Von Audits bis Monitoring:
Die letzte Herausforderung im Netz: Quality-of-Service

von Werner Veith (werner.veith@networkcomputing.de)

07.08.2009

Eigentlich müsste Quality-of-Service ganz einfach sein, denn schließlich gibt es die notwendigen Standards schon länger. Doch nicht nur das Wissen, sondern vor allem die Erfahrung zählen. Übergreifendes Monitoring und QoS ist wünschenswert, aber nicht so einfach realisierbar.

Es gehört zu jeder Netzwerkschulung, und jeder Administrator sollte es eigentlich auf Switches und Routern einstellen können: Quality-of-Service. Doch so einfach scheint es nicht zu sein, wie ein Roundtable zeigte, zu denen Network Computing und das Forum Konvergenz & Wireless eingeladen hatten. Mit Voice-over-IP und zunehmend auch mit Video-over-IP bekommt QoS zudem wieder mehr Aufmerksamkeit.

Die Teilnehmer des Forumsgesprächs:

* Roland Burlaga, Produktmanager VoIP, Lancom Systems

* Hans-Jürgen Jobst, Leiter Produkt- und Service-Marketing, Avaya Deutschland

* Mike Lange, Director Customer-Service, Business-Development & Product-Marketing, D-Link Deutschland

* Wolfram Maag, Consulting-Systems-Engineer, Cisco Systems

* Jochen Müdsam, Technical-Key-Account-Manager, Enterasys Networks

* Wolfgang Rieger, Enterprise-Business-Development-Director, Fast Lane

* Axel Simon, Sales-Specialist Mobility, HP Procurve

Audits helfen einem Unternehmen dabei, einen Überblick über das eigene Netz zu bekommen. Es gibt aber eine Lücke zwischen dem wünschenswerten und dem bezahlbaren. Hier diskutierten die Teilnehmer mögliche Kompromisse. QoS verlangt einiges an Know-how bei Netzen, Sprache und Applikationen. Es bietet sich daher an, Audits extern zu vergeben. Die Runde sprach dabei über die Anforderungen, die sich an einen solchen Dienstleister stellen.

Ende-zu-Ende-Monitoring war für alle in der Runde wichtig. Trotzdem ist es gar nicht so einfach, überhaupt dorthin zu kommen, wie das Gespräch zeigte. Allerdings ist dies noch gar nichts, wenn es darum geht, übergreifende Regeln für QoS zu definieren. Dabei zeigte sich, dass bei kleineren Netzen manchmal Lösungen möglich sind, die sich bei großen so nicht empfehlen.

Mittlerweile gibt es mit 802.11e für QoS auf der Luftschnittstelle und 802.11r für schnelles Roaming auch entsprechende Standards im WLAN. Es reicht aber nicht, wenn die WLAN-Infrastruktur-Hersteller dies umsetzen. Lesen Sie im folgenden den ersten Teil der Diskussionsrunde. Den zweiten Abschnitt finden Sie ebenfalls auf Networkcomputing.de [1].

QoS-Audits: Immer noch ein Thema

»Das Thema Quality-Check ist immer noch ein Riesenpunkt«, so der Erfahrung von Hans-Jürgen Jobst, Leiter Produkt- und Service-Marketing bei Avaya Deutschland. Viele kleine und mittelständische Unternehmen gingen erst in Richtung VoIP. Hinter dem Netzwerk-Assessment stehe die Frage, ob das Netz für VoIP vorbereitet sei. Eine Forderung lautet für ihn, dass die Messungen Ende-zu-Ende erfolgten.

