Der PC als virtuelles Objekt
Heutige Virtualisierungstechniken machen es möglich, unabhängig vom benutzten Endgerät dem jeweiligen Nutzer einen vollständigen elektronischen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen. Die Möglichkeit, Tausende Arbeitsplatzrechner zentral verwalten zu können, hat natürlich etwas Bestechendes, zumindest solange, bis durch einen Ausfall der zentralen Server nicht drei oder fünf, sondern eben Tausende von Clients zugleich flach liegen.
Denis Mrksa, Analyst bei TechComsult: »Bei Expertenarbeitsplätzen müssten genau angepasste Szenarien gefunden werden, damit die Vorteile der Virtualisierung auch hier wirksam werden können.« (Foto: TechConsult)
Zweifellos kann Client-Virtualisierung gerade für große Unternehmen sehr attraktiv sein. Die zur Verfügung stehende Technik entwickelt sich derzeit rasant und hat nicht mehr allzu viel zu tun mit den guten, alten Terminal-Services. Mit heutiger Virtualisierungstechnik kann »der gesamte individuelle PC-Arbeitsplatz, also Betriebssystem, Applikationen und Desktop-Einstellungen auf verschiedenen Endgeräten zur Verfügung gestellt werden«, umreißt Denis Mrksa, Analyst bei TechConsult [1] in Kassel, das Spektrum. Es lassen sich aber auch, so Mrksa, vordefinierte isolierte Umgebungen auf eine Vielzahl von Arbeitsplätzen verteilen.
Die Unabhängigkeit vom Endgeräte-Typ ist sicher eines der wesentlichen Merkmale der Client-Virtualisierung. Die einzelnen Software-Pakete sind bei virtualisierten Clients nicht mehr an den Arbeitsplatz, sondern an den jeweiligen Benutzer gebunden. Dieser hat ein zentral abgelegtes Profil, das sich aus bestimmten Rechten, Einstellungen und Applikationen zusammensetzt. Durch die zentralisierte Haltung der einzelnen Nutzerprofile und Nutzerpakete wird im Prinzip auch die Sicherheit verbessert – soweit man nicht einen Super-Angriff auf die Server- und Speicherdaten unterstellt – und die Verwaltung wird zumindest insofern einfacher, als alle Maßnahmen vom steuernden Rechenzentrum aus angestoßen werden können. Gleiches gilt auch für Wartungsmaßnahmen.
Server-Virtualisierung allein reicht nicht
Bei Desktop-Virtualisierung müssen vordefinierte isolierte Umgebungen auf eine Vielzahl von Arbeitsplätzen verteilt werden. (Foto: Vennekel + Partner GmbH)
Im Wesentlichen konzentrieren sich die deutschen IT-Manager allerdings auf Server-Virtualisierung, lediglich 12 Prozent sind mit Client-Virtualisierung schon ernsthaft befasst. Das ergibt sich zumindest aus einer Umfrage, die das britische Marktforschungsunternehmen Coleman Parkes [2] im Sommer 2008 im Auftrag von HP [3] gemacht hat.
Das ist sicher kurzsichtig, kann doch nur durch eine vollständige und durchgängige Virtualisierung der gesamten IT das Rationalisierungspotenzial befriedigend erschlossen werden. Schon allein die schiere Zahl der Arbeitsplatzrechner in großen Unternehmen deutet auf ein großes Einsparungspotenzial in puncto Verwaltung, Wartung und Stromkosten hin, das eine Client-Virtualisierung bringen kann. Christian Rathke, Manager Remote Client Solutions bei HP, meint, dass ein virtualisierter Client im Durchschnitt rund 25 Prozent weniger Strom verbrauche als die herkömmliche Desktop-Variante. Andererseits hat die Virtualisierung am Arbeitsplatz natürlich Auswirkungen im Serverbereich, indem beispielsweise ein paar Server mehr angeschafft werden müssen. Und natürlich ist bei Virtualisierungsvorhaben immer auch auf den Speicherbedarf im Hintergrund zu achten, schließlich müssen dort Einstellungen, Betriebssysteme und Anwendungen abgelegt werden. Lokale Speicher gibt es ja nicht mehr.
Basis-Images bei Citrix und Microsoft
Die Anbieter von Client-Virtualisierungslösungen – VMWare [4], Citrix [5] und Microsoft [6] sind derzeit die dominanten Größen – bieten alle abgespeckte virtuelle Arbeitsplätze an (Basis-Images oder Workspace bei Microsoft) und stellen individuelle Ausprägungen zusätzlich bereit, wenn sie benötigt werden. Der virtualisierte Arbeitsplatz wird dabei aus einem Standard-Image gebootet, wobei ein Provisionierungs-Server die netzwerktechnische Individualisierung wie Rechnername und IP-Adresse anpasst.
Mit dieser Methode kommt man mit ganz wenigen Standardimages aus, beispielsweise eines für Windows XP und eines für Vista, die dann hundert- oder tausendfach als Gastbetriebssysteme verwendet werden. »Der Speicherbedarf wird durch diese Technik bei Citrix auf wenige Gigabyte begrenzt«, erklärt Dr. Daniel Liebisch, Business Development Manager bei Citrix Europa, diese Vorgehensweise.
