Gemeinde mit fast 100 Prozent Glasfaseranschluss:
Breitband per Glasfaser auf dem Land ist nicht unmöglich

von Werner Veith (werner.veith@networkcomputing.de)

22.05.2009

Demnächst ist es so weit: Das ganze Dorf Oerel auf dem Land bekommt Breitband-Anschluss per Glasfaser mit Telefonie, Internet und Fernsehen. Dafür hat der Ort einen längeren Weg hinter sich. Das Angebot der Telekom hat nicht gepasst.

Alle Welt spricht von Breitband. Dabei ist die Anbindung von Orten mittlerweile auch ein politisches Thema. Die EU hat im Juli 2008 141 Millionen Förderung genehmigt. Außerdem gibt es die Breitbandinitiative der Bundesregierung. Auf der anderen Seite gibt es keine allgemeine Definition, ab welcher Verbindungsraten denn Breitband beginnt. Für die Gemeinden ist es nicht einfach, hier durchzublicken. Denn einmal fehlt ihnen das Know-how, mit welchen Technologien sich Breitband realisieren lässt und wie zukunftssicher diese sind. Zum anderen gibt es unterschiedliche Förderungsrichtlinien in den verschiedenen Bundesländern. Außerdem muss die Gemeinde einen Provider finden, der ihnen die Anschlüsse realisiert und auch betreibt. Oftmals sind auch schon Bereiche eines Ortes angeschlossen. Dann gilt es, die Bedingungen für einen Ausbau zu verhandeln. Hier gehen Provider aber teilweise sehr kalt mit den Gemeinden um. Hat sich eine Gemeinde entschieden, dies selbst zu realisieren, muss sie mit Gegenwind der Provider rechnen. Diese haben dann plötzlich doch Angebote in der Tasche, durch die das Gemeindeprojekt unwirtschaftlich werden kann. Mit all solchen Widrigkeiten hat das Dorf Oerel [1] im Landkreis Rotenburg/W. mit etwa 2000 Einwohner zu kämpfen gehabt. Mit viel Engagement und dem Konzept von Sacoin [2] geht das Glasfasernetz der Gemeinde am 1. Juni 2009 online. Nach 13 Monaten seit der Entscheidung bekommen nun fast alle Bürger nun über Glasfaser Telefon, Fernsehen und Internet.

Ab dem 1. Juni 2009 ist fast das gesamte Dorf Oerel mit Oerel, Barchel und Glinde mit Glasfaser für Breitbandanschlüsse versorgt.

Als 2004 der erste Firmenabzug stattfand, begann die Gemeinde Oerel umzudenken, und Breitbandanschluss als einen wesentlichen Standortfaktor zu begreifen. Außerdem gab es Probleme, Häuser und Baugebiete trotz einer sonst guten Infrastruktur zu vermarkten. Bis dahin existierten im Ort ISDN und einige DSL-Light-Anschlüsse mit 384 KBit/s. Erschwerend für eine Breitbandanbindung kam hinzu, dass die drei Dorfteile von Oerel (Oerel, Barchel, Glinde) an unterschiedlichen Vermittlungsstellen angeschlossen waren. Daraufhin begann die Gemeinde in 2008 mit einer Ausschreibung mit Interessenbekundung.

Dies führte dann zur Ausschreibung »Glasfaser in jedes Haus«, an der nur noch die Telekom, Ewetel und Sacoin teilnahmen. Keine der drei erfüllten alle Bedingungen. Dies ermöglichte es die Ausschreibung wieder aufzuheben. Allerdings war Sacoin mit ihrem Angebot recht dicht dran. Daraufhin ging es mit konkreten Verhandlungen mit dem Unternehmen weiter.

Sacoin setzt in ihren Glasfaser-Projekten das Customer-Premise-Equipment (CPE) »XON500.SVC« von Bktel als Endgerät ein, um Internet, VoIP und CATV bereitzustellen.

Die Lösung von Sacoin beruht darauf, nicht nur die Glasfaserleitungen zu verlegen und zu betreiben, sondern auch als Provider für Telefonie, Internet und Fernsehen aufzutreten. Damit sich das Vorhaben rechnet, muss eine bestimmte Anzahl von Haushalten einen Vertrag abschließen. Um diesen Wert zu ermitteln, berechnet Sacoin zunächst mal wie hoch die Ausbaukosten für die Glasfaseranschlüsse sind. Diese variieren je nach der Topologie des Dorfes. Je zerstreuter es ist, desto teuerer wird es, und umso mehr Menschen müssen mitmachen.