Roland Burlaga, Produktmanager VoIP bei Lancom Systems: »Eine Wireless-Controller-Architektur ist nicht nur gut, um ein WLAN auszurollen und zu steuern. Sie hilft auch, die Daten für das Monitoring zu konsolidieren.«

Größere Unternehmen wüßten um die Notwendigkeit von Voice-Audits, so Mike Lange, Director Customer-Service, Business-Development & Product-Marketing bei D-Link Deutschland. »Der Mittelstand verfährt hier mehr nach dem Motto Trial-and-Error.« Erst bei Fehlern werde genauer hingeschaut. Das Problem liegt für Lange darin, dass eine vernünftige Beratung eben auch Geld koste. Den Ausweg sieht er in einem VoIP-Quick-Check-up, der sich in zwei bis drei Tagen zu einem vernünftigen Preis realisieren lasse.

Ein wichtiger Punkt ist für Jobst, dass die Prüfung Hersteller-unabhängig erfolge. »Man gar nicht mehr überall sicherstellen, dass das Netz aus einer Hand kommt.« Für Wolfram Maag, Consulting-Systems-Engineer bei Cisco Systems, ist Hardware-Unabhängigkeit wiederum ein Wunschtraum: »Ein Audit muss auch dann noch Gültigkeit haben, wenn sich die Lastsituation im Netzwerk ändert, und dazu muss ich die Hardware im Detail kennen.« Dies verlange, dass der Auditor in den Switch oder Router hineinschaue, um zu sehen, wie dieser das Queueing mache. Die Signalisierung müsse teilweise anders behandelt werden als die Sprach-Daten-Ströme. Eine Durchsatzmessung alleine gebe das nicht her. Lange stimmt Maag zu, solange es »wirklich um einen Audit im technischen Sinn geht.«

Mit einem einzelnen Audit ist es für Wolfgang Rieger, Enterprise-Business-Development-Director bei Fast Lane, nicht getan: »Es gibt unterschiedliche Phasen in einem Projekt.« So müsse nach der Implementierung noch eine Feinjustierung kommen -- bis das Ganze eben laufe.

Roland Burlaga, Produktmanager VoIP bei Lancom Systems, findet das für mittelständische Unternehmen nicht realistisch: Diese schrecke die Aussicht ab, regelmäßige Audits zu machen, weil es Geld koste. Sinnvoll ist es für ihn, »wenn es eine echte Veränderung gibt wie bei der Erweiterung eines Netzes«. Auch Jobst sieht das so. Er würde das alles aber eher Consulting nennen. Bei VoIP sei das Monitoring im laufenden Betrieb aber wesentlich, so seine Erfahrung. Schwellwerte helfen für ihn, etwa schlechte Gespräche zu erkennen.

Axel Simon, Sales-Specialist Mobility bei HP Procurve, will bei der Prüfung nicht mehr zwischen LAN und WLAN unterscheiden. Letzteres sei ein weiteres Zugangsmedium, das zusätzlich Mobilität unterstütze. Für den Nutzer dürfe dies aber keinen Unterschied machen. Bei der Planung sei dies anders: Hier hätten WLANs ihre ganz speziellen Anforderungen.

Hans-Jürgen Jobst, Leiter Produkt- und Service-Marketing bei Avaya Deutschland: »Ein VoIP-Assessment muss Hersteller-unabhängig erfolgen, denn es lässt sich nicht sicherstellen, dass die Netzwerk-Ausrüstung aus einer Hand kommt.«

Bei einem WLAN ist für Rieger die Sache noch komplizierter: In einem Lager stehen heute Senfdosen im Regal. Am nächsten Tag sind es Ölfässer.« In beiden Fällen müsse die Ausleuchtung funktionieren. Für Burlaga gibt es noch einen wichtigen Punkt beim Monitoring: »Es muss maßvoll erfolgen. Die Erfahrung zeigt, dass sehr große Mengen an Daten gesammelt werden.« Gerade im Wireless-Bereich müsse es kein komplexer Audit sein, entgegnet Rieger. Es gehe um eine Feinjustierung.

Simon sieht bei offenen Standards einen wesentlichen Punkt: Sonst kämen Anwender bei Audits mit speziellen Merkmalen relativ schnell in Abhängigkeiten von Herstellern. Hier ist für ihn ein herstellerneutraler Audit ganz wichtig.

