10-Gigabit-Ethernet:
Hindernisse auf dem Weg zur Datenautobahn
Runder Tisch: Forum Datacenter & Infrastruktur – Der Status quo und die weitere Entwicklung rund um die passiven und aktiven Komponenten waren Thema der Zusammenkunft, zu der Network Computing eingeladen hatte – Zündstoff genug für hitzige Diskussionen. Die aktuelle Marktsituation sorgte für zusätzliche Spannung.
(Fortsetzung des Artikels von Seite 8)
André Gerlach, Sprecher der Bildungsinitiative der Netzwerk-Industrie (BdNI), forderte eingangs die Runde auf, zum aktuellen Stand der Normierung für die passiven Komponenten im Sog des 10-Gigabit-Ethernet Stellung zu nehmen.
Hans-Jürgen Niethammer, Leiter europäisches Marketing bei Tyco Electronics und involviert in verschiedenen Normierungsgremien: »Die Applikations-Norm IEEE 802.3AN für Kupferverkabelung ist bereits seit Sommer 2006 ratifiziert. Die Verkabelungs-Komitees sind daran gegangen, die Channel-Werte für die Klasse EA (bis 500 MHz) und FA (bis 1000MHz) festzulegen.« Die Reihenfolge der Normierung: Erst werde die Norm international, danach für Europa, schließlich für Deutschland fixiert. Die Zeit deutscher Alleingänge sei endgültig vorbei.
ISO 11801 habe für die Normierung der Channel-Werte das Amendment 1.1 für EA und FA vorgeprägt. Die Standardisierung der Link- und Komponentenwerte im Rahmen des Amendment 1.2 ist nach Niethammer in den USA gerade erst gestartet worden. Er geht davon aus, dass zumindest der Draft für die erste Normierungsänderung in der kommenden Sitzung in Korea Anfang September, trotz taktischen Geplänkels der Hersteller, verabschiedet werden wird. Die Channel-Hauptparameter der Klasse E bezeichnet er als stabil. »Auf dieser Basis wird für die Klasse F auf 500 MHz extrapoliert, für die höhere Frequenz der so genannte Alien-Next-Effekt hinzugerechnet.«
Niethammer gibt sich optimistisch: »Ist der Draft 1.1 in trockenen Tüchern, wird das für die Kunden, die Unternehmen gleichbedeutend mit Planungssicherheit für 10G sein.« Messgeräte, welche die kommenden Channel-Standards berücksichtigten, gebe es bereits. Er verweist auf den deutschen Beitrag zum Amendment 1.2 unter den Fittichen der ISO: »Sie hat sich für das Matrixmodell der Fachhochschule Reutlingen entschieden, um darüber die Channel-Werte auf die Komponentenwerte herunterzubrechen.« Für die Bestimmung der Komponentenanforderungen habe das ISO-11801-Gremium ein vereinfachendes, auf Excel basierendes Modell von Tyco Electronics akzeptiert. Daraus, wiederum, könnten die Hersteller Leitfäden für ihre Produktentwicklungen ableiten.
Alleinstellungsmerkmale
Hadi Stiel, freier Journalist und Mit-Moderator der Runde, fragt, wo bei soviel Standardisierungsbestrebungen die Alleinstellungsmerkmale der Kupferverkabelungssystem-Hersteller blieben.
