Open-Source Datenbanken im Kommen

von Ulrike Ostler

01.04.2005

Open-Source Datenbanken im Kommen. Oft ergänzen quelloffene Datenbanken kommerzielle Systeme, manchmal stehen sie in direkter Konkurrenz. Kamen sie bislang vorwiegend bei Web-Anwendungen zum Zug, so könnten sie sich bald auch im betriebswirtschaftlichen Bereich ausbreiten.

Open-Source Datenbanken im Kommen

Bei der HypoVereinsbank werden Open-Source-Datenbanken für abteilungs-, aber auch für konzernweite Applikationen eingesetzt. Foto: HypoVereinsbank

Jedes Unternehmen sollte eine Open-Source-Datenbank haben. Diese Meinung tut Noel Yuhanna kund, Analyst beim Marktforschungs- und Beratungsunternehmen Forrester Research. Er kommt zu dem Schluss, dass die Open-Source-Datenbanken, wie sie Computer Associates, MySQL, Red Hat oder Sleepycat Software anbieten, in den vergangenen Jahren an Reife und Funktionalität zugelegt haben. Mike Thompson, Analyst bei der britischen Marktbeobachterkonkurrenz Butler Group, äußert hingegen den Verdacht, dass die Vorteile, die diese Firmen im Moment ausspielen, allein in den niedrigen Produktkosten begründet sind. Dieser Vorteil könnte aber bald schwinden: »Alle wesentlichen Wettbewerber werden ihre Lizenzmodelle bald an diese Bedrohung anpassen.«
Ein Blick auf die Marktzahlen verdeutlicht, wovon Thompson spricht. Zwar gestaltet sich der Datenbankmarkt seit Jahren nahezu unverändert. Oracle und Microsoft liegen bei relationalen Systemen vorn, wenn es um die Gewinnung von Neukunden geht, wie die Marktforscher von IDC unlängst wieder ermittelt haben. Der dritte große Spieler in diesem Segment ist IBM, mit weitem Abstand folgen Sybase und NCR Teradata. Aber auch die Zahlen, die MySQL vorlegen kann, sind beeindruckend. Im vergangenen Jahr wurde das hauseigene Produkt über zehn Millionen Mal aus dem Netz geladen, übrigens mit einem deutlichen Übergewicht der Windows-Versionen gegenüber den Linux-Varianten. Kaj Arnö, Vice President bei MySQL, schätzt, dass das Verhältnis zwei zu eins ist. Insgesamt sind vermutlich sechs Millionen Produkte mit freien Lizenzen im Einsatz. Dazu kommen die kommerziell erworbenen, die der Manager mit mehr als einer Million angibt. Damit dürfte MySQL zumindest das erfolgreichste quelloffene Datenbanksystem sein.  

Jürgen Klodzinski, IT-Manager bei den PUK-Werken, entschied sich bei seiner ERP-Anwendung nach eingehender Prüfung für eine Open-Source-Datenbank.

GÜNSTIGE KOSTEN
Ganz klar punktet MySQL bei den Preisen. Die Open-Source-Nutzung ist kostenfrei, was anfällt sind allerdings Support-Zahlungen. Bei der Kauf-Lizenz liegt der Preis deutlich unter dem einer Oracle-, SQL-Server- oder DB2-Datenbank. Wichtiger als Lizenzgebühren sind bei der langen Lebensdauer von Datenbankapplikationen die Betriebskosten. Open-Source-Datenbanken weisen eine geringere Komplexität auf, sind daher einfacher zu administrieren und brauchen weniger Hardware-Ressourcen, sagen Analysten.
Umgekehrt sind die kommerziellen Marktführer unbestritten im Vorteil, wenn es um Funktionsreichtum und große Lasten geht. Zu den Funktionsbeschränkungen zählt etwa, dass es sich bei MySQL um ein rein relationales System handelt, während die kommerzielle Konkurrenz seit Jahren objekt-relational agieren kann. Arnö räumt ein, dass sich MySQL bisher nur eingeschränkt für Unternehmensanwendungen wie SAP-Applikationen für das Enterprise Resource Planning (ERP) eigne. Doch das ändere sich gerade. Demnächst werde das Beta-Release der Version 5.0 verfügbar sein, im Juni dann das Produktions-Release. Dieses Upgrade werde dann die benötigte Unterstützung von Stored Procedures bieten, von Triggern und Views.
Tatsächlich sieht es danach aus, als könnten sich Open-Source-Datenbanken demnächst auch bei geschäftskritischen Unternehmensapplikationen ausbreiten. Zunächst wurden solche Datenbanken hauptsächlich für reine Web- oder für Embedded-Applikationen eingesetzt. Solche Anwendungen entstanden abseits der Unternehmens-IT und sollten wenig kosten. MySQL wurde Bestandteil der Open-Source-Quadriga LAMP. L steht hier für das quelloffene Betriebssystem Linux, A für den frei verfügbaren Applikationsserver Apache, M für die Datenbank MySQL und P wahlweise für die Skriptsprachen PHP, Perl oder Python.
Der Fachbereich Kreditrisikosteuerung in der HypoVereinsbank (HVB) beispielsweise fand das Quartett verführerisch. Die erste Anwendung, die 2002 auf dieser Basis entstand, war VorDok, eine kleine Intranet-Applikation. Sie dient dazu, die Schritte bei Kreditentscheidungen im Fachbereich zu dokumentieren und mit einem Status zu versehen, so dass sich die Prozesse nachvollziehen und auswerten lassen. LAMP-Know-how hatten einzelne Projektmitarbeiter schon. Zudem konnte das Team ohne große Lizenzverhandlungen loslegen, da die Software per Download verfügbar war. Heute beruht der Erfolg auch auf der Nutzerfreundlichkeit, Datenqualität und kurzen Entwicklungszeiten der Open-Source-Datenbank. Das bescheinigt Dr. Philipp Brune, der bei der Group Credit Risk Control der HVB für die Applikation verantwortlich ist.
Die positive Resonanz sorgte bald für Folgeprojekte. Derzeit arbeitet Brune bereits an der fünften Applikation, Porthos genannt. Das Projekt mit dem Namen des Musketiers dient dem Aufbau einer Datenbank für das Kreditreporting des gesamten Konzerns. Daten aus allen HVB-Töchtern sollen hier gesammelt werden. Das erfordert laut Brune hohe Standards im Datenqualitätsmanagement und eine mehrstufige Berechtigungssteuerung. Außerdem übernimmt die Anwendung das Laden der Daten, die interaktive Bearbeitung und die Freigabe sowie Teile der Risikoanalyse.

