Die Messlatte ist 10-Gigabit-Ethernet
Runder Tisch: Passive und aktive Netzinfrastruktur – Wie steht es um die Entwicklung der Netzinfrastrukturen aus Verkabelungssystem und aktiven Komponenten? Network Computing hatte zu diesem Thema zum Gespräch eingeladen. Spannend war die Agenda schon deshalb, weil 10-Gigabit-Ethernet die passiven wie auch die aktiven Komponenten mächtig unter Leistungs- und Qualitätsdruck setzt.
Wie sich schnell herausstellte, waren beide Seiten, Vertreter der passiven und der aktiven Komponenten, in der Runde unter der Moderation von André Gerlach, Sprecher der Bildungsinitiative der Netzwerkindustrie (BdNI), und Hadi Stiel, freier Journalist, kaum voneinander zu trennen. Und das war gut so: Letztlich ist es die Gesamtkonstruktion aus beidem, die aktuelle und künftige Dienste und Anwendungen mehr oder weniger gut in Szene setzt.
Verkabelung muss lange Stand halten
Gerlach sorgte gleich für die notwendige Einstimmung, indem er auf den langfristigen Charakter der Verkabelung, 10 bis 20 Jahre, verwies – im Gegensatz zu den schnelllebigen Netzwerkkomponenten. »Ist die Verkabelung erst einmal in der Wand, sollte sie im Interesse der Unternehmen langfristig allen Anwendungsanforderungen standhalten«, postuliert er. Anders bei Switches & Co. Hier stellten sich die Unternehmen alle zwei bis drei Jahre die Entscheidungsfrage. Entsprechend müsste sich die eine oder andere Fraktion mehr oder weniger Gedanken über künftige Einsatzszenarien machen.
»Ganz so schnelllebig ist der 10-Gigabit-Ethernet-Markt der aktiven Komponenten dann doch nicht«, schaltet sich Markus Hies, Consulting-System-Engineer bei Cisco, ein. So habe 10-Gigabit-Ethernet, der Leistungstreiber für die passive und aktive Seite, alles andere als einen Schnellstart hingelegt. »Fast fünf Jahre hat dieser Standard bis zur vollständigen Verabschiedung von 10GBaseT dieses Jahr gebraucht.« Zudem räumt er ein, das die 10-Gig-Technologie keine einfache Technologie sei – auch nicht für die Verkabelungsseite. Er verweist dazu auf die komplexe Transceiver-Technik und ihre Entwicklung. »Erste elektrische Varianten waren wenig erfolgreich. Die CX4-Kupfervariante hat auf Grund ihrer Längenrestriktion lediglich in den Rechenzentren Eingang gefunden.« Geändert habe sich die Ausgangssituation mit der LX4-Variante. Diese ist sowohl auf Multimode- als auch auf Singlemode-Fasern einsetzbar und hat sich als das »Schweizer Messer« im Campus-Bereich erwiesen, auch wegen der Preisgestaltung. »Diese Variante ist kaum teurer als die kurzreichweitige S-Variante und bietet mehr Flexibilität in der Reichweite.« Richtig ausgebreitet haben sich bisher nur die optischen Transceiver für Mono- und Multimode. Der Markt warte noch auf die T-Variante der Transceiver, die hier nach Hies auf Grund der Leistungsanforderung für 100 Meter Reichweite nicht vor 2007/2008 Eingang finden werde.
10 Gig ist in
Topp-aktuell sei 10-Gigabit-Ethernet dennoch: »Bei der Planung von Unternehmensnetzen ist diese Highspeed-Technik immer mit im Boot oder wird zumindest diskutiert«, registriert Hies. Er ist sich sicher: »Ab 3 bis 4 GBit/s Auslastung rechnet sich für die Unternehmen der Einsatz von 10GE im Backbone.« Im Campus-Bereich der Großunternehmen sei 10-Gigabit-Ethernet bereits State-of-the-Art, teils mit bis zu 200 Highspeed-Anschlüssen.
