Vom Fachhändler zum Infrastrukturberater:
Server und Storage-Projekte: Auf das Ganze kommt es an

von Michael Hase (michael.hase@crn.de)

02.10.2009

Hardware-Projekte erfordern in Zeiten der Virtualisierung eine ganzheitliche Herangehensweise: Server und Storage dürfen nicht isoliert betrachtet, sondern müssen in ihrem Zusammenspiel innerhalb der gesamten IT-Landschaft gesehen werden. Durch diese Entwicklung ist der Fachhändler nicht nur als Technologielieferant gefragt, sondern zunehmend in der Rolle des Infrastrukturberaters.

»In Projekten wird verstärkt ein ganzheitlicher Ansatz im Vordergrund stehen.« Erwin Leichter, Marketing- und Vertriebsdirektor bei Antauris

Das Hardware-Geschäft war früher einfacher: Brauchte ein Kunde zusätzliche Rechenleistung oder waren seine Server abgeschrieben, kaufte er beim lokalen Systemhaus ein paar Rechner ein oder ließ die alte Hardware gegen neue austauschen. Ähnlich ging der Anwender bei der Beschaffung von Storage-Komponenten vor, wenn sein Bedarf an Speicherplatz wuchs oder schlicht eine Modernisierung der Systeme anstand.

Inzwischen hat sich die Herangehensweise bei Hardware-Projekten vielfach geändert. Seit Anwender zunehmend Virtualisierungstechnologie einsetzen, um die Ressourcen ihrer Systeme effizienter zu nutzen, rücken beim Austausch einer Hardware-Komponente meist andere Bereiche der Infrastruktur unmittelbar mit ins Bild.

Die Entwicklung führt dazu, dass Projekte wie beispielsweise ein Server-Upgrade ganzheitlicher als früher angegangen werden. »Im Gegensatz zu klassischen Generationswechseln, bei denen alte Hardware gegen neue Produkte ausgetauscht wurde, ist es nun wichtiger denn je, die Server nicht isoliert, sondern im Zusammenspiel mit den Storage-, Virtualisierungs- und Systemmanagementlösungen zu betrachten«, betont Klaus Rumsauer, Director Enterprise Server & Storage bei HP. Wenn der Kunde das Potenzial einer solchen Modernisierung vollkommen ausschöpfen und die maximale Effizienz erreichen wolle, sei eine ganzheitliche Lösung nötig.

Know-how erforderlich

»Virtualisierung ist der Kitt zwischen der Server- und der Storage-Welt.« Marc Fischer, Vice President der IBM Systems & Technolgoy Group (STG)

»Damit werden Projekte für Reseller aber zunehmend komplexer«, leitet der HP-Manager aus dem Trend ab. Auf Seiten des Channel-Partners sei »ein breites Spektrum an Know-How erforderlich«. In jedem Fall müssen sich Server- und Storage-Systemhäuser laut Rumsauer künftig stärker auf ganzheitliche Konzepte ausrichten und gemeinsam mit Kunden an umfassenden Lösungen arbeiten.

Diese Einschätzung teilt man im Channel: »Heutzutage muss ein Systemhaus vielfältig und flexibel auf die wachsenden Ansprüche an die IT-Infrastruktur reagieren«, bestätigt Erwin Leichter, Marketing- und Vertriebsdirektor beim Hamburger Systemhaus Antauris. »Wir sehen diesem Trend positiv entgegen und rechnen weiterhin damit, dass in Projekten verstärkt ein ganzheitlicher Ansatz im Vordergrund stehen wird.« Treiber für das Zusammenwachsen der Infrastrukturbereiche sei die Virtualisierung und Dynamisierung der IT-Landschaften. »Die Antauris AG hat schon in den vergangenen Jahren diesen Trend erkannt und sich aus gutem Grund sowohl auf Server- als auch auf Storage-Virtualisierung spezialisiert.«

Virtualisierung und Dynamisierung treiben auch aus Sicht von Marc Fischer, Vice President der IBM Systems & Technolgoy Group (STG), den Trend zu ganzheitlichen Konzepten. »Virtualisierung ist der >Kitt< zwischen der Server- und der Storage-Welt.« Die Technologie liefere die Basis dafür, dass Unternehmen mit ihrer IT-Infrastruktur schneller und flexibler auf veränderte Anforderungen reagieren können. »Viele unserer Kunden betreiben Server-Virtualisierung, um ihre Ressourcen besser auszunutzen und das Management effizienter zu machen«, berichtet Fischer. Und diese Kunden fragten sich zu Recht, »warum sie diese Vorteile nicht auch für ihre Storage-Systeme nutzen sollten«.

