Offshore-Dienstleister konkurrieren mit deutschen Systemhäusern:
Projektrisiko Software-Entwicklung dem Dienstleister überlassen

von Martin Fryba (martin.fryba@crn.de), Dr. Rüdiger Striemer, Werner Veith

09.10.2009

Software-Entwicklung gehört für viele Unternehmen nicht zum Kerngeschäft. Trotzdem lassen sie sich oft genug die Risiken aufbürden. Bei richtiger Projektplanung ist es aber gut möglich, diese dem Dienstleister zu überlassen.

Laut einer Studie der Unternehmensberatung Capgemini (IT-Trends 2008 [1]) nimmt der Anteil der IT-Leistungen weiter ab, die von den Unternehmen im eigenen Haus erbracht werden. Insbesondere die Software-Entwicklung wird zunehmend ausgelagert: In den kommenden fünf Jahren soll der Anteil der »in house« realisierten Entwicklung auf nur noch 25 Prozent sinken. Gute Nachrichten für die deutschen Entwicklungshäuser also. Auf dem Markt für Software-Entwicklung sind die Deutschen jedoch nicht allein!

Weil viele Projekte der Softwareentwicklung scheitern, geht IBM-Manager Gunter Dueck nie der Stoff für seine lehrreichen Bücher und Vorträge aus.

Obwohl das Thema Offshoring mittlerweile deutlich differenzierter und realistischer gesehen wird, schläft die Konkurrenz aus Indien und den osteuropäischen Ländern nicht. Die Entwickler dort sind exzellent ausgebildet und haben sich auch in großen Projekten bewährt. Die deutschen Anbieter können aber mit eigenen Stärken punkten: Kommunikationskompetenz und Prozesskenntnis sind Aspekte, die gerade in Individual-Software-Projekten entscheidende Bedeutung haben.

Viele geschäftskritische Anwendungen können ohne ausgeprägte Erfahrung in der jeweiligen Branche und Verständnis für die Geschäftsprozesse des Kunden nicht entwickelt werden. Kaum ein Unternehmen wird in solchen Projekten auf Offshoring setzen. Hier können die deutschen Entwicklungshäuser selbstbewusst auftreten und ihren Markt definieren.

Damit ändert sich auch das Berufsbild des Software-Entwicklers in Deutschland. Technologisches Wissen alleine genügt heute nicht mehr. Der Entwickler muss das Geschäft seines Kunden kennen und verstehen. Er ist nicht länger als »Tekkie« gefragt, sondern muss als kompetenter Partner des Kunden auftreten. Der Entwickler wird zum Prozessexperten - Branchenkompetenz, sicheres Auftreten und Kommunikationsstärke gehören dazu.

Lehren aus gescheiterten Projekten

Daneben prägt ein zweiter Trend den Markt für Individual-Software-Entwicklung. Die Unternehmen haben die Lehre aus verschiedenen gescheiterten Projekten gezogen: Sie wollen das Risiko von Software-Entwicklungs-Projekten häufig nicht mehr selbst tragen. Zu recht muss sich beispielsweise eine Versicherung die Frage stellen, warum sie bei der Entwicklung eines neuen Außendienstsystems selbst die Verantwortung für eine Realisierung »in time and budget« tragen sollte.

Geschäftsrisiko trägt der Kunde, Entwicklungsrisiko der Dienstleister. Dr. Rüdiger Striemer, Vorstand Software- und Corporate-Development bei Adesso referiert bei »Kosten runter« über aktuelle Trends in Markt für individuelle Software-Entwicklung.

Software-Entwicklung ist schließlich nicht Teil ihres Versicherungs-Kerngeschäfts! Gefragt sind deshalb Festpreis-Vereinbarungen, die das Projektrisiko auf den externen Dienstleister verlagern. Möglich und sinnvoll sind solche Modelle bei geschäftskritischen, individuellen Anwendungen.

Die Kehrseite der Medaille: Die Unternehmen müssen bereit sein, einzelne Anwendungen komplett und nicht nur punktuell außer Haus entwickeln zu lassen. Dabei müssen gelegentlich interne Widerstände überwunden werden. Das Ziel ist es aber nicht, die interne IT-Abteilung zu ersetzen, sondern das Risiko für einzelne, klar abgegrenzte Projekte dem Dienstleister zu übertragen.

Voraussetzung ist dabei in jedem Fall eine gewisse Größe des Dienstleisters, damit finanzielle Risiken tatsächlich getragen werden können. Genauso wichtig sind Branchenfokussierung und Projekterfahrung bei dem externen Partner. Nur wenn der Dienstleister das Geschäft des Kunden wirklich durchdringt, kann er auch das Risiko für die Entwicklung geschäftskritischer Anwendungen übernehmen. Das setzt auch voraus, dass die externen Entwickler fachlich fit sind, in vergleichbaren Projekten gearbeitet haben und zudem durch kompetente Branchen-Experten unterstützt werden. Die Software-Entwicklung ist das Kerngeschäft der IT-Dienstleister. Eine entsprechende Risikoteilung ist deshalb sinnvoll und auch marktgerecht: Der Kunde trägt sein Geschäftsrisiko, der Dienstleister das Entwicklungsrisiko.

Tipp der Redaktion

Auf der Veranstaltung »Kosten runter« am 11./12. November 2009 in Düsseldorf [2] erfahren Sie mehr über Kosten senkende ITK-Lösungen und Strategien zur Steigerung der Effizient. Dr. Rüdiger Striemer, Vorstand Software- und Corporate-Development bei Adesso, gibt einen Überblick zu aktuellen Trends im Markt für Individual-Software-Entwicklung.

[1] http://www.de.capgemini.com/m/de/tl/IT-Trends_2008.pdf
[2] http://events.networkcomputing.de/front_content.php?idcat=43