Stefan Klotzbücher, Distribution-Account-Manager für Schweiz + Deutschland bei Fluke Networks, in dieser Funktion auch für die Kabelmessprodukte zuständig: »Alleinstellungsmerkmale hin, Alleinstellungsmerkmale her: Die Planungs- und Ausführungssicherheit für unsere Kunden ist uns wichtiger.« Mit dem kommenden Channel-Standard sieht er – ähnlich wie Niethammer – gute Voraussetzung für die Kunden geschaffen. Allerdings räumt er ein: »So lange das Amendment 1.2 nicht durch ist, werden wir normkonform nur den Channel prüfen können.«
Gerlach wittert ob späterer Normierungsschritte mögliche Draft-Differenzen. »Die Produktoptimierung ist weiterhin der Normierung voraus.« Werden neue Drafts verabschiedet, könnten die später nicht den Parametern in den Verkabelungsprodukten entsprechen. »Also, meine Herren, wie schützen Sie ihre Kunden, damit die nicht mehr die negativen Erfahrungen wie mit der Einführung der Klasse E durchleben müssen?«
Mario Schleider, System-Application-Manager bei Tyco Electronics, verweist auf das ratifizierte Dokument IEEE 802.3AN für 10 Gigabit. Damit liege ein stabiler Applikations-Standard für die Unternehmen vor, auf den sie vorbehaltlos und ohne Frucht vor späteren Unstimmigkeiten bauen könnten, ist er überzeugt. »Werden zusätzlich die Verkabelungskomponenten im Link gemäß den Channel-Vorgaben verbaut, können die Unternehmen und Planer sicher sein, dass selbst 10-Gigabit-Applikationen darüber vollends lauffähig sind.« Zumal die Installateure im Feld auf Testgeräte für eine Abnahme nach den neuen Channel-Vorgaben zurückgreifen könnten. »Werden anschließend gemäß diesen Vorgaben die Komponenten getestet, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.« Das alles mache die Unternehmen und Planer weitgehend unabhängig von der weiteren Normierung.
Niethammer verdeutlicht durch das eigene Garantieprogramm, wie solide er den bisherigen Normierungsstand für die Kunden und Planer erachtet. »Wir bieten für das Kupferverkabelungssystem und über den Applikations-Standard eine 25-Jahres-Garantie auf 10-Gigabit-Performance. Sobald die Verkabelungsnorm da ist, werden wir das Garantiedokument zügig auf den neuen Stand hin erweitern.«
Gerlach lenkt die Aufmerksamkeit der Runde auf die messtechnische Seite. Wonach sollen die Installateure eigentlich messen? Nach Applikationen oder Klassen? Niethammer zeigt auf die Applikationsnorm IEEE 802.3AN, räumt aber ein, dass es bisher noch keinen kompletten Standard für das Messen im 10-Gigabit-Bereich gebe. »Also doch ein messtechnisches Niemandsland?“«, provoziert Stiel.
»Diese Ausgangsituation hatten wir schon bei der Kategorie 5, Klasse D, Klasse D 2000, Klasse 2002 und Klasse E«, versucht Thomas Hüsch, Technischer Leiter bei Psiber Data, zu entschärfen. »Die Drafts und Standards kommen nach und nach. Erst dann ließ sich und lässt sich nach diesen Vorgaben allgemein verbindlich messen.«
»Kann die Applikation gemäß den Channel-Vorgaben überhaupt gemessen werden?«, fragt Hüsch. Klotzbücher verweist auf die Channel-Werte für 10G, außerdem auf einen Sicherheitspuffer für die Planer und Kunden. »Das hat für beide den Vorteil, dass sie sich gegenüber dem Klasse-E-Standard der Vergangenheit zumindest auf stabile Draft-Vorgaben für den Channel verlassen können.« Hüsch lässt nicht locker: »Also erst Messen der Channel-Werte nach IEEE 802.3AN, danach die Channel-Werte der ISO heranziehen, um irgendwann auf standardisierte Permanent-Link-Werte umzuschwenken?«
Schleider versucht zu dämpfen: »Die Channel-Werte der ISO sind gesetzt. Die Permant-Link-Werte sind auch ohne Draft relativ stabil.« Dennoch räumt er ein: »Mit 10 Gigabit müssen neue Parameter in die Designphase einbezogen werden, die teils noch nicht verbindlich vorliegen.« Daraus ergäben sich weitere Fragen: »Wie kann der Planer seine Ausschreibung dennoch fixieren? Werden traditionelle Messtechniken ausreichen?« Eins sei angesichts dieser Ausgangssituation klar: »10-Gigabit-Planer müssen deutlich mehr überlegen, damit später die Applikationen über die komplette Link-Länge beanstandungslos laufen.«
Außerirdische unterwegs
Heimo Adamski, Regional-Director für Zentral- und Südosteuropa bei SMC Networks, macht für die Seite der aktiven Komponenten wie Switches und Router klar: »Für uns zählen verabschiedete Standards. Denn nur so können wir über unsere Produkte für die Anwender die Abläufe auf Applikationsebene sicherstellen.«
Gerlach zeigt auf die Außerirdischen in der Verkabelung, Alien-Next, und fragt in die Runde: »Wem obliegen eigentlich diese komplexen Prüfungen: dem Verkabelungskomponenten-Hersteller oder dem Planer und Installateur?«
Schleider spielt den Ball weiter: »Der Planer muss wissen, was er ausschreibt, und demzufolge die Verkabelungstechnik einsetzen. Sieht er sich den Channel genau an und entscheidet er sich für ein qualitativ hochwertiges Verkabelungssystem mit entsprechenden Widerstandswerten, kann er sich Alien-Next-Messungen, um Übersprecheffekte abzufangen, gegebenenfalls sparen.« Erfülle das Verkabelungssystem diese Eigenschaften unter den Feldbedingungen nicht, müsse er sich des Themas Alien-Next-Messungen bei der Ausschreibung annehmen. Je besser das Verkabelungssystem sei, desto einfacher fielen die Messungen aus..