Intelligente Konzepte

»Ein Anwender darf sich mit einer Server- und Storage-Konsolidierung keine neuen Problemfelder schaffen.« Klaus Rumsauer, Director Enterprise Server & Storage bei HP

Tatsächlich bleibt Virtualisierung auf halber Strecke stehen, wenn sie sich auf Server beschränkt. Im Kern beruht die Technologie darauf, Hardware und Software logisch voneinander zu entkoppeln. Dadurch lassen sich mehrere virtuelle Maschinen parallel auf einem Server betreiben. Dynamisch ist eine Infrastruktur aber erst dann, wenn virtuelle Maschinen je nach Auslastung der Ressourcen über die Grenzen physikalischer Server hinweg migrieren. Voraussetzung dafür ist, dass sich alle Daten in einem virtuellen Speicherpool (Shared Storage) befinden, in dem die physikalischen Grenzen der einzelnen Speichereinheiten aufgehoben sind.

Ansonsten wären virtuelle Maschinen nach einer Migration von ihren Daten abgeschnitten. Aus dem gleichen Grund lassen sich Konzepte zur Hochverfügbarkeit, bei denen ausgefallene Maschinen auf einer anderen Hardware neu gestartet werden, nur auf Basis eines Shared Storage realisieren.

Die Möglichkeiten der Virtualisierungstechnologie schöpft der Kunde folglich erst dann voll aus, wenn sie auch auf die Speichersysteme angewendet wird. Damit ist eine übergreifende Herangehensweise, die sich auf beide Hardware-Kategorien erstreckt, schon im Konzept der Virtualisierung angelegt. Letztlich müsse ein ganzheitlicher Ansatz aber noch weiter ausgreifen, meint IBM-Manager Fischer. Der IT-Konzern stelle sich dieser Anforderung, »indem wir vor mehr als einem Jahr unsere Agenda der Dynamic Infrastructure definiert und schrittweise umgesetzt haben«.

Das Konzept ziele darauf ab, Innovationen zu unterstützen, Betriebskosten zu senken, Services zu verbessern und Risiken zu minimieren. Der IBM-Hardware-Chef spricht von einem »ganzheitlichen Ansatz, der nicht beim Server oder beim Storage-System aufhört«. Virtualisierung, Automatisierung und Energieeffizienz sind die Kernthemen, die sich Fischer zufolge wie ein roter Faden durch das Dynamic Infrastructure-Konzept hindurch ziehen. Nicht zuletzt gehe es darum, das Management einer Systemlandschaft durch automatisierte Abläufe zu vereinfachen und effizienter zu machen.

Systemmanagement gilt auch beim Wettbewerber HP als Thema, das mit der Virtualisierung stärker in den Mittelpunkt rückt. Denn virtualisierte IT-Infrastrukturen sind wesentlich dynamischer als klassische IT-Landschaften, so dass für das Management spezielle Software erforderlich ist, wie HP-Manager Rumsauer erläutert: »Das Geschäft verlagert sich also weg von reiner Hardware und hin zu intelligenten Konzepten, die aus Hardware, Software und Services bestehen.« Für den Server- und Storage-Chef spielen dabei die betriebswirtschaftlichen Anforderungen des Kunden eine zentrale Rolle und zwingen zu einem ganzheitlichen Ansatz.

Denn Kunden streben nach seiner Erfahrung oft Kosteneinsparungen im deutlich zweistelligen Prozentbereich an. »Das ist nur zu realisieren, wenn über einzelne Hardware-Inseln hinaus das gesamte Infrastruktur-Konzept bis hin zu den Geschäftsprozessen, die damit verbunden sind, neu entworfen wird.«

Beratung und Planung wird immer wichtiger

»Die Planungs- und Consulting-Phase gewinnt bei Infrastruktur-Projekten mehr und mehr an Gewicht.« Marc Müller, Geschäftsführer von Azlan

Auf der anderen Seite müsse ein Anwender aber auch darauf achten, »dass er sich mit einer Server- und Storage-Konsolidierung keine neuen Problemfelder schafft«, warnt Rumsauer. So dürfe etwa die Netzwerkanbindung nicht zum Flaschenhals werden, wenn mehrere Server auf einem einzigen konsolidiert werden, und die Ausfallsicherheit der Systeme müsse weiterhin gewährleistet sein.

Tatsächlich wirken sich Störungen umso gravierender aus, wenn die einzelnen Bereiche der IT-Lanschaft enger miteinander verzahnt sind. »Durch die Virtualisierung betreffen Probleme in der Infrastruktur nicht mehr nur isolierte Systeme, sondern können ganze Umgebungen in ihrer Funktion beeinträchtigen«, gibt Marc Müller, Geschäftsführer von Azlan, der VAD-Sparte des Broadliners Tech Data, zu bedenken. Auch für den Distributionsmanager besteht kein Zweifel daran, dass »das klassische Local Area Network (LAN) und das Speichernetzwerk immer enger zu einer integrierten Rechenzentrums-Architektur zusammenwachsen«.

Dadurch stellen sich in Infrastrukturprojekten heute wesentlich höhere Anforderungen an die Planung als früher. »Während die Implementierungsphase durch moderne Technologien immer einfacher zu realisieren ist, gewinnt die Planungs- und Consulting-Phase bei solchen Projekten mehr und mehr an Gewicht«, legt Müller dar.

In diesem Trend erkennt der Azlan-Chef zugleich eine Chance für den Channel: Server- und Storage-Spezialisten können sich nach seinen Worten insofern weiter entwickeln, als ihre Kompetenz zunehmend in der Planungsphase gefagt ist. »Denn Fehler in dieser Phase lassen sich später nur noch mit hohem Geld- und Zeitaufwand bereinigen.« Daraus folgt, dass IT-Fachhändler künftig stärker als bisher in der Rolle von Infrastrukturberatern gefordert sind. Dafür sei es aber notwendig, resümiert Müller, »dass sich Systemhäuser in Zukunft noch deutlich stärker spezialisieren«.

Scheinbar in eine andere Richtung geht die Forderung an den Channel, die IBM-Manager Fischer aus dem gleichen Trend ableitet: »Für Business Partner von IBM bedeutet die Marktentwicklung, sich noch stärker als bisher ganzheitlich auszurichten: vom dedizierten Spezialisten zum Lösungsanbieter.« Offenbar sieht der Manager aber Spezialisierung und Ganzheitlichkeit als zwei Seiten einer Medaille an: Eine ganze Reihe von IBM-Partnern sei gerade deshalb erfolgreich, betont Fischer, »weil sie sich spezialisiert und mit Lösungskenntnissen profiliert haben, über die längst nicht jedes Systemhaus verfügt«.

Tatsächlich gehören sowohl die Spezialisierung als auch die Fähigkeit, ganzheitliche Konzepte zu entwickeln, zu den Anforderungen an Systemhäuser im Infrastrukturgeschäft. Einerseits müssen sie heute über spezialisierte Kenntnisse verfügen; andererseits sollten sie einen weiten Horizont besitzen, der es ihnen erlaubt, Infrastrukturen in ihrer Gesamtheit zu überblicken. Ein Spagat, den offenbar auch Antauris-Manager Leichter sieht. Der Vertriebsprofi ist davon überzeugt, dass »Spezialkenntnisse in den Bereichen Server- und Storage allein in Zukunft nicht mehr ausreichen«. Vielmehr benötigten Systemhäuser darüber hinaus Know-how in den Bereichen Netzwerk, Security und Applikationen.

Wie Leichter meint, sollten Reseller diese Entwicklung zum Anlass nehmen, »über die Zusammenarbeit in so genannten Projekt-Tandems nachzudenken«. Gerade wenn Spezialkenntnisse in verschiedenen Breichen gefordert sind, werden Systemhäuser wohl solche Arbeitsgemeinschaften bilden müssen. Denn nach Ansicht des Antauris-Managers »wird nicht jeder die Investitionen in das Know-how seiner Mitarbeiter tätigen können, die notwendig sind, um das gesamte Anforderungsprofil abzudecken«.