Maag hat jedoch eher die Situation im Blick, dass bei Audits meist schon ein Netzwerk installiert sei. Dann seien die Details der Hardware wichtig, die Hersteller-spezifisch seien, denn es gebe etwa für das Queueing leider keine Standards. Jobst dagegen fordert, dass VoIP-Tests unabhängig von der Netzwerk-Struktur beziehungsweise den Herstellern des Equipments erfolgen müssten.

Zwischen Wissen und Können ist ein Unterschied

Bei einem Partner für Audits zählt für Burlaga vor allem die Erfahrung. Das Messequipment lasse sich ja nach einer Schulung bedienen. Aber erst durch Praxiserfahrung wisse jemand, »an welchen Schrauben er drehen muss, wenn etwas nicht stimmt.« Rieger nennt dies die Unterscheidung zwischen »Wissenden« und »Könnenden«. Das Wissen komme über Schulungen. Manche machten dann die Fehleinschätzung, dass Software die fehlende Erfahrung ersetze.

Jobst hält eine Zertifizierung für Komponenten verschiedener Hersteller bei einem Audit-Dienstleister für wichtig: Ein Unternehmen habe ja schon Hersteller im Netz, mit denen es weiterarbeiten wolle. Dies spricht für Lange klar für ein Systemhaus. Dieses müsse sich natürlich das Know-how vom Hersteller holen. Zudem benötigten Systemhäuser Know-how im Netzwerkbereich, bei der Telefonie und auch ein wenig bei den eingesetzten Applikationen.

Mike Lange, Director Customer-Service, Business-Development & Product-Marketing bei D-Link Deutschland: »Für den Mittelstand ist ein VoIP-Quick-Checkup durch ein Systemhaus ein guter Kompromiss zwischen einem umfangreichen VoIP-Audit und vertretbaren Kosten.«

Für Jochen Müdsam, Technical-Key-Account-Manager bei Enterasys Networks, spielt die Art der Implementierung eine Rolle, wenn es um die Auswahl geht: Wolle ein Unternehmen nur zwei TK-Anlagen per VoIP-Trunk verbinden oder eine vollständige VoIP-Landschaft errichten, inklusive Mobility per WLAN? Das seien ganz unterschiedliche Anforderungen.

Für Maag gehört dazu auch eine entsprechende Ausbildung der Partner: So müssten Goldpartner die Schulungen für VoIP durchlaufen. »Dabei ist QoS ein wesentlicher Bestandteil.« Er gibt allerdings auch zu, dass dies eine erhebliche Investition bedeute. Lange hat die Erfahrung gemacht, dass sich mittelständische Händler hier teilweise sehr schwer täten. Hier sei man dann als Hersteller am Ende auch gefordert. Bei den großen Partner sei dies anders. Ein Problem liegt für Simon darin, dass eine Zertifizierung von Mitarbeitern vor allem herstellerspezifisch sei und weniger auf Grundlagen eingehe.

Für Lange macht es aber einen Unterschied, wenn ein Unternehmen erst vor der Einführung von Unified-Communications stehe. »Dann brauche ich ein Systemhaus mit beratendem Charakter, das am Ende auch die Auswahl trifft.« Dazu gehöre ein Hersteller-neutraler Ansatz. Jobst betont, dass die Implementierung keine monolithische Angelegenheit sei. Hier seien ganz unterschiedliche Parteien im Spiel wie das Systemhaus, die TK-Abteilung oder ein Service-Provider. Es gehe darum zu schauen, wo denn vielleicht der Switch-Experte sitze.

