Thema der Woche: Unified-Communications verschärft die Anforderungen:
Das Problem sind die Carrier

von Werner Veith (werner.veith@networkcomputing.de), Hadi Stiel

24.02.2009

Mittlerweile müssen Unternehmen bei Unified-Communications & Collaboration (UCC) nicht nur auf ihr LAN, sondern auch auf die Netze von Service- und Mobilfunk-Providern achten. Statements von Anbietern fordern vor allem die beiden letzteren zum Handeln auf.

Network Computing sprach mit Alcatel-Lucent [1], Helpline [2], Logica [3], Reliance Globalcom [4], Siemens IT-Solutions and Services [5] und T-Systems [6] über Unified-Communications & Collaboration (UCC). In ihren Statements schieben sie vor allem Service- und Mobilfunk-Providern den schwarzen Peter zu. Hier ist in ihren Augen großer Handlungsbedarf. Lesen Sie im Folgenden den ersten Teil der Aussagen.

Network Computing: Wie bewerten Sie die Kommunikationsvoraussetzungen für konvergente Echtzeit-Ströme innerhalb der lokalen Firmennetze?

Dr. Jörg Fischer, Leiter für Strategische Geschäftsentwicklung bei Alcatel-Lucent in Deutschland

Dr. Jörg Fischer, Leiter für Strategische Geschäftsentwicklung bei Alcatel-Lucent in Deutschland: »Mit Gigabit-Ethernet, sogar 10-Gigabit-Ethernet, ist High-Performance selbst für sehr sensible Ströme wie bei Video-Konferenzen mit ihren extrem hohen Synchronisationsanforderungen kein Problem. Die eigentlichen Schwierigkeiten beginnen jenseits der LAN-Schnittstellen. Die hier zur Verfügung stehende Bandbreite ist um Dimensionen geringer. Besonders deutlich driften die Übertragungsraten von LAN- und mobilen Verbindungen auseinander.«

Ingo Wupper, Director Solutions-Consulting Central-Europe bei Reliance Globalcom

Ingo Wupper, Director Solutions-Consulting Central-Europe bei Reliance Globalcom: »Um die Anforderungen an ein Netzwerk zu definieren, ist es wichtig, die Ziele des Unternehmens und sein Umfeld zu verstehen. Dazu gehören die Applikationen, ihr Stellenwert für das Geschäft und die zu Grunde liegende Infrastruktur. Dienste wie Sprache und Video ändern nichts an diesem Ansatz. Es sind nur weitere geschäftskritische Anwendungen, die entsprechende Service-Level stützen müssen.«

Dirk Martin, geschäftsführender Gesellschafter der Software-Gruppe Helpline: »Auf den ersten Blick erscheinen die Voraussetzungen für geschäfts- und flusskritische Prozesse im LAN ideal. Höhere Bandbreite über das Ethernet, bei Bedarf bis hin zu den Arbeitsstationen, gibt es genügend. Allerdings ist die Bandbreite nur ein Faktor. Für verlässliche Geschäfts- und Kommunikationsprozesse muss eine hohe Verfügbarkeit und Performance hinzutreten.«

Network Computing: Wie sehen die Voraussetzungen für UCC in den Weitverkehrsnetzen aus?

Thomas Gläsner, Practice-Manager Strategy & Business-Transformation bei Logica

Thomas Gläsner, Practice-Manager Strategy & Business-Transformation bei Logica: » Die Unternehmen versprechen sich mehr Schlagkraft und schnellere Reaktionen durch mehr Flexibilität und Mobilität bei ihren Mitarbeiter. Aus diesem Blickwinkel geben die Voraussetzungen jenseits der LAN-Schnittstellen den Ausschlag für mehr oder weniger erfolgreiche Business-Modelle. Doch genau hier besteht in puncto Bandbreite, Verfügbarkeit und Erreichbarkeit noch Nachholbedarf.«

Fischer: »Für einen qualitativ hochwertigen Geschäftsauftritt in der Fläche sind Bandbreiten von 6 MBit/s (DSL 6000) und 24 MBit/s (ADSL2+) zu wenig. Letzteres wird bisher kaum geboten. Das gilt erst recht für die drahtlosen Verbindungen mit 384 kBit/s (UTMS), 7,2 MBit/s (HSDPA) und 11 MBit/s (WLAN). Zumal zu geringe Bandbreiten auch zu lange Antwortzeiten zur Folge haben. Bei UMTS sind das unvertretbare 21 Sekunden. Hier muss einiges passieren.«

Martin: »Gleiches gilt für die Fernverbindungen: Das Prozess- und Störungsmanagement des Providers ist entscheidend dafür, auf welchen Verfügbarkeits- und Performance-Grad die Unternehmenskunden zählen können. Dazu sollte ein professionelles Service-Management zur Unterstützung in Problemfällen zählen. Die meisten Service-Provider müssen diesen Schritt allerdings erst noch gehen.«

Network Computing: Wie sieht speziell bei den Anforderungen für drahtlose Kommunikation bei Prozessen mit integrierter Sprache und Video?