…und bei VMWare und Parallels
Jürgen Dick, Business Development Manager bei VMWare Deutschland: Mit der Methode der Basis-Images können je nach Umgebung bis zu 95 Prozent der Massenspeicherkosten eingespart werden.« (Foto: VMware)
VMWare verwendet eine ähnliche Technik.»Während ein Basis-Image, das sagt, wie ein Desktop für den Nutzer aussehen soll, rund 10 Gigabyte belegt, benötigt jede weitere Instanz, das heißt jeder weitere PC für einen Anwender, nur noch circa 25 Megabyte«, erklärt Jürgen Dick, Business Development Manager bei VMWare Deutschland. Mit dieser Methode der Desktop-Bereitstellung könnten je nach Umgebung bis zu 95 Prozent der Speicherkosten eingespart werden.
Noch einmal anders löst Parallels [7] die Kosten- und Performance-Probleme. Das System Virtuozzo virtualisiert nicht die Hardware, sondern das Betriebssystem, welches dadurch von allen laufenden Instanzen verwendet werden kann. Ein Hypervisor ist nicht notwendig. Das bringt weniger Overhead als bei den anderen Systemen, aber natürlich auch weniger Flexibilität. Bei Parallels ist man jedenfalls überzeugt, dass man im Vergleich zu den Hypervisor-Systemen nur die Hälfte bis zu einem Drittel kostet.
Dedizierte Szenarien für Wissensarbeiter
Das Speichervolumen, das vorgehalten werden muss und der Verwaltungsaufwand für die Images seien stark davon abhängig, ob man normale Sachbearbeiter oder Wissensarbeiter im Auge habe, meint Denis Mrksa von Techconsult. Im Call-Center oder an der Kasse sei in großem Umfang ein Standardimage einsetzbar, der Verwaltungsaufwand könne an solchen Arbeitsplätzen deutlich optimiert werden. Bei Expertenarbeitsplätzen, die in der Regel auf viele Applikationen und große Speicherressourcen zugriffen, müssten genau angepasste Szenarien gefunden werden, damit die Vorteile der Virtualisierung wirksam werden könnten.
Die hauptsächlichen Beweggründe für Client-Virtualisierung sind schon genannt worden. Doch es gibt auch noch andere: So wollen Unternehmen, die viele sensible Konstruktions- und Fertigungsdaten haben und die gleichzeitig weltweit verteilt entwickeln, oft nicht, dass diese Daten das Stammhaus verlassen. Grund genug, sich die oben apostrophierten »genau angepassten Szenarien« zu überlegen. Kosten sind in solchen Fällen eher zweitrangig. Gerade bei schwerlastigen CAD-Anwendungen empfiehlt es nach Meinung von Citrix-Manager Liebisch, die Arbeitsplätze auf einem zentralen Blade-PC vorzuhalten, auf den dann aus der Ferne zugegriffen werde.
Offline-Virtualisierung
Ralf Siller, Senior Solution Sales Professional, Microsoft Deutschland: »Die Desktop-Virtualisierung nutzt im Gegensatz zu einem reinen Thin Client Computing lokale Rechnerleistung und ist auch für Offline-Szenarien gedacht.« (Foto: Microsoft)
Diese Möglichkeit bietet sich auch für andere Konstellationen an, die nicht oder nicht störungsfrei als virtualisierte Version laufen. Daniel Liebisch stellt zwar in Frage, ob es solche Fälle überhaupt gibt und meint: »Bei Anwendungen, die Peripheriegeräte wie Smartcard-Leser oder Dongles zur Laufzeit abfragten, gibt es mitunter Probleme, das betrifft aber den Multi-User-Betrieb bei einer Applikationsvirtualisierung und nicht die Desktop-Virtualisierung.« Auch Gerd Elzenheimer, Marketing Manager beim Beratungshaus Unisys, meint, dass er keinen Grund sehe, warum ein Desktop nicht virtualisiert werden können sollte. Desktop-Virtualisierung habe ja den entscheidenden Vorteil gegenüber den bisherigen Terminal-Services, dass die Anwendung nicht wissen müsse, dass sie auf einer virtualisierten Maschine laufe. Letztlich ist Client-Virtualisierung eine Ausprägung des Service-Gedankens im Software-Bereich. Der Benutzer hat ein auf ihn oder sie zugeschnittenes Funktionspaket zur Verfügung, das irgendwo gespeichert ist und verwaltet wird. Dieses »Irgendwo« kann im Rechenzentrum sein, in den »Wolken« oder auch auf seinem Gerät selbst. Ja, natürlich auch das! Das nennt sich dann Offline-Virtualisierung. Für Ralf Siller, Senior Solution Sales Professional bei Microsoft, nutzt »die Desktop-Virtualisierung im Gegensatz zu einem reinen Thin Client Computing lokale Rechnerleistung und ist auch für Offline-Szenarien gedacht«.
[1] http://www.techconsult.de/
[2] http://www.coleman-parkes.co.uk/home.asp
[3] http://welcome.hp.com/country/de/de/welcome.html
[4] http://www.vmware.com/de/
[5] http://www.citrix.de
[6] http://www.microsoft.com/de/de/default.aspx
[7] http://www.parallels.com/de/
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