OPEN-SOURCE-SOFTWARE MIT PRODUKTHAFTUNG
Mittlerweile ist der MySQL-Einsatz bei der HVB dem Stand-alone-Betrieb einer Fachabteilung entwachsen. Anwendungen für das Banken- und Geschäftskunden-Rating laufen produktiv im Rechenzentrum der Bank mit Schnittstellen zu den zentralen Kreditsystemen. Laut Arnö ist diese Art des Einsatzes der Open-Source-Datenbank im Mix mit Oracle und DB2 durchaus typisch. »MySQL ersetzt nicht immer komplette Datenbankanwendungen. Es kommt häufig vor, dass unser System vorhandene Kernanwendungen ergänzt«, sagt der MySQL-Manager.
Trotzdem soll das neu geschaffene Support-Angebot MySQL Network, das wie bei kommerziellen Produkten üblich eine Produkthaftung umfasst, stärker als bisher IT-Verantwortliche in Anwenderunternehmen ansprechen. Die Positionierung der Datenbank als einfaches Produkt, das sich auf allgemein benötigte Grundfunktionen beschränkt, soll jedoch bestehen bleiben: »Wir bieten die Funktionen, die heute für eine Datenbank Standard sind, nicht mehr und nicht weniger«, sagt Arnö.
Dass dieser Funktionsumfang durchaus auch für ein ERP-System ausreichen kann, zeigen die PUK-Werke. Zu MySQL kam der Hersteller von Kabel-Trägersystemen schon vor fast drei Jahren durch das ERP-Produkt Canias der Karlsruher Industrial Application Software (IAS). Das Softwarehaus nutzte MySQL damals als Entwicklungsplattform. Eigentlich wollte Jürgen Klodzinski, Leiter EDV und Organisation bei den PUK-Werken, die neue Software auf einem AS/400-Rechner mit dem entsprechenden DB2-Datenbanksystem laufen lassen. Doch nach der Test- und Einführungsphase wurde MySQL auch zur ersten Wahl für den Produktiveinsatz.

ROBUSTER ERP-BETRIEB
Heute ist das ERP-System an sieben Standorten in Betrieb und hat 150 Nutzer. Es läuft mit MySQL 4.0 unter Linux. Der Datenbestand umfasst 50 Gigabyte, eine Million Angebotsköpfe mit vier Millionen Konditionssätzen und mehr als fünf Millionen Angebotspositionen mit über neun Millionen Komponenten. Zugrunde liegt ein Storage Area Network (SAN) aus zehn Platten mit jeweils 15000 rpm (rotations per minute) unter Raid 10, das mit Hilfe des IBM-Produkts Fast T200 realisiert ist. Als wichtigster Datenbank-Server fungiert ein Dell-Rechner der Baureihe Power Edge 1850 mit zwei CPUs à 3,6 Gigahertz und 4 Gigabyte RAM.
Schon in den ersten zwölf Testmonaten waren am MySQL-System mit Ausnahme der Datensicherung keine administrativen Eingriffe notwendig. Doch auch jetzt noch freut sich Klodzinski: »Die MySQL-Datenbank läuft ohne Störungen, sehr performant und weitgehend wartungsfrei. In zweieinhalb Jahren Betrieb gab es nicht eine Sekunde datenbankbedingter Stillstandszeit.« So konnten die PUK-Werke in dieser Zeit die laufenden Kosten für die Release-Pflege von Betriebssystem und Datenbank um die Hälfte senken. Ein Beispiel, das Schule machte: Inzwischen berichtet IAS, dass fast die Hälfte aller Neuinstallationen von Canias mit einer Open-Source-Datenbank läuft.

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