Frank Westermann, verantwortlich für Strategie und Marketing-Kommunikation Telekommunikation bei T-Systems

Gläsner: »Mit Kommunikationskonzepten wie Triple- und Quadruple-Play verschwimmen die Grenzen zwischen Festnetz und drahtloser Kommunikation. Das gilt gleichermaßen für den Business- wie für den Consumer-Bereich. Es versteht sich von selbst, dass angesichts dieser Entwicklung die drahtlose Kommunikation kräftig nachziehen muss. Nur dann werden für die Kunden die Ende-zu-Ende-Prozesskonzepte aufgehen.«

Frank Westermann, verantwortlich für Strategie und Marketing-Kommunikation Telekommunikation bei T-Systems: »Derselbe Trend spiegelt sich auch auf der mobilen Seite wider. So baut T-Mobile ihre HSDPA-Kapazitäten (High-Speed-Download-Packet-Access) mit 7,2 MBit/s ebenso zügig aus wie ihre Hotspot-Präsenz. Die Impulse dafür kommen nicht nur von Applikationen aus dem UCC-Umfeld. Auch die digitalisierte Lebens- und Arbeitswelt mit Location-Based-Services auf mobilen Stadt-Portalen und neue E-Commerce-Technologien führen zum Ausbau der Übertragungskapazitäten.«

Jürgen Sebulke, Experte für Unified-Communications bei Siemens IT-Solutions and Services: »UMTS reicht für ein professionell betriebene Unified-Communications völlig aus. Potenzielle Durchsatzengpässe für Audio-/Daten-Ströme lassen sich dadurch entschärfen, dass Sprache über GSM-Verbindungen übertragen wird. Oder der Bandbreitenbedarf wird beispielsweise durch Microsofts dynamischen Kodex reduziert. Ist Echtzeit-Video sinnvoll, helfen temporär installierte DSL-Anschlüsse in hoher Bandbreite weiter.«

Network Computing: Was muss passieren, damit bei WAN- und drahtlosen Verbindungen die Kommunikation besser wird?

Jürgen Sebulke, Experte für Unified-Communications bei Siemens IT-Solutions and Services

Fischer: »Die Provider werden erheblich in Bandbreitenerweiterungen sowie dazu passende Management- und Abrechnungswerkzeuge investieren müssen. Dazu gehört auch eine durchsatzstärkere und verlässlichere Kerninfrastruktur. Dieses Jahr sollte durch Managed-Services auch für Verbindungen in der Fläche und Preis-pro-Port-Modelle geprägt sein. Es könnte aber sein, dass viele Anbieter sich weiterhin lediglich auf Flatrates versteifen.«

Wupper: »Drahtgebundene und drahtlose Verbindungen sind Komponenten des Kommunikationssystems. Um dieses effizient zu unterstützen, muss die Qualität dieser Verbindungen verstanden und in die Gesamtlösung eingefügt werden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Ende-zu-Ende-Verbindung der Technologien. Übergreifende Servicevereinbarungen garantieren dabei, dass Applikationen entsprechend der Unternehmensanforderungen gemanagt werden.«

Sebulke: »Für UC in der Fläche reichen die Voraussetzungen aus. Video-Konferenzen und Online-Collaboration sollten die Unternehmen derzeit nicht überbetonen. Deshalb ist es für die Firmen so wichtig, mit dem richtigen Integrations- oder Servicepartner über die passende und lohnende Kommunikationsstrategie zu sprechen. Hier gilt es, die Lösung Schritt für Schritt festzulegen und zunächst mit einem Projekt zu starten.«

Network Computing: Was müssen die Provider zu den geforderten Verbesserungen beitragen?

Dirk Martin, geschäftsführender Gesellschafter der Software-Gruppe Helpline

Gläsner: »Wenn die Provider ihren Part zu sehr performanten und hoch verfügbaren konvergenten Kommunikationsabläufen beitragen wollen, werden sie bei Qualität und Leistungsverbindlichkeit zulegen müssen. Die Stichworte dazu lauten mehr Bandbreite, Managed-Services und Ende-zu-Ende-Fluss-Garantien. Gewinner im Markt werden die Anbieter sein, die dieses Anforderungsprofil der Unternehmen frühzeitig aufnehmen.«

Martin: »Sie werden deutlich in Service-Management-, Abrechnungs- und Serviceline-Werkzeuge investieren müssen, um ihren Part entlang der Prozessketten erfüllen zu können. Nicht zuletzt Unified-Communications, Videokonferenzen und Online-Collaboration setzen sie unter Druck. Ihr Elan in diese Richtung wird maßgeblich dafür sein, ob die Unternehmen ihre flexiblen Business-Modelle erfolgreich umsetzen können oder nicht.«

Sebulke: »Die Provider sollten bei den Mobilfunk-Betreibern auf Bandbreiten- und Verbindungsqualitäts-Verbesserungen drängen. Und sie können ihren Part zu einer besseren Integration der mobilen Seite beitragen. Mit Wimax deutet sich beispielsweise bereits ein Performance- und Qualitätsschub an. So wird auch drahtlos der Einsatz von Echtzeit-Video allmählich näher rücken. Wichtig ist der Aufbau der mobilen Lösung von Anfang an.«

Hadi Stiel ist freier Journalist in Bad Camberg.

[1] http://www.alcatel-lucent.com/wps/portal/!ut/p/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLd4w3cvUESUGYpvqRKGIG8Y4IkSB9b31fj_zcVP0A_YLc0IhyR0dFAP5IQE8!/delta/base64xml/L0lJayEvUUd3QndJQSEvNElVRkNBISEvNl9BXzVGMS9kZV9kZQ!!?lu_lang_code=de_DE&LMSG_CABINET=Corporat
[2] http://www.helpline.de/
[3] http://www.logica.com/germany-logica+home+page/350235585
[4] http://www.relianceglobalcom.com/
[5] http://www.it-solutions.siemens.com/b2b/it/de/deutschland
[6] http://www.t-systems.de/

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