiben mittlerweile 66 Prozent, um SLAs kümmern sich sogar 80 Prozent der Befragten. Ein bedenkliches Defizit sieht er jedoch darin, dass die Unterstützung durch das Top-Management oft nicht da ist und meist die IT-Abteilungen die SOA-Projekte treiben. 74 Prozent der Befragten betrachten SOA gar als reines IT-Thema. »SOA ist kein Selbstzweck, sondern soll die Fach- und die IT-Seite verbinden«, kritisiert Martin. SOA ist ein IT-Vehikel, um Anwendungen schneller bereitzustellen. Damit dies gelingt, muss jedoch die Fachseite an der Definition der Services maßgeblich beteiligt sein.

SOA als Basis für BPM

Als Basis für das Business Process Management (BPM) dient immer öfter eine serviceorientierte Architektur (SOA), die sich wiederum auf einen Applikationsserver stützt. BPM-Software ist historisch in zwei unterschiedlichen Bereichen entstanden: Enterprise Application Integration (EAI) sowie Dokumenten- und Workflow-Management. Aus dem ersten Bereich stammt der Hersteller Vitria. Ein hiesiger Anbieter aus dem zweiten Bereich, der seine Software mittlerweile auf eine SOA gründet, ist d.velop. Middleware-Urgestein und EAI-Anbieter Tibco hat vor einigen Jahren den Workflow-Spezialisten Staffware gekauft, um Fähigkeiten aus beiden Bereichen anbieten zu können. Ähnlich hatte BEA, inzwischen selbst von Oracle geschluckt, Fuego übernommen. Laut Martin verstehen es die Vertriebsmitarbeiter der Ellison-Company, aus dem gut gefüllten Bauchladen von Middleware- und BPM-Produkten kundenorientierte Lösungen zu konfigurieren. Bei IBM sind die Produkte für Anwendungsintegration und Middleware unter der Marke Websphere gebündelt, die für Dokumente und Content hingegen bei DB2 angesiedelt, inklusive der akquirierten Filenet-Assets. SOA fungiert als Architekturstil, der die diversen Software-Angebote verbinden und eine Brücke zu den geschäftlichen Anforderungen bilden soll. Daneben halten sich bei BPM weiterhin kleine Spezialanbieter, die mit Produkten aus einem Guss inklusive Ausführungsumgebung aufwarten und dem Marktforschungshaus Gartner zufolge in Funktionalität und Handhabbarkeit die Software-Riesen nicht selten übertreffen. In diese Gruppe gehören Pegasystems, Lombardi und Metastorm, ferner Ultimus, Cordys, Pallas Athena und andere. Im Hinblick auf Integrationserfordernisse schneiden sie allerdings schlechter ab als die Anbieter, die bei Middleware im engeren Sinn zu Hause sind. Defizite bescheinigt Martin auch dem Applikations-Champion SAP. Ähnlich sieht es Massimo Pezzini, Distinguished Analyst und Vice President bei Gartner: »SAP beginnt erst mit BPM, Tibco hingegen arbeitet schon fünf, sechs Jahre daran.« Das Saarbrücker Software-Haus IDS Scheer konzentriert sich weiterhin auf Fragen der Modellierung von Geschäftsprozessen aus Sicht der Fachabteilungen. Sowohl für die SAP- als auch für die Oracle-Anwendungswelt sind die bekannten Aris-Werkzeuge verfügbar. Im Hinblick auf die IT-Umsetzung mit Hilfe von Ablaufumgebungen anderer Hersteller gibt es Transformationen, aber die detailreichen Modellierungen, die dabei wegfallen, erschließen sich Pezzini nicht.

Endanwender als Entwickler

Manche Anbieter, etwa Pegasystems, Tibco oder auch der Spätstarter Cordys, versuchen, die Endanwender im eigenen Tun stärker zu befähigen, etwa mit Hilfe von Mashup-Technologien. Für Pezzini werden solche Bestrebungen auf absehbare Zeit über persönliche Belange und kleine Ergänzungen nicht hinausführen. Weitergehende Behauptungen der Hersteller hält er für Wunschdenken. Martin sieht immerhin die Chance, mit solchen Technologien Excel- und Exchange-Exzesse künftig zu vermeiden und auch individuellere Datenverarbeitungbedürfnisse auf eine solide IT-Grundlage zu stellen: »Die Fachabteilungen können dann autonom arbeiten, aber eben auf einer professionellen Plattform.« Dem CIO bleibe dann eine unkontrollierbare Schatten-IT erspart.

BAM als Spezialfall von CEP

Der Kern von SOA-basiertem BPM besteht in der Kombination von Services, sodass geschäftliche Abläufe bestmöglich unterstützt werden, auch über Abteilungsgrenzen hinweg. Um sich über den Status von Prozessen auf dem Laufenden zu halten und zum Beispiel Engpässe oder Ursachen von Staus zeitnah zu erkennen, bieten Middleware-Hersteller Software für sogenanntes Business Activity Monitoring (BAM) an. Mit Hilfe von Agenten werden aus den ablaufenden Prozessen Informationen gesammelt, die sich dann mit Business-Intelligence-Technologien auswerten lassen. »Mit BAM können die Organisationen verstehen, was in ihren Prozessen passiert«, erläutert Pezzini. »BAM steht noch am Anfang«, konstatiert Branchenkenner Martin. Die Basistechnologien sehen die Experten als Anwendungsfall für Complex Event Processing (CEP): Mit entsprechender Software lässt sich aus einer Fülle einzelner Ereignisdaten ein bedeutsameres größeres Ereignis ableiten. Zum Beispiel eben aus Einzelinformationen zur prozessualen Verarbeitung ein Engpass an einer bestimmten Stelle. Andere Einsatzszenarien von CEP sind Kauf und Verkauf von Wertpapieren zum optimalen Zeitpunkt, logistische Abläufe bei Transportunternehmen, Betrugserkennung und Sicherheitsüberwachung. Am weitesten fortgeschritten bei CEP ist Gartner zufolge Tibco. Progress hat sich durch die Übernahme des Spezialanbieters Apama ­positioniert. IBM arbeitet in unterschiedlichen Projekten und Bereichen an CEP-Technologien, Microsoft und Oracle haben das Thema ebenfalls erkannt.

Kleine Schritte

Nach Wolfgang Martins Eindrücken verfolgen die führenden Unternehmen der diversen Anwenderbranchen durchaus einen ganzheitlichen Ansatz in der IT. Manche zeigen sich dabei technologieaffiner, andere geben sich pragmatischer. Massimo Pezzini hebt hingegen hervor, dass die Anwender schrittweise vorgehen: »Es ist jetzt nicht die Zeit für große Anschaffungen.« Schon von daher läuft es auf Punkt- und Best-of-Breed-Lösungen hinaus. IT-Investitionen, die sich auf BPM beziehen, werden von den Fachabteilungen geprägt und müssen deutlich erkennbar geschäftlichen Nutzen bringen. Nichtsdestoweniger empfiehlt auch der Gartner-Mann den IT-Chefs eine architektonische Gesamtschau. Außerdem seien strategische Entscheidungen zugunsten bevorzugter Hersteller vorstellbar und sinnvoll, um einen schwer zu managenden IT-Flickenteppich zu verhindern. Zumindest freilich müssen die unterschiedlichen Komponenten interoperabel sein.