»Wir bieten die Geräte, den Alien-Crosstalk zu messen«, informiert Klotzbücher. »Aber in den Standardisierungsgremien werden der Übersprecheffekt und die Maßnahmen dagegen noch diskutiert.« Deshalb gebe es bisher nur Richtlinien, deren Funktionieren im Feld erst jetzt mit den ersten Installationen geprüft werden könnte. Klotzbücher geht davon aus, das noch ein, zwei Jahre ins Land gehen werden, bevor vernünftige, tragfähige Richtlinien für Alien-Next-Messungen zur Verfügung stehen werden. »Damit hat vorerst der Planer die Designaufgabe, diesen Effekt zu bewerten, um die richtige Entscheidung hinsichtlich der Verkabelungstechnik treffen zu können.«
»Bei 10 Gigabit steuert das Unternehmen auf den Alien-Next-Effekt zu«, räumt Schleider ein. »Deshalb müssen weitere Parameter betrachtet und in die Messungen einbezogen werden.« Ein zukunftssicheres Kupferverkabelungssystem sei dennoch das beste Rezept, solche Messungen gering zu halten.
Gerlach gibt zu bedenken, dass bisher erst wenige 10-Gigabit-Applikationen absehbar seien. Und die Planer, die dennoch auf diese Datenautobahn aufführen, seien meist überfordert, die Hochgeschwindigkeit auf die Verkabelungsspur zu bringen. Er spricht in diesem Zusammenhang von »viel Halbwissen unter den Planern«.
Es darf nichts kosten
Gerlach rekapituliert, dass mit der Einführung von dienstneutralen Verkabelungen in den 90er-Jahren das Geschäft dem klassischen Elektroplaner und Installateur in den Schoß gefallen war, ohne dass der Spielregeln hätte einhalten müssen. Das habe den Weg zu einer laschen Planung geebnet. »Heute erwarten die Planer, dass die Netzwerk-Infrastruktur ohne großes Zutun läuft.« Die Gewerke seien aber mittlerweile übergreifend und wesentlich komplexer geworden. »Wir sprechen heute über Hochfrequenztechnik. Dazu kommen die Erdung, der Potenzialausgleich der Anlagen und die EMV-Problematik.« Die elektrotechnische Seite müsse also verstärkt mit betrachtet werden.
Auch die Abhängigkeit der Unternehmen von der IT- Infrastruktur wachse. Gerlach geht davon aus, dass 70 Prozent der Planungen »stark überarbeitungswürdig« seien. Deshalb sei die BdNI im Gespräch mit der deutschen Versicherungswirtschaft und dem VDS-Verband. „Wir diskutieren ein dreistufiges Qualitätsmodell, das sich teilweise an der EN 50174 orientiert«. Die BdNI werde dem VDS-Verband drei neue Richtlinien vorlegen: »zur Qualifizierung des Planers, des Installateurs und zur Abnahme durch einen unabhängigen Dritten«.