Dahinter steckt auch die eigentliche Herausforderung für die Gemeinde. Sie muss ihren Bürgern erklären, warum sie mitmachen sollen und welche Vorteile sie haben. Dies bedeutet viel Überzeugungsarbeit und ist mit einer Bürgerversammlung nicht getan. In Oerel gingen der Bürgermeister und zehn andere Paten quasi auf alle Bürger der Gemeinde zu. Lohn der Anstrengungen: Hier machen nahezu 100 Prozent mit.

Auf der anderen Seite geht es beim Modell von Sacoin darum, die wirtschaftlichen Strukturen aufzubauen. Dazu gründete Oerel und Sacoin eine gemeinsame GmbH, die »Oerel - Unser Ortsnetz [3] GmbH«, bei der die Gemeinde mindesten 25,1 Prozent Anteil besitzen muss. Maximal sind 49,9 Prozent möglich. Diese gemeinsame GmbH ist dann für Aufbau und Betrieb des Netzes verantwortlich. Dabei liegt die garantierte Bandbreite pro Anschluss bei 50 MBit/s für Up- und Download.

Durch diese Konstruktion behält die Gemeinde eine Sperrminorität, und kann nicht einfach über den Tisch gezogen werden. Auf der anderen Seite sichert die Mehrheit an der GmbH Sacoin die Möglichkeit, den Netzbetrieb eigenverantwortlich durchzuführen. Diese Konstruktion musste aber von der kommunalen Aufsicht zuvor geprüft und genehmigt werden. Auch Bürgschaften fallen darunter, wenn es um notwendige Kredite dafür geht. Nun zählt eine Breitbandversorgung nicht zu den kommunalen Aufgaben. Allerdings hat eine Gemeinde die Möglichkeit, wenn Unternehmen solche Aufgaben nicht mehr richtig wahrnehmen, zu entscheiden, dies selbst in Hand zu nehmen.

Um einen Glasfaser-Anschluss bekommen, mussten die Bürger einen entsprechenden Vertrag vor Beginn der eigentlichen Arbeiten unterschreiben. Dieser besagte auch, dass er nichtig wird, falls das Vorhaben nicht umgesetzt werden kann. Dabei läuft der Vertrag zunächst auf zwei Jahre. Danach ist eine monatliche Kündigung möglich. Dadurch kann die Unser-Ortsnetz-GmbH sicherstellen, dass sich die Investitionen sich auch rechnen. Denn die Bürger müssen dabei nichts für die Errichtung des Glasfaseranschlusses zahlen. Nicht alle wollen einen Triple-Play-Anschluss haben. Daher geht es auch einzeln oder Zweier-Kombinationen von Internet, Telefon und Fernsehen. Zwar können sich auch Nutzer auch nachträglich für eine Anbindung entscheiden. Dann fallen aber entsprechend hohe Anschlusskosten an.

Wie sehr den bestehenden Dienstleistern das Vorhaben im Auge war, zeigt auch eine Meldung [4] auf der Website der Gemeinde für November 2008. Hier wurden die Bürger gewarnt, dem Drängen nachzugeben, ihre bestehenden Verträge zu verlängern. Dies hätte zur Folge, dass sie für die nächsten 24 Monate nicht zum gemeindeeigenen Provider »Unser Ortsnetz wechseln könnten.

Durch die fast hundertprozentige Akzeptanz der Bürger in Oerel ist quasi die gesamte Versorgung in eigener Hand. Dies schafft auch Sicherheit. Denn diese Tatsache macht es für andere Provider sehr schwer, mit eigenen Lösungen einzudringen und den wirtschaftlichen Erfolg der Unser-Ortsnetz-GmbH zu gefährden. Sollte diese doch Pleite gehen, dann hat die Gemeinde das Vorkaufsrecht.

Der Grund dafür, dass Sacoin auch selbst Provider für Telefonie, Fernsehen und Internet ist: Nach deren Angaben waren alle Angebote von Providern deutlich teuerer waren, als es das Unternehmen selbst realisieren konnte.

[1] http://www.gemeinde-oerel.de/
[2] http://www.sacoin.com/index.html
[3] http://www.uo-net.de/index.php
[4] http://www.gemeinde-oerel.de/index.php?option=com_content&view=article&id=49:ersterspatenstich&catid=1:aktuelle-nachrichten&Itemid=28

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