Monitoring ist weder einfach noch preiswert

Ein übergreifendes Monitoring ist für Jobst wichtig: Schließlich gehe es bei VoIP-Telefonaten auch um eine Ende-zu-Ende-Verbindung. Da gebe es Tools, die auf Anwendungsebene ein Monitoring machten. Besondere Bereiche sind für ihn das WAN und das WLAN. Letztlich gehe es um eine Umbrella-Anwendung, die das alles zusammenbringe. »Allerdings hat das Unternehmen vielleicht bestimmte Abschnitte wie das WAN gar nicht unter Kontrolle.«

Allerdings könne ein Unternehmen mit dem WAN-Service-Provider SLAs und Schnittstellen aushandeln, ergänzt Simon, um im Problemfall die Daten vom Provider zu bekommen. WLANs hätten besondere Anforderungen an das Monitoring und generierten große Mengen relevanter Daten, so Burlaga. Wireless-Controller seien deshalb die ideale Ergänzung solcher Umbrella-Lösungen.

Wolfram Maag, Consulting-Systems-Engineer bei Cisco Systems: »Von Cisco gibt es exzellente Design-Guides für QoS im Netzwerk. Diese sagen genau, was sich mit welcher Hardware für QoS bei hoher Last erreichen lässt.«

Ein ganzheitliches Monitoring ist für Müdsam wichtig. Dabei gelte es, auf Standards zu setzen. Dies bedeute etwa, die verschiedensten Meldungen (Traps) auszuwerten. So ergebe sich dann, welche Flows (Applikationen) im Netzwerk existierten. Eine Umbrella-Anwendung helfe, Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Events und Flows zu erkennen und diese so zu konsolidieren. Darauf aufbauend, gehe es darum, Änderungen im Netzwerk automatisch zu erkennen, wenn etwa plötzlich eine neue Anwendung auftauche.

Lange sieht das ganz praktische Problem, dass die wenigsten Unternehmen überhaupt ein Monitoring durchführten. Service-Level-Management-Tools fänden sich, wenn überhaupt, nur in großen Unternehmen. Die Werkzeuge seien zu teuer, als dass es sich die meisten leisten könnten, sie ständig im Einsatz zu haben. Auf der anderen Seite sei es aber besser, nicht erst im Problemfall anzufangen. Stattdessen gilt es systematisch auf der Ebene 7 anzufangen, und es dann auf die Konfiguration einzelner Geräte herunterzubrechen.

Das Problem ist es für Simon dabei, dass es für Unternehmen gar nicht einfach sei, dass entsprechende Know-how aufzubauen: »Es hat viel mit Erfahrung zu tun. Hier sieht er als Ausweg, von Systemhäusern einen Monitoringdienst in Anspruch zu nehmen. Das einfachste sei ein Wartungsvertrag. Es gebe aber auch Modelle, in denen der Systemintegrator über ein eigenes NOC (Network-Operation-Center) mehrere Kunden-LANs verwalte, und so auch über mehr Erfahrung verfüge.

Um den Aufwand des Monitorings zu verringern, schlägt Burlaga vor, im normalen Betrieb nur ein paar Parameter zu überwachen. Erst im Fehlerfall gelte es dann, tiefer zu gehen. Beim Monitoring könnten sehr viele Informationen zusammenkommen. Flössen diese Daten über das WAN, könnte dies dann sogar zum eigentlichen Problem werden, abgesehen von den Übertragungskosten.

Ein spezielles Problem liegt für Rieger darin, dass im IP-Telefonie-Bereich oftmals eine zentrale Instanz fehle, die das Kommunikationsnetz überwache. Auch wenn bei mehreren Master-IP-Telefonie-Systemen jedes einzelne eine Überwachung durchführe, sei dies keine Garantie, dass es etwa bei der verfügbaren Bandbreitenbelegung keine Konflikte gebe. So etwas könne passieren, wenn Anlagen von verschiedenen Herstellern existierten. Die Antwort heißt hier für Jobst Call-Admission-Control (CAC): Damit lasse sich festlegen, wie viele Gespräche gleichzeitig über das WAN erfolgen dürften. So etwas müsse aber schon bei der Planung sauber definiert werden.

Den zweiten Teil der Diskussionsrunde finden Sie nächste Woche ebenfalls auf Networkcomputing.de.

[1] http://typo3/http://www.networkcomputing.de/der-traum-fuer-netzwerke-qos-ueber-regeln-steuern/

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