Für Thomas Schramm, Leiter der Abteilung Consulting bei Hirschmann, dort außerdem für die Entwicklung rund um IEEE 802.3 zuständig, steht außer Frage: »Der Markt wird die 10-Gig-Technologie zügig adaptieren. Innerhalb des 10-Gig-Standards 802.3ae gibt es zum ersten Mal bei der Ethernet-Normierung zwei verschiedene Geschwindigkeiten. Eine für den LAN-Bereich mit 10 Gigabit/s und eine Geschwindigkeit im WAN-Bereich mit 9,584 Gigabit/s (Sonet). Erste Treiber in Richtung dieser hohen Geschwindigkeiten waren die Filmstudios.« Seitdem bewege sich der Markt kontinuierlich auf einen immer höheren Bandbreitenbedarf zu. Schramm verweist unter anderem auf US-Internet-Service-Provider, die bereits offensiv auf 10 GBit/s setzten, daneben auf erste Krankenhäuser und Börsen. Er rät den Unternehmen, bei ihrer Entscheidung für die richtige Verkabelung und ihre langfristige »Haltbarkeit« die Eigendynamik des Geschwindigkeitszuwachses nicht zu unterschätzen, auch nicht im Endgerätebereich. »Vor sechs bis sieben Jahren hatte niemand an 1 GBit/s bis zum Arbeitsplatz gedacht. Heute gibt es die kombinierte 10/100/1000-Anschlusskarte für 10 Euro.« Er sensibilisiert die Unternehmen darüber hinaus, den Lawineneffekt innerhalb des lokalen Netzwerks nicht zu unterschätzen: »1-Gig-Endgeräteanschlüsse führen zwangsläufig zu 10 Gig im Backbone- und Etagenbereich.« Der Standard für 10-Gigabit-Ethernet über Glasfaser (IEEE 802.3ae) wurde 2002 verabschiedet. Der IEEE-Standard 802.3an, welcher die 10-Gigabit-Übertragung auf Kupferkabeln beschreibt, soll in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.
Siegfried Mayr, Sales-Director für den deutschsprachigen Bereich bei Allot Communications, schätzt die Bandbreitenausgangslage weit weniger progressiv ein und registriert Bedarf an 10 Gig dort, wo sich der Verkehr extrem ballt: »Wir sehen 10 Gig zurzeit vor allem im Backbone der Carrier und IP-Service-Provider. Zu den Verbrauchern hin würden von ihnen immer häufiger 100 MBit/s-Verbindungen angeboten, vorerst insbesondere in Japan.
Die Frage nach den Anwendungen
10-Gigabit-Ethernet für die meisten Teilnehmer mehr oder weniger ein Selbstläufer eventuell bis zu den Arbeitsplätzen: Das wollte Moderator Stiel so nicht stehen lassen. »Welche Anwendungen sollten soviel Bandbreite brauchen?« Selbst Fernsehstudios kämen für eine professionelle Filmbearbeitung vom Band mit 1,5 GBit/s komprimiert um Faktor 5, also 300 MBit/s aus.
Bernd Pfeiffer, Marketing-Communication-Manager bei Tyco Electronics, widerspricht: »Das ist kein Henne-Ei-Problem in dem Sinn, dass erst die Anwendungen da sein müssen, bevor die Verkabelungsinfrastruktur nachzieht oder umgekehrt.« Schon auf Grund der Langfristigkeit der Investition müsste die Verkabelung in Vorlage treten, damit sie in Zukunft neuen Anwendungen genügend Raum bietet. Und mit Blick auf künftige Anwendungen: »Guter Ton gepaart mit hochauflösenden Filmclips, idealerweise in CD-Qualität, also unkomprimiert, wird zwangsläufig die Bandbreitenspirale weiter nach oben drehen.« Ein weiteres bandbreitenhungriges Einsatzfeld seien die Online-Überwachung über Kameras in exzellenter Bildqualität via Internet-Protokoll (IP) sowie 3D-CAD-Anwendungen.
Nadelöhr WAN
»Was nutzt Highspeed im LAN, gegebenenfalls bis zu den Arbeitsplätzen, wenn die Carrier und Service-Provider weiterhin 2 MBit/s als Breitband-Anschlüsse vermarkten?«, wirft Hadi Stiel in die Runde.
Der freie Berater Manfred Patzke, der im Rahmen von Patzke Kommunikationssysteme unter anderem den BdNI-Sprecher Gerlach bei seinen Qualitätsmanagement-Bemühungen rund um die Planung und Installation von Verkabelungssystemen unterstützt, sieht WAN-seitig neue Zeiten anbrechen. »Die großen Netzbetreiber rüsten derzeit massiv auf, um die WAN- und MAN-Anschlussengpässe über den Einsatz von 10-Gigabit-Ethernet zu entschärfen.« Für ihn ist auch diese Initiative Grund genug für die Unternehmen, beim Verkabelungssystem nicht auf die Bandbreiten-Bremse zu treten. Wer könne schon wissen, welche Anwendungen in zehn bis 20 Jahren angesagt seien, argumentiert er. Er sensibilisiert über ein Mengenbeispiel: »Sollte künftig nur ein Arbeitsplatz 10 Gig über eine 3D-Anwendung brauchen, müssten bei gleicher Technik im Backbone- und Etagen-Bereich die Mitarbeiter an allen anderen PCs zwischenzeitlich innehalten – mit Blick auf ihre Produktivität ein Horrorszenario.«
Wie nah die Zukunft für einzelne spezielle Einsatzbereiche bereits sei, macht Stefan Löffler von Agilent anhand eines Beispiels deutlich. Bei Gesprächen mit Vertretern der US-Rüstungsindustrie zum Thema 10-Gigabit-Ethernet als Zukunftstechnologie habe man ihn verständnislos angeschaut: Diese Technologie sei beispielsweise für bandbreitenfressende Simulationsläufe schon lange im Einsatz. CAD-Anwendungen in 3-D seien ein weiteres Einsatzfeld, das den Bandbreitenbedarf gewaltig nach oben befördern werde, sagt Löffler voraus.
Schramm von Hirschmann geht von solchen Anwendungen als Folge der Prozessorentwicklung aus. »2003 sind die PC-Prozessoren mit 400-MBit/s-Karte sogar zwischenzeitlich dem 100-MBit/s-Ethernet ausgebüchst. Auch 1-GBit/s-Karten werden mit Blick auf immer leistungsfähigere Prozessoren nicht lange hinreichen.« Er prognostiziert: »Sobald es 3-D-Bildschirme in der Preislage der heutigen Bildschirme gibt, werden schnurstracks die dreidimensionalen Anwendungen folgen.« Das sei so sicher wie das Amen in der Kirche.
Mayr von Allot Communications erinnert an die Anschlussrealität: »Ob wir hier von 2 MBit/s oder bald 100 MBit/s reden: Dieses Nadelöhr wird im Vergleich zu den lokalen Netzwerken bis auf Weiteres bleiben.« Deswegen sei es unverzichtbar, gerade an diesen Übergängen mit einem vernünftigen IP-Traffic-Management aufzusetzen und die zeit- und geschäftskritischen Anwendungen zu priorisieren und mit DPI (Deep-Packet-Inspection) zu durchleuchten. »Später, bei größeren Anschlussbandbreiten«, so Mayr weiter, »wird der Bedarf an intelligenten IP-Traffic-Management-Werkzeugen nicht etwa geringer, sondern höher werden, weil dann die Bandbreitenunterschiede zwischen WAN-Anschlüssen und LAN-Verbindungen noch deutlicher ausfallen werden.«
Durchsatz für Triple-Play
BdNI-Sprecher Gerlach schätzt, dass der Bedarf an extrem großer Bandbreite nicht nur vom Business-Bereich ausgehen wird. »Solche Impulse werden auch von privater Seite, Stichwort Home-Automation, ausgehen.« Deshalb würden immer komplexere Buss-Kopplungen für eine Vielzahl an Kommunikationsdiensten und Anwendungen gebraucht werden, die im Heimbereich mit einem zukunftsfähigen Verkabelungskonzept antizipiert werden müssten.
Der technische Leiter Schuiki von Datakom nimmt diese Vorlage gern auf und bringt zusätzlich Triple-Play ins Spiel: »Zwar hockt Triple-Play hierzulande noch in den Startlöchern. Es wird hier aber schnell Fuß fassen, gepusht durch andere europäische Länder und Fernost, wo dieser multimediale Service schon deutlich an Fahrt gewonnen hat.« Auch die deutschen Service-Provider investieren offensiv in diese neue kombinierte Serviceart aus Sprache, Daten und Film/Fernsehen, indem sie kräftig ihren Verteilerbereich gegenüber den Kunden ausbauten, so Schuiki. So habe allein T-Com binnen des vergangenen Jahres in Erwartung eines lukrativen Geschäfts rund 3 Milliarden Euro in Fiber-to-the-Curb investiert (Quelle: A.T. Kearney). Nach dem technischen Leiter gehen Insider in Deutschland für den Markt rund um Triple-Play von einem jährlichen Umsatzpotenzial von 76 Milliarden Euro aus. »Zusätzlich Druck, in deutlich mehr Bandbreite für Triple-Play zu investieren, macht den Netzbetreibern der Verfall der Verbindungsgebühren«, hebt Schuiki hervor.
»Der private Absatz mit Video- beziehungsweise TV-on-demand wird den geschäftlichen Absatz übertreffen«, stimmt Berater Patzke zu. Er verweist auf ein weiteres Faktum für seine Einschätzung: »Im privaten Bereich sitzt das Geld für die entsprechenden Geräte und Infrastruktur lockerer.« BdNI-Sprecher Gerlach sieht mit Triple-Play auch außerhalb der Provider-Szene neue Geschäftsfelder entstehen, so für Wohnungsbaugesellschaften: »Sie können ihre Gebäude mit einer entsprechenden Infrastruktur aus passiven und aktiven Komponenten für bessere Vermietungs- oder Verkaufschancen aufwerten.« Sales-Director Mayr sieht angesichts IP-TV, also digitalem Fernsehen, und mehreren parallelen Strömen auf den Anschlussverbindungen die Bandbreitenlasten extrem steigen. Zudem fordere die Videoüberwachung den Verbindungen immer höhere Durchsatzraten ab.
»Auch das Normierungsgremium IEEE hat den Trend der Zeit erkannt und die Entwicklung eines Standards für 10 Gigabit/s bis zum Heim-Arbeitsplatz aufgegriffen«, berichtet Schramm. Darüber habe es innerhalb dieses Gremiums keinerlei Diskussionen gegeben. An diesem Standard zu arbeiten sei kurzerhand abgesegnet worden. Ein entsprechender verabschiedeter Standard für die letzte Meile, so Schramm, sei in Kürze zu erwarten. Parallel dazu arbeite eine europäische Gruppe innerhalb von IEEE an der Standardisierung von 1/10-Gigabit/s für Wireless-WLAN.
Produkte schon präsent
»Der private Markt wird angesichts des heraufziehenden multimedialen Zeitalters erheblich an Bedeutung gewinnen«, schätzt auch Hies von Cisco ein. Deshalb habe man, Triple-Play im Auge, bereits eine spezielle Produktlinie an Gigabit-Ethernet-Switch-Systemen mit entsprechenden Leistungsmerkmalen für den Metro-Ethernet-Markt aufgelegt. Und mit Blick auf die Provider, die sich bereits auf den Bandbreiten-Ansturm vorbereiten: »Jeder von ihnen hat mittlerweile ein-, meist mehrfach 10-GBit/s-Ethernet im Backbone im Einsatz. Einige Service-Provider haben sogar schon vor zwei Jahren damit begonnen, 40-GBit/s mit SDH-Framing (STM-256) zu realisieren.« Ein Selbstläufer sei gerade die 40-Gig-Variante dennoch nicht, räumt der Cisco-Berater ein. »Bei dieser extrem hohen Geschwindigkeit muss der Transport-Layer, beispielsweise DWDM (Dense-Wavelength-Division-Multiplexing), an die hohen Geschwindigkeiten angepasst werden.« Provider wägten heute ab, ob sie SDH-Framing (STM-64/256) oder 10-GE-LAN-PHY-Framing im Backbone einsetzen. Preislich sieht der Cisco-Spezialist 10-Gigabit-Ethernet im Vorteil gegenüber SDH, jedoch: »Der preisliche Vorteil von 10 GE im Backbone ist nicht immer ausschlaggebend.« Und auf eine Zwischenfrage aus der Runde: »SDH-Framing mit seinen synchronen Signalen hat Vorzüge beim Management, der Operator erhält direkt Einblick, was im WAN funktioniert, und was nicht.« Das sähen die Service-Provider weiterhin als Mehrwert gegenüber 10-Gigabit-Ethernet-LAN-PHY an.
Keine Killer-Anwendung abzusehen
Hies schwenkt um auf den Business-Bereich mit den lokalen Endgeräteanschlüssen und relativiert: »Eine Killer-Applikation für 10-Gigabit-Ethernet ist nicht in Sicht und wird es in absehbarer Zeit nicht geben. 1-Gig-Anschlüsse für die PCs werden zunächst völlig ausreichen.« Es sei nicht eine einzelne Applikation, sondern die Summe an Applikationen, die das Bandbreitenwachstum in Richtung Endgeräte treibt. Er nennt den Bandbreiten-fordernden »Backup am PC« als Einsatzbeispiel: »Bei immer mehr und größeren Dateien, vorangetrieben durch immer mehr E-Mails einschließlich der Anhänge, muss hier der Back-up schnell über die Bühne gehen.« Andernfalls werde das Arbeiten immer stärker beeinträchtigt, für das Unternehmen verbunden mit steigenden Produktivitätsverlusten. Er macht weitere Vorteile einer hoch performanten 1-Gig-Verbindung zwischen Server und PC aus: »Das Verarbeitungspotenzial des Servers kann so effizienter ausgeschöpft werden, weil weniger Verbindungen gleichzeitig offen bleiben. Außerdem sind die Server-/PC-Verbünde mit 1-Gig-Verbindungen besser skalierbar.« Weil keiner wissen könne, welche Anwendungen in 15 bis 20 Jahren eingesetzt werden würden, rät er dennoch, bei einer Neuverkabelung 10 GBit/s bis zum Arbeitsplatz in Erwägung zu ziehen.
Eine Frage des Preises
Moderator Stiel hakt hinsichtlich des Preises für 10-Gig-Anschlüsse nach: Bei aller langfristigen Bandbreitenvorsorge im LAN, wenn möglich bis zu den PCs, sollten die Teilnehmer der Diskussionsrunde nicht die hohen Preise für diese Technik aus den Augen verlieren. Immerhin werde in den meisten Unternehmen mittlerweile auf Teufel komm raus controlled.
Thomas Sentko, System-Application-Manager für Deutschland und verantwortlich für geschirmte Kupferkabel bei Tyco Electronics, setzt auf die nahe Zukunft: »Durch die steigende Marktnachfrage werden sich die Preis nach unten bewegen.« Eine 10-Gigabit/s-Karte (Twinax) für den PC, allerdings mit einer Längenbeschränkung von 10 Metern, gebe es über das Internet schon heute für 600 Dollar. »Die Preiskorrektur nach unten für 10-Gig-Anschlüsse ist schon in vollem Gang«, hebt Schramm von Hirschmann heraus. »Kosteten solche Karten anfangs zwischen 40000 und 60000 Dollar, ist eine 10-Gigabit-SR-Karte heute schon für 2800 Euro zu haben. Eine entsprechende WAN-Karte bis 10 Kilometer Kabellänge kostet derzeit ab 5000 Euro. Den 10-Gigabit-Chip für den PC gibt es schon für 300 Euro.«
»Die Preise werden immer weiter purzeln«, gibt sich Gerlach marktoptimistisch. Irgendwann werde keiner mehr darüber diskutieren, ob in den PC eine 10-Gigabit-Karte gesteckt werden sollte oder nicht. Sentko von Tyco Electronics pflichtet bei: »Bandbreite ist durch nichts zu ersetzen, außer durch größere Bandbreite.« Seien die passiven Komponenten erst einmal da, folgten auch die aktiven Komponenten, oder umgekehrt. Man sei bei Tyco Electronics längst davon abgekommen, den Bandbreitenbedarf anhand möglicher Anwendungen zu kalkulieren. Denn die permanente Geschwindigkeitssteigerung habe eine hohe Eigendynamik. »Deshalb«, so Sentko, »schöpfen wir Kupfer bis an die Grenzen dieses physikalischen Mediums aus.«
Qualitätsprobleme
Gerlach regt diese Vorgehensweise dazu an, für Twisted-Pair nach der Qualität der Verkabelungsinstallation und Messtechnik zu fragen und nachzuhaken, wer nun eigentlich der Geschwindigkeitstreiber auf dem Markt sei, das passive oder aktive Lager.
Berater Patzke ortet den Anstoß für 10 GBit/s über Kupfer beim Standardisierungsgremium IEEE, weniger in der Verkabelungsindustrie. Pfeiffer von Tyco Electronics sieht das ein wenig anders: »Aktiv und passiv, keiner kann ohne den anderen. Kein Superleiter für die Datenübertragung kann greifen, wenn die aktiven Komponenten dafür keine Anschlüsse bieten. Umgekehrt nutzt der schnellste Highspeed-Switch nichts, wenn dafür keine adäquate Verkabelung zur Verfügung steht.« Also müssten beide Lager zusammenarbeiten. Als ein ähnliches Beispiel nennt er die Spirale der Soft- und Hardware-Hersteller im PC-Bereich: »Wenn Microsoft neue Anwendungen in Aussicht stellt, fertigt Intel die schnelleren Prozessoren, oder umgekehrt.« Letztlich habe das wiederum Rückwirkung auf die passive Infrastruktur, da sie die schnelleren PCs vernetzen müsse. Wesentlich für die Marktakzeptanz einer neuen Technologie, so Pfeiffer, seien letztlich der Preis und die Einfachheit der Lösung. Der Preis für 10-Gigabit-Anschlüsse werde weiter fallen. In puncto Einfachheit sei das Kupferkabel im Vergleich zur Glasfaser »einfach unschlagbar«. »Jeder Elektroinstallateur kann mit Kupfer umgehen. Fiber – eine ganz andere Welt – ist hingegen schon immer in der Konfektion komplexer, aufwändiger und damit fehleranfälliger gewesen«, ist seine Einschätzung.
Das will Moderator Stiel so nicht stehen lassen. Zumal mit extrem hohen Frequenzen das Kupferkabel seinen Nimbus der Einfachheit endgültig verloren habe.
Stefan Löffler von Agilent pflichtet bei: »Der durchschnittliche Elektrotechniker muss heute schon bei 1 Gigabit/s über Kupferkabel in der Verlegungs- und Messpraxis passen.« Er berichtet von einem deutschen Service-Provider, der, weil er von 10/100-Ethernet auf 1000-Ethernet wechseln wollte, die Verkabelung sicherheitshalber durchmaß. Das Ergebnis: »Zehn Prozent der Verkabelungskomponenten mussten als Ausschuss eliminiert werden.« Der wesentliche Grund dafür sei gewesen, dass durch häufiges Umstecken die Verkabelungskomponenten abgegriffen waren. Und an die Verkabelungshersteller aus der Kupferecke gewandt: »Unter Laborbedingungen sind eure Messwerte optimal. Später im Feld sieht das aber ganz anders aus, wenn beispielsweise die Installateure unter Zeitdruck planen, verlegen und vermessen.« Dabei erwiesen sich gerade die extrem hohen Frequenzen als Bumerang, weil dadurch Fehler im Verkabelungssystem noch stärker durchschlügen.
Reine Ausbildungssache
Patzke erachtet in diesem Zusammenhang den gut qualifizierten Installateur, der ständig auf die Uhr schaut, »als weniger gefährlich« als den schlecht ausgebildeten Installateur. Das Problem für die Unternehmen: »Die zweite Kategorie bildet leider die Mehrheit unter den Installateuren.« Deshalb sehe man sich bei der BdNI besonders gefordert, den Installateuren nicht nur das richtige Handling beizubringen, sondern auch für ein besseres Handlungsverständnis die Theorie dahinter. Nach Patzke sind die Verkabelungshersteller nicht ganz schuldlos an der Verlegungsmisere. »Wenn die die Verlegung von hochfrequentigem Kupferkabel weiterhin als einfach vermarkten, braucht man sich nicht über die negativen Folgen für die Unternehmen zu wundern.« Dass bereits Baumärkte solche Verkabelungskomponenten als vermeintliche Selbstläufer führten, mache zusätzlich deutlich, wie gefährlich solche falschen Herstellerbotschaften seien. Gefordert ist nach Patzke stattdessen mit jedem Frequenzschritt nach oben eine um so ehrlichere Vermarktung, weil nur so ein höheres Qualitätsbewusstsein rund um das immer sensiblere Kupferverkabelungssystem etabliert werden könne. Laut Patzke animiert auch die Zwei-Jahres-Gewährleistung für das Verkabelungssystem einige Hersteller dazu, ihre Produkte leichtfertig zu vermarkten. »Die Probleme mit der Verkabelung treten meist erst nach Ablauf der Gewährleistung auf. Dann muss der Hersteller für begangene Installationsfehler und -nachlässigkeiten nicht mehr einstehen.«
Sentko von Tyco Electronics nimmt die eigene Entwicklung in Schutz: »Innerhalb des vergangenen Dreivierteljahrs haben wir uns besonders auf die Optimierung der Handhabbarkeit unserer Produkte konzentriert, also potenzielle Anschluss-Fehlerquellen bei Höchstfrequenzen zu reduzieren.« Dadurch sei der Unterschied zwischen Labor- und Feldeinsatz zum Nutzen der Unternehmenskunden geringer geworden. Auf gut qualifizierte Installateure sei man dennoch angewiesen, um die Verkabelungslösung rund zu machen. Deshalb versuche man auch, als Ausbilder die Qualitätsschraube nach oben zu drehen. »Allerdings kommen wir kaum hinterher«, schränkt er ein. »Denn die Unwissenden im Verkabelungsfeld sterben nicht aus.«
Der zweite Teil des Roundtables steigt mit den Möglichkeiten ein, wie die Qualität von hochfrequenten Kupferverkabelungssystemen besser abgesichert werden kann. Bericht in einer der kommenden Ausgaben.
hs@networkcomputing.de
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