»Spätestens mit 10 Gigabit müssen die Planer kommen, ob sie wollen oder nicht«, schätzt Klotzbücher von Fluke Networks ein. Ihre Fehler seien bisher auf der schnellen Datenautobahn nicht aufgefallen, weil die 10-Gigabit-Applikationen fehlten. Das werde sich aber schnell ändern. »Wollen die Unternehmen für das Plus an kompetenter Planungs- und Installationsleistung überhaupt zahlen?«, wirft Stiel ein.
Bildungsnotstand
»An einer höheren Planungs- und Ausführungsqualität wird für alle Beteiligten mit 10 Gigabit kein Weg vorbeiführen«, konstatiert Hüsch. Andererseits registriert er, dass heute die Bereitschaft der Unternehmen, für Messtechnik mehr Geld auszugeben, schwindend gering sei. »Man erwartet von den Herstellern und Dienstleistern, dass das Netzwerk fehlerfrei läuft.« Dass die Hersteller ihrerseits in Messgeräte, Materialeinsatz und Zeitaufwand investieren müssten, kümmere die Auftraggeber wenig. »Für die Planer und Installateure wird es hart werden, wenn 10-Gigabit-Applikationen die Schwachstellen ihrer Arbeit entblößen werden«, prophezeit Klotzbücher. Er empfiehlt beiden Gruppen, näher an die Hersteller zu rücken, um sich helfen zu lassen.
Gütesiegel als Kundenschutz
Bei der Einführung des Industrial-Ethernet im Bereich der »Industriegebäude und Automatisierungsvernetzung« werde den Automobilisten bereits Angst und Bange, wenn sie über die Qualität ihrer Netzwerk-Infrastruktur nachdenken, registriert Gerlach. Hier wachse die Sensibilität für eine professionellere Planung und Installation. Für die meisten anderen Branchen und speziell den Mittelstand sieht er dagegen schwarz. „Sub-Sub-Sub-Verhältnisse bei der Auftragsvergabe, Geiz-ist-Geil-Mentalität bei den Entscheidern und Bildungsnotstand unter den Planern und Installateuren schaukeln einander hoch.« Fehlende gesetzliche Regelungen förderten diese Entwicklung zu Lasten der Qualität des Verkabelungssystems. Um solchen im ausbildungsfreien Raum entgegenzuwirken, mache sich die BdNI für ein Gütesiegel stark.
Co-Moderator Stiel schaut auf den globalen Markt und wundert sich: »Wie soll ein solches Gütesiegel in China bei einer Sub-Sub-Sub-Vergabe in Geiz-ist-Geil-Mentalität greifen? Gerlach plädiert für kleine Schritte. »Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir das BdNI-Gütesiegel in Deutschland hätten. Denn wir haben hier mit Blick auf geschirmte Systeme und Anlagen einen technologisch sehr anspruchsvollen Markt.«
Wenig Schadenssensibilität
Klotzbücher verweist darauf, dass alle Schulungsinhalte in Form adäquater Mess-Tools und Methoden präsent seien, einschließlich einer qualifizierten Abnahme des Verkabelungssystems. Er blickt in die USA: »Dort schreibt das Bildungsprogramm der BICI das Level der Qualifizierung vor. Nicht nur das: Dieses Niveau muss Jahr für Jahr von den Planern und Installateuren nachgewiesen werden.« Ein solches Bildungsprogramm oder Gütesiegel wünscht er sich auch für Deutschland.
„Wo ist die Schulungssensibilität am geringsten?«, fragt Stiel in die Runde. »Bei den Planern, Installateuren oder in den Unternehmen?«
»Dieses Manko geht vom Kunden aus und durchzieht die gesamte Ausführungskette«, moniert Niethammer. Tyco Electronics behelfe sich in dieser Situation durch eigene Schulungen für Planer und Installateure, schon um über zertifizierte Kräfte eine Performance-Garantie von 25 Jahren einräumen zu können. Doch selbst diese Langzeitgarantie werde auf dem deutschen Markt kaum angenommen, stellt er enttäuscht fest. Das liege auch daran, dass man nur die Techniker anspreche.
»Genau das ist das Problem«, stimmt Klotzbücher zu. »Wir sprechen unsere Kunden in der Hierarchie ziemlich weit unten an. Das Unternehmensmanagement erreichen wir nicht.« Schleider wundert sich ob des mangelnden Schadensbewusstseins in den Unternehmen, wenn das Netzwerk plötzlich steht. »Erst wenn solche Schadensszenerien das Management wachrütteln werden, wird sich am Status quo der Ansprache etwas ändern.«
Adamski von SMC Networks spricht in diesem Zusammenhang von »Learning bei Schmerzen«. „Bis dahin werden Gespräche um die Qualität der passiven und aktiven Netzwerk-Infrastruktur von den Kunden mit Blick auf die Zusatzkosten weiterhin abgewiegelt werden.« Auch die fortschreitende Standardisierung habe diese Haltung gefördert: rein stellen, anstellen, geht. Nur genau das, so der SMC-Networks-Director, werde mit 10G nicht mehr funktionieren. Für ihn stellt sich die Frage, wer die Power hat, den Unternehmen auf dem Spartrip das klarzumachen.
Hannes Bauer, Technischer Leiter bei Microsens, kann die Haltung der Unternehmen nachvollziehen: »Als Telekommunikationsdienst können die Kosten der 10-Gigabit-Technologie (STM-64/OC-192) auf viele User umgelegt werden.« Beim LAN-Einsatz von 10 Gigabit sei das anders. »Er muss sich über deutlich weniger Nutzer amortisieren.« Außerdem sei der Leidensdruck in den Unternehmen gering, weil sie bereits Fast-Ethernet, teils 1 Gigabit, an den Endgeräten bereitstellten.
Timur Özcan, Leiter der technischen Abteilung für Managed-Services bei Brain Force, fühlt sich als Vertreter eines Systemhauses dennoch in der Informationspflicht. »Wir versuchen, unsere Kunden aufzuklären.« Aber auch er winkt ab: »Ihre Bereitschaft, für qualitativ höhere Leistungen zu zahlen, ist kaum vorhanden. Nicht einmal die Beratung hinsichtlich möglicher Folgen und Schäden vermag zu sensibilisieren.« Denn die meisten Unternehmen sehen mittlerweile die Herausbildung der Netzwerk-Infrastruktur wie den Neukauf eines Autos an: einsteigen und abfahren.
Ob nicht in der Produktion die Sensibilität für mehr Qualität größer sei, will Stiel wissen.
Klotzbücher erkennt das dort schon. »Hier ist man gewohnt, in Qualitätsmaßstäben zu denken. Entsprechend werden im Produktionsbereich höhere Preise für mehr Qualität bezahlt.« Außerdem fürchte man dort Ausfälle, weil die Schadenszahlen dafür auf dem Tisch lägen.
Für andere ablaufsensible Bereiche wie Rechenzentren beobachtet Schleider: »Die Kommunikation wird bald wortkarg, wenn wir auf mehr Qualität für eine höhere Ausfallsicherheit hinweisen.« Schließlich würden die günstigsten Verkabelungskomponenten genommen. »Die wiederum werden aus irgendwelchen Dokumentationen abgeleitet, unabhängig davon, wie alt sie sind und von wem sie stammen.« Das gehe in den Rechen- und Datenzentren zu Lasten der Qualität. Hüsch zeigt auf den Qualitätsstandard ISO 177990 für Rechen- und Datencenter, inklusive der Vorgabe von Qualitätsstufen. »Befolgt werden sie jedoch selten. Erst wenn es richtig wehgetan hat, ist plötzlich das Geld für eine Qualitätssicherung da, sogar über alle Protokollebenen bis hin zur Schicht 7.«
Messprobleme im Feld
Entsprechend erschreckend fallen nach Schleider auf Grund des falsch verstandenen Sparkurses die Messtechnik und Permanent Link-Messungen aus. »Mess-Spitzen mit begrenzter Lebensdauer werden nicht ausgetauscht. Die Messgeräte werden nicht kalibriert. Software-Updates werden nicht aufgespielt.« Geprüft werde mit »ausgelutschten« Messstrippen. »Danach wundert sich das Unternehmen über die Messergebnisse und beruft unter anderem den Hersteller zum Rapport auf die Baustelle.« »Wir müssen unbedingt den Planern diese Zusammenhänge klarmachen«, betont Hüsch – »und zwar, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.«
Zumal die Luft mit 10 Gigabit laut Gerlach immer dünner wird. Er sieht für die Unternehmen die Stunde der Wahrheit mit der Multimedia-Verkabelung, Triple- und Quadruple-Play sowie eine umfassende Konvergenz näher rücken. »Alle diese Ströme werden zunehmend flusskritischer, bis hin zur Synchronität zwischen der Bewegtbild-Ausgabe und simultaner Sprachausgabe.«
Niethammer signalisiert, dass man als Hersteller einerseits mit Real-Time-Monitoring des Verkabelungssystems gegenüber solchen Anforderungen Position bezogen habe. »Darüber wird ad hoc erkannt, welcher Switch an welchem Port des Patch-Pannels hängt, ebenso wenn Patch-Kabel neu gesteckt werden.« Andererseits sei der Erfolg solcher Lösungen in Deutschland bescheiden. »Security hat viel Geld abgeschöpft«, schätzt Klotzbücher ein. »Denn das Sicherheitsthema hat das Management gehörig sensibilisiert.« Jetzt fehle die Investitionsbereitschaft für die passive und aktive Infrastruktur, mutmaßt er.
BdNI-Sprecher Gerlach fordert die Teilnehmer auf, auf die Entwicklungen der LWL-Seite einschließlich der Messungen einzugehen.
Neues auf LWL-Seite
Klotzbücher weist darauf hin, dass OTDR-Messungen (Optical-Time-Domain-Reflectometry) gemäß dem Standard 14763-3 durchführbar seien, jedoch nur als Erweiterung zu einer Dämpfungsmessung. Dieser Standard mit einer klar definierten Messvorschrift für den Glasfaser-Bereich inklusive der Messmittel sei ein Schritt nach vorn. Damit sei ein zweistufiger Test festgelegt: erstens als Pflichtprogramm zur Dämpfungsmessung, zweitens für die Qualitätssicherung einer OTDR-Messung. Allerdings, so Klotzbücher, sei das Referenzmodell für die Stufe 1 noch umstritten, weil zwei Vorschlagsmodelle konkurrierten. »Klassische OTDR-Messungen sind ohne Dämpfungsmessung aber keine standardkonformen Abnahmemessungen«, schränkt er ein. »Sie sind lediglich dafür geeignet, Ereignisse zu beurteilen und Fehler zu suchen.« Beispiele dafür seien die Beurteilung von Spleißen und Steckverbindungen sowie der Faserdämpfung.
Hüsch bezweifelt, dass die Qualität von Glasfasern in Bezug auf die Bandbreite im Feld geprüft werden könne. Klotzbücher räumt ein: »Bisher sind solche Bandbreitemessungen nur im Labor möglich.« Nach Schleider ist der Faserkauf beim Hersteller ohnehin Vertrauenssache. Und die Hersteller könnten viel versprechen, wenn die Leistungswerte im Feld letztlich nicht nachweisbar seien. Hüsch bezeichnet gegenüber der Vergangenheit das Risiko, schlechte Glasfaser einzukaufen, aber als niedrig. »Mittlerweile steht weltweit gerade mal eine handvoll Hersteller in harter Konkurrenz.« Eine schlechte Verarbeitung der Glasfasern zum Kabel oder eine mangelhafte Installation könne viel eher zu Qualitätsverlusten führen. »Außerdem ist die Messtechnik für LWL verhältnismäßig teuer.« Zudem erfordere das Prüfen der Anschlüsse viel Know-how.
Nach seiner Einschätzung reicht die Dämpfungsmessung als Abnahmetest aus. »Aktive Komponenten haben bestimmte Sendepegel. Empfänger müssen bestimmte Empfangspegel auflösen. That´s it.« Deshalb sei die LWL- im Vergleich zur Kupferkabel-Messtechnik ein wenig trivialer. Das will Klotzbücher so nicht stehen lassen. »Auf den Strecken, wo OTDR für eine hohe Qualität der verlegten Komponenten ran muss oder eine Fehlersuche erforderlich wird, ist die LWL-Messtechnik aufwändiger.« Bei den Strecken, auf denen die Dämpfungsmessung ausreiche, falle hingegen der Messaufwand im Vergleich zur Kupferverkabelung geringer aus. Auch diese Unterscheidung mache das LWL-Kabel zu einer Herausforderung für die Planer.
»Die Extreme im Glasfaserbereich können groß ausfallen«, bestätigt Schleider. Er warnt deshalb die Planer und Installateure davor, ohne notwendiges Know-how die Glasfaser-Verkabelung neben der Kupferverkabelung einfach mitzubearbeiten.
Stiel rät den Teilnehmern, beide Medien, Kupferkabel und Glasfaser, nicht in Gegenpositionen zu bringen. Denn schließlich kämen in den meisten Gewerken beide Medien parallel zum Einsatz.
Schleider: »Deshalb müssen die Planer und Installateure in der Regel beide Verkabelungssysteme aus dem effeff beherrschen. Oder die Aufträge müssen separat an für das jeweilige Verkabelungssystem zuständige Planer und Installateure vergeben werden.« Weil das in der Praxis die Ausgangslage für die Unternehmen unnötig verkompliziere, fordert Klotzbücher die Planer und Installateure auf, sich in beiden Systemen ausbilden zu lassen. Niethammer fragt sich, wer die Norm für LWL im Markt verbreiten soll. Ohne die notwendige Bereitschaft bei den Unternehmen, Planern und Installateuren sieht er auch für LWL ein Informationsproblem.
»Wieso kriegt ein Verlag die Rechte für den Vertrieb sämtlicher Norm-Dokumente, und das für beide Verkabelungssysteme?«, fragt Hüsch. Das mache die Informationsgabe viel zu teuer. Eine Norm koste durchschnittlich 500 Euro. Bei 70, 80 oder 90 Normen komme so ein stattlicher Betrag zusammen. »Das muss die Bereitschaft der Kunden und Planer, normkonform zu handeln, einfach lähmen«, bemerkt er. Gerlach pflichtet bei: »Die Normen müssen als Checkliste via Internet über mehrere Ansprechpartner verfügbar sein. In gleicher Weise müssen die dazugehörigen Referenzen abrufbar sein.« Solange nur ein Verlag das Sagen habe, brauche sich keiner zu wundern, wenn die Botschaften bei den Planern und Unternehmen nicht ankämen. Die BdNI werde alles daran setzen, diesen unhaltbaren Zustand über ihre Technik-Kolloquien für Planer und Unternehmen publik zu machen.
Gerlach schwenkt über zu den aktiven Komponenten. »Wie ist auf dieser Seite der Stand der Normierung und Entwicklung?«
Keine 10-Gigabit-Apps
»Die Netzwerksysteme wie Switches und Router basieren alle auf verabschiedeten Standards«, informiert Adamski. Wenn sich auch die Netzwerk- und Chip-Hersteller anfangs mit der 10-Gigabit-Technologie schwer getan hätten: Mittlerweile stellten sie für diese hohe Geschwindigkeit gut funktionierende Karten zur Verfügung. Das gelte sowohl für Kupferkabel als auch LWL. »Was die Integratoren derzeit beschäftigt, ist die Schlüsselapplikation zu finden, um die schnelle Datenautobahn auszureizen«, bemerkt Adamski. Er kann solche Applikationen bisher nur im Produktions- und Fernsehbereich erkennen.
Gerlach sieht mehrere Applikationen, die Zug zum Zug die 10-Gigabit-Autobahnen füllen könnten. Er verweist auf künftige Multimedia-Anwendungen, Highspeed-Server im RZ bis hin zur SAN-Technologie, über die immer größere Datenmengen bewegt werden müssten.
Bauer relativiert: »10 Gigabit ist für jedes Unternehmensnetzwerk zwar sinnvoll.« Der Fokus dieser Technologie liege aber im Backbone-Bereich für die Kopplung zentraler Netzwerkverteiler. Diese Bandbreite müssten sich sämtliche User teilen. 10 Gigabit als Endgeräteanschluss erteilt er hingegen eine Absage. »Für den Endanwender ist diese Technologie nicht geeignet. Denn aktuell gibt es keine Applikation, die diese Bandbreite nur annähernd benötigt.« Selbst High-Definition-Video brauche diese großen Datenraten nicht. Außerdem: »Auf Grund der hierarchischen Verkabelungsstruktur im LAN ist 10 Gigabit am Arbeitsplatz ohnehin nicht sinnvoll.« Hier werde 1 Gigabit, auch mit Blick in die weitere Zukunft, völlig ausreichen.
Gerlach bezweifelt das. »Wir müssen durchgehende Datenautobahnen für die Zukunft zur Verfügung stellen. Nur so können die Investitionen der Unternehmen langfristig sichergestellt werden.« Außerdem sei der Einsatz der schnelleren Karten im Endgerätebereich eine Preissache. »Keiner diskutiert heute mehr über 1 Gigabit am Arbeitsplatz. Das wird bei den 10-Gigabit-Karten, sobald die Preise dafür deutlich nach unten gehen, nicht anders sein.«
Marktautomatismus
Niethammer stimmt zu. »Es war schon immer ein Fehler, den Bedarf an Bandbreite nach den gerade absehbaren Applikationen zu bewerten.« Er schreibt die Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Zukunft fort. Er geht für alle fünf bis sieben Jahre von einer Bandbreitensteigerung um Faktor 10 aus. Auch die IEEE denke voraus. »Dort hat man bereits begonnen, sich als Standardisierungsgremium der 40-Gigabit- und 100-Gigabit-Technologie anzunehmen.«
»Werden die 10-Gigabit-Karten auf dem Markt zu niedrigen Preisen geboten, werden die Unternehmen im Endgerätebereich danach greifen«, schätzt auch Klotzbücher ein. »Parallel werden das Angebot und der Bandbreitenbedarf über neue Applikationen einander hoch schaukeln.« Özcan stellt heraus, dass die Netzwerk- und Applikationshersteller selbst den Bandbreitenbedarf mit nach oben katapultierten, indem sie den Steuerdatenanteil in den Protokollen permanent steigerten. Er fordert von dieser Seite Protokoll-Optimierungsprozesse, um das Datenmengenproblem in den Unternehmensnetzen besser in den Griff zu bekommen. Welches Ausmaß der Steuerdatenanteil ungezügelt erreichen könnte, macht Stiel anhand eines SOA-Forschungsprojekts im Leibniz-Rechenzentrum in Garching bei München deutlich.
»Nach dem jetzigen Stand bewegt sich dieser Anteil bei 90 Prozent, bei nur noch 10 Prozent an transportierten Nettodaten.« Özcan plädiert für ein intelligenteres Netzwerkdesign, um der steigenden Datenflut entgegenzuwirken. »Mehr oder weniger hohe Datenaufkommen in den einzelnen Netzwerkbereichen sind letztlich ein Produkt der Strukturierung: zentrales oder dezentrales Konzept.« Daneben warnt er die Unternehmen davor, 10 Gigabit unreflektiert im LAN auszudehnen. »Das verschärft die Messproblematik. Zumal über die unteren Schichten hinaus auf den darüber liegenden Ebenen Fehler analysiert und eliminiert werden müssen.« Dieser Problemstellung rücke Brain Force gemeinsam mit Network General und eigenen Produkten wie Test-Access-Systems und Test-Access-Points zu Leibe.
»Jedes Projekt muss individuell angegangen werden«, meint Gerlach. Das heiße im Umkehrschluss: »Die Unternehmen müssen sich von vornherein klar über Geschäftsziele, Performance-Anforderungen und Netzdesign sein.« Und sie müssten in der längstfristigen aller IT-Investitionen, der Verkabelung, gehörig Zusatzpolster einbauen. »Denn sie können die Applikationen über mehr als eine Dekade nicht absehen.«
- 1. Seite: Hindernisse auf dem Weg zur Datenautobahn
- 2. Seite: Hindernisse auf dem Weg zur Datenautobahn (Fortsetzung)
- 3. Seite: Außerirdische unterwegs
- 4. Seite: Es darf nichts kosten
- 5. Seite: Messprobleme im Feld
- 6. Seite: Messprobleme im Feld (Fortsetzung)
- 7. Seite: Keine 10-Gigabit-Apps
- 8. Seite: Keine 10-Gigabit-Apps (Fortsetzung)
- 9. Seite: Marktautomatismus
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