Unified-Communications:
Video erobert das Unternehmensnetz

von Thomas Boele

08.11.2007

Mit Anwendungen wie Video-Conferencing, Live-Streaming und Video-on-Demand erobern unidirektionale wie bidirektionale Bilddatenströme die Welt der Unternehmensnetze.

Die zweite Hälfte der 90er Jahre hat eine Entwicklung in Richtung konvergenter Netze gebracht, in welchen Sprache, Daten und Video gemeinsam übertragen werden – auf der Basis des Internet-Protokolls. Synergie- und Einsparungseffekte sind mittlerweile so offenkundig, dass diese Entwicklung hin zur multimedialen Kommunikation nicht mehr aufzuhalten ist.

Geographisch weit verteilte Unternehmen mit zahlreichen Standorten lassen sich kostengünstig und mit hohen Bandbreiten miteinander vernetzen, drahtlose Netzwerk-Infrastrukturen bieten auch Bandbreiten, die einen Echtzeitbetrieb in Ton und Bild erlauben.

Auch im Bereich der privaten Anwender haben sich deutliche Veränderungen ergeben – DSL ist nahezu flächendeckend zu konkurrenzfähigen Preisen verfügbar – und das in Downstream-Datenraten von derzeit bis zu 16 MBit/s, was auch bei geringeren Datenraten vollkommen ausreichend für den Zugriff auf Multimedia-Angebote ist.

Auf dem Weg zum Experience-Provider

In urbanen Ballungszentren existieren auch weitere Angebote für Breitband-Internet-Zugänge, beispielsweise via Kabel oder Ethernet-to-the-Home (ETTH). Service-Provider werden sich zwangsläufig weg vom reinen Leitungsanbieter hin zu Experience-Providern weiterentwickeln, um weiterhin in der Gunst der Kunden zu stehen.

Mit dieser Entwicklung einhergehend werden sich traditionelle Broadcaster – Sendeanstalten des öffentlichen Rechts wie auch private Anbieter – neuen Marktanforderungen und auch neuen, recht finanzkräftigen Wettbewerbern stellen müssen.

Die Benutzer sind dabei, ihr Konsumverhalten in Folge sich ständig erweiternder Möglichkeiten stufenweise vom passiven Fernseh-Zuschauer hin zum aktiven »Empowered Consumer« zu entwickeln.

Der Benutzer wird sich gezielt die Sendungen und Serien aussuchen, die er sehen will, egal wann und von wo, hinzu werden Möglichkeiten der Interaktion im Rahmen von Gaming-Communities oder Service-Angeboten kommen. Den nächsten Schritt stellt dann die Verarbeitung des Erlebten und eigener Inhalte zu Blogs, Remixes und eigenen Sendungen und deren Live-Schaltung auf dem Internet dar.

Videokommunikation auf dem Vormarsch

Video ist mithin das Schlüsselmedium für diese Entwicklung – nur die Kombination bewegter Bilder mit dazugehörigem Ton ist dazu geeignet, dem Anwender und Betrachter das zu vermitteln, was man in diesem Zusammenhang als »Experience« bezeichnet, dazu gehören:

  • Gemanagete Video-Applikationen wie Video-on-Demand, digitales Video-Recording im Netz oder mobiles IPTV,
  • Videokommunikationsdienste wie Video-Conferencing, Video-Telephonie und interaktives Fernsehen,
  • Over-the-Top«-Video-Applikationen für die Lieferung von Inhalten auf andere Devices, beispielsweise mobile Endgeräte.


Die Nutzung dieser Dienste ist in Folge der IP-Technologie prinzipiell nicht mehr durch die Art der Zugangstechnologie limitiert – IP ermöglicht die Darstellung jeglicher Dienste über jedes beliebige Netzwerk.

Im Business-Umfeld finden die unterschiedlichsten Technologien Anwendung – solche für bidirektionale Echtzeitkommunikation und solche zur Verbreitung von Inhalten im Modus »One-to-Many« – live oder bei Bedarf.

Video-Conferencing

Für verteilte nationale und internationale Unternehmen ist das Thema Video-Conferencing nichts neues – Konferenz-Systeme sind seit Mitte der 80er Jahre verfügbar. Die Vorteile von Video-Conferencing liegen auf der Hand: Einsparung von Reisekosten, erhöhte Produktivität durch eingesparte Reisezeit, Beschleunigung von Entscheidungsprozessen, Zusammenarbeit geographisch verteilter Teams und vieles mehr.

Dabei können integrierte Kommunikationstechnologie und neue Möglichkeiten der Online-Collaboration hilfreich sein. In Zeiten von Web 2.0 und Breitband-Internet wächst eine neue Generation von Anwendern heran, die eine Arbeitsumgebung erwarten, die sehr stark mit visuellen, interaktiven und kontext-bezogenen Elementen arbeitet, beispielsweise via Mashups. Idealerweise kann man diese Arbeitsumgebung mitnehmen – beispielsweise auf einem mobilen Gerät oder über portable Applikationen.

Die ITU definiert drei übergeordnete Standards für Videoconferencing: ITU H.320 für Videoconferencing über öffentliche Telephonnetze via ISDN, E1/T1- oder Satellitenverbindungen. ITU H.323 ist der Standard für Multimedia-Anwendungen beziehungsweise VC über lokale Datennetze.

SIP und SCCP ersetzen H.323

Frühe Implementierungen von LAN-Telephonie haben ebenfalls H.323 verwendet. Moderne Protokolle wie das Session-Initiation-Protocol der ETF (SIP) oder Ciscos Skinny-Station-Client-Protocol (SCCP) laufen H.323 derzeit jedoch den Rang ab. Ein weiterer Standard, H.324, beschäftigt sich mit der Übertragung via herkömmliche Analog-Leitungen.

In industriellen, militärischen und öffentlichen Organisationen werden noch zumeist Video-Koferenz-Systeme auf der Basis von H.320 verwendet. Doch auch hier zeichnet sich eine zunehmende Verbreitung der auf dem Internet-Protokoll basierenden Lösungen ab. Derartige Lösungen sind einfacher zu implementieren, im Betrieb kostengünstiger und besser skalierbar.

Die im Video-Bereich verwendeten Codecs sind überlicherweise H.261 mit Bandbreiten von 128 bis 768 kBit/s, H.263 mit Bandbreiten von 128 kBit/s bis 2 MBit/s und Frame-Raten von bis zu 30 Frames pro Sekunde sowie H.264 von 128 kBit/s bis zu 2 MBit/s oder höher sowie herstellerspezifische Breitband-Codecs mit Bandbreiten von bis zu 7 MBit/s. Im Audio-Bereich finden sich Codecs wie G.711, G.723.1, G.728, G.729, G.722 oder andere, herstellerspezifische Breitband-Codecs.

Bestandteile einer Videokonferenz-Lösung

Eine derartige IP-basierte Lösung besteht in der Regel – egal, ob klein, mittel oder groß – aus folgenden Komponenten:

  • Einem Call-Management-System für Verbindungsauf- und -abbau.
  • Multipoint-Control-Units (MCUs) für den Aufbau von Video-Konferenzen mit mehreren Teilnehmern auf der Basis von H.323, SIP oder SCCP.
  • Video-Konferenz-Endgeräten mit Mikrofonen, Bildschirm und Kamera. Diese Systeme können als Standalone-Systeme in Form von portablen All-in-One-Devices oder festmontierten Rauminstallationen beziehungsweise als Arbeitsplatz-System zur Installation als Add-on auf einem Notebook oder Personal-Computer verfügbar sein. Diese Elemente können verschiedene Protokolle einzeln oder gemeinsam unsterstützen.
  • H.320-Gateways, H.323-Gatekeeper, SCCP-, SIP- und H.323-Conference-Bridges für den Aufbau von Video-Konferenzen zwischen Systemen unterschiedlicher Standards.
  • Eine echtzeitfähige IP-Infrastruktur.


Neben Desktop- und Standalone-Endgeräten für Video-Conferencing besteht die Möglichkeit, handelsübliche professionelle Arbeitsplatzrechner und Notebooks mit einer USB-Kamera und einer Software auszustatten, so dass derartige Rechner innerhalb kürzester Zeit zu vollwertigen Einzelplatz-Video-Konferenz-Systemen werden.

Zusätzlich gibt es Telepresence-Systeme, mit welchen man Punkt-zu-Punkt- oder Punkt-zu-Multipunkt-Video-Konferenzen mit einer bisher nicht gekannten Qualität und Authentizität ausgerichtet werden können. Damit können ganze Konferenz-Räume miteinander verbunden werden, die Teilnehmer werden in Lebensgröße dargestellt, Sprache und Video werden in High-Definition-Qualität mit geringer Latenz übertragen.

Entsprechend hoch sind die Anforderungen an die dazwischen geschalteten Daten-Netze und -Leitungen. Auch werden hierfür auf Grund der hohen Leistungsanforderungen eigens dafür designte MCUs, Kameras, Displays und Audio-Komponenten benötigt.

Streaming-Media-Applikationen im Unternehmen


Die Umsetzung von Broadcasting im Netz in Analogie zu Radio und Fernsehen bezeichnet man als Audio- und Video-Streaming oder kurz Streaming-Media. Multimedia-Daten werden hierbei regelmäßig empfangen und in einem Viewer/Player oder im Browser wiedergegeben. Die Mediadaten können live oder auf Abruf per Unicast oder Mulitcast verbreitet werden. Mögliche Einsatzbereiche im Unternehmen sind unter anderem:

  • Management-Kommunikation (»Executive Communications«),
  • Produkt-Ankündigungen und -Updates,
  • Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern sowie
  • rasche Verbreitung von kritischen Informationen zum Themenbereich »Regulatory Compliance«.


Neben den bereits für den Bereich Video-Conferencing genannten Vorteilen wie Reduktion der Reisezeiten und -Kosten, Erhöhung der Mitarbeiter-Produktivität durch effektive und schnelle Kommunikation ergeben sich weitere Vorteile durch die Möglichkeit für jeden einzelnen Mitarbeiter, sich gezielt und bei Bedarf zu spezifischen technischen und vertriebsorientierten Themen weiterzubilden sowie erhebliche Einsparungseffekte in Folge der Vermeidung von Produktions- und Materialkosten, die in der herkömmlichen Mitarbeiterweiterbildung und Kommunikation anfallen.

Werbung via Video

Neue Anwendungsbereiche von Streaming-Media sind beispielsweise Digital-Signage-Systeme, über die Botschaften, Video-Werbung und andere verkaufsfördernde Inhalte in Läden, Einkaufszentren, Flughäfen und anderen Bereichen auf gut exponierten Displays dargestellt werden können.

Zusätzliches Potential für Streaming-Technologien findet sich auch im Bereich physikalische Sicherzeit, beispielsweise bei der Übertragung von Bildern von Überwachungskameras über die vorhandene IP-Infrastruktur.

Komponenten von Streaming-Media-Systemen

Für die Bereitstellung von Streaming-Media wird eine Reihe von Komponenten, Protokollen und Algorithmen benötigt, darunter:

  • Encoder für die Konversion von analogen (Audio- oder Video-)Signalen in digitale Daten.
  • Decoder für die Konversion von digitalen in analoge Signale.
  • Transcoder für die Konversion von einem digitalen Datenformat in ein anderes.
  • Codecs für die Kompression/Dekompression von Media-Daten,
  • Media-Server für das Vorhalten von bereits vorhandenen Inhalten,
  • Media-Management-Software für Programm- und Komponenten-Management,
  • Media-Portale für den Zugriff auf Live- und On-Demand-Programme sowie
  • Medial-Player und Plugins für die Darstellung des Streaming-Content.


Auf dem Markt haben sich diverse unterschiedliche Video-Streaming-Protokolle, Container-Formate und Kompressionsverfahren verbreitet. Diese Container enthalten in der Regel einen Audio- und einen Video-Stream, erweiterte Formate ermöglichen die Integration von weiteren Inhalten wie Menüstrukturen, was beispielsweise eine kostengünstige Lokalisierung von Trainings-VoDs ermöglicht.

Weit verbreitete Formate sind unter anderem das Flash-Video-Format von Adobe, Apple-Quicktime, Divx-Media-Format, Microsoft-ASF, diverse MPEG-Formate sowie Realnetworks Realmedia.

Die Steuerung der Streaming-Media-Datenströme erfolgt in der Regel via Real-Time-Streaming-Protocol (RTSP). Da RTSP ein textbasiertes, bidirektionales Protokoll ist, können Nachrichten sowohl vom Server als auch vom Client initiiert werden. Der Transport der Stream-Daten erfolgt in diesem Zusammenhang schließlich via Real-Time-Transport-Protocol (RTP) in UDP-Paketen.

Quality of Service sicherstellen

Eine Überwachung der QoS-Parameter in überschaubaren Installationen kann über Real-Time-Transport-Control-Protocol (RTCP) erreicht und sichergestellt werden. Neue Ansätze zur Vermeidung von Problemen bei der Übertragung von Streaming-Media finden sich im Datagram-Congestion-Control-Protocol (DCCP). Andere Streaming-Server verwenden HTTP oder eigene Protokolle wie Adobes Real-Time-Messaging-Protocol (RTMP) oder Microsoft-Media-Services (MMS).

Moderne IP-basierte Netzwerke bieten die ideale Plattform für den unternehmensweiten Einsatz von Business-Video-Technologien.

Als Folge der zunehmenden Verbreitung von Multimedia im privaten Sektor werden eben diese privaten Anwender diese neuen Möglichkeiten – insbesondere Streaming-Media – zu schätzen wissen und im Zweifel auch im beruflichen Umfeld einfordern, falls diese nicht automatisch im Unternehmen angeboten werden. – Analysten sprechen in diesem Zusammenhang von der »Consumerization«.

Thomas Boele
Technical Marketing Manager